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Ukraine-Krieg

In einer Hand das Kind, in einer den Laptop

Die ukraninischen Forscherinnen Anna Kosogor, Solomiia Tkach und Nataliia Zarubina
Die ukraninischen Forscherinnen Anna Kosogor, Solomiia Tkach und Nataliia ZarubinaClemens Fabry
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Drei ukrainische Forscherinnen erzählen von ihrer Flucht vor dem Krieg und, wie sie in Österreich dank des Ukraine-Programms der ÖAW ihre wissenschaftliche Arbeit aus der Ferne fortführen können.

Wenn ihr erwachsener Sohn sie nicht gebeten hätte, seine Frau und die zwei Kinder in Sicherheit zu bringen, hätte sie Kyiv nicht verlassen, betont Nataliia Zarubina vom Institut für Kernforschung der Nationalen Akademie der Wissenschaften der Ukraine (NAS). So aber setzte sich die 61-Jährige ins Auto Richtung Westen. Im Gepäck: zehn Jahre Forschungsergebnisse zur radioaktiven Kontamination der Ökosysteme um Tschernobyl. Im Visier hat sie das radioaktive Cäsium-137 mit einer Halbwertszeit von 30 Jahren, das Zarubina mittels Gammaspektroskopie nachweist. „Es gibt eine saisonale Dynamik, und die Kontamination von Bäumen oder Pilzen verzehnfacht sich bisweilen – aber zu unterschiedlichen Zeiten.“

In Österreich angekommen, machte sie sich sogleich an eine Zusammenfassung ihrer jüngsten Daten. Sie kooperiert dabei mit dem Geologen und Impaktforscher Christian Köberl, dem ehemaligen Direktor des Naturhistorischen Museums Wien: „Meine Ergebnisse sind auch für manche Gegenden hierzulande interessant, in denen – wenn auch in geringem Ausmaß – immer noch radioaktive Kontamination nachweisbar ist.“

Die Situation rund um Tschernobyl habe sich hingegen mit dem Krieg verändert: „Die russischen Soldaten waren beim Reaktor und haben den Boden auf dem Areal umgegraben – wer weiß, welche Stoffe sie dadurch freigesetzt haben.“ Zarubina schüttelt den Kopf und schließt die Augen. Die Gräuel des Kriegs sind allgegenwärtig.

Ein E-Mail an den Ex-Minister

„Als Wissenschaftlerinnen können wir wenigstens unserer Arbeit nachgehen“, sagt die Ökonomin Solomiia Tkach. Sie befasst sich mit der Entwicklung von Städten und Regionalwirtschaften. In einem Hotelzimmer in Polen, ihrer ersten Station der Flucht im März, hat sie das Internet nach wissenschaftlichen Einrichtungen durchforstet, die der ihren in Lwiw, dem Dolishniy-Institut für Regionalforschung der NAS, ähnlich sind. Gelandet ist sie auf der Website des Instituts für Stadt- und Regionalforschung der Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Kurzerhand hat sie deren Präsidenten und Ex-Wissenschaftsminister, Heinz Faßmann, ein E-Mail mit ihrem Anliegen geschrieben.

Es folgte eine freundliche Korrespondenz und eine Einladung nach Österreich. So erfuhr Tkach vom Jesh-Ukraine-Programm (siehe Lexikon). Für sie ist klar: „Ich will auch von hier aus nützlich für mein Land sein und helfen.“ Die Ökonomin hat sich mit einer Studie zur wirtschaftlichen Erholung ukrainischer Städte nach dem Krieg – aufbauend auf Erfahrungen anderer europäischer Städte – erfolgreich für eine Jesh-Förderung beworben. „Als ich geflohen bin, dachte ich, der Krieg sei in drei Wochen vorbei. Nun muss ich meine Untersuchung der Realität anpassen“, so Tkach. Längst gehe es nicht mehr um Erholung, sondern um Wiederaufbau.

Ehemänner blieben zurück

Die Stimme der 38-Jährigen wird kämpferisch, wenn sie von der Situation in der Ukraine spricht. Als die Rede auf die Massaker gegen die Zivilbevölkerung kommt, verstummt sie. „Der Schmerz ist zu groß.“ Tkach ist mit ihrem dreijährigen Sohn geflohen. Ihr Mann, ebenfalls Wirtschaftswissenschaftler, ist zurückgeblieben, so auch ihre Eltern und ihr Bruder, ein Neuropsychologe, die in einem Dorf in der nordukrainischen Region Chernihiv festsitzen. „Ich habe lang gewartet, bevor ich aufgebrochen bin, um als Familie zusammenzubleiben, aber mein Sohn soll an einem friedlichen Ort aufwachsen.“

Die Sorge um das Wohl des eigenen Kindes gab auch bei Anna Kosogor letztlich den Ausschlag, die Ukraine zu verlassen. „In der einen Hand hatte ich meinen Sohn, in der anderen meinen Laptop.“ Die Theoretische Physikerin leitet eine Arbeitsgruppe am Institut für Magnetismus von NAS und ukrainischem Wissenschaftsministerium und beschäftigt sich mit Formgedächtnis-Legierungen. Das sind spezielle Metalle, die verformt werden können, aber wieder in ihre ursprüngliche Form zurückfinden. Aufgrund dieser Eigenschaft sind die Materialien unter anderem in der Medizintechnik von großer Bedeutung, etwa für Gelenkprothesen oder Stents zur Gefäßerweiterung beim Herzen. Die Mitglieder ihres siebenköpfigen Teams sind zum Teil geflüchtet, zum Teil geblieben – trotzdem arbeiten sie weiterhin, so gut es geht, zusammen.

„Vor dem Krieg haben mich einige Kolleginnen und Kollegen angeschrieben, ich solle das Land verlassen, irgendetwas würde passieren“, erinnert sie sich. Aber obwohl sie schon mehrfach als Gastforscherin im Ausland – in Japan, Schweden, Finnland und Deutschland – tätig war, wollte sie unter diesen Umständen nicht gehen. „Ich konnte nicht glauben, dass es zum Krieg kommt, bis ich am Tag des Angriffs um fünf Uhr Früh von den Bomben geweckt wurde.“

Antrag bei Artillerie-Lärm

Sie suchte Unterschlupf bei ihren Eltern, die in einer Ortschaft nördlich von Kyiv leben – nahe von Butscha, jener Stadt, in der Massengräber von den Kriegsverbrechen der russischen Soldaten zeugen. „Es war ein Albtraum. Überall Bomben, Panzer, Helikopter. Dann die schlechten Nachrichten über getötete Bekannte und eine getötete junge Kollegin.“ Kosogor flüchtete in die weiter südlich liegende Stadt Bila Zerkwa.

„Hier hatten wir nichts, schlechtes Internet, Stromausfälle, die Geschäfte waren leer. Als sich mein Sohn, dessen fünfter Geburtstag bevorstand, dann statt Geschenken nur wünschte, in Sicherheit zu sein, wusste ich, dass es Zeit wurde zu gehen.“ Die 37-Jährige kam auf das Unterstützungsangebot des Wiener Physikers Dieter Süss zurück und formulierte „bei Artillerie-Lärm“ ihre Bewerbung für das Jesh-Programm der ÖAW. Mittlerweile sicherte ihr auch das Erwin-Schrödinger-Institut für Mathematische Physik eine Förderung zu.

„Die Kooperation mit der Wiener Forschungsgruppe bietet neue Chancen. Ich möchte sie dauerhaft etablieren“, schmiedet Kosogor Pläne für eine Zukunft nach dem Krieg. Auch Tkach bemüht sich um Optimismus: „Wir sind stark und geben nicht auf. In gewisser Weise sind wir auch Soldatinnen, auf einem anderen Feld eben.“

LEXIKON

Das Jesh (Joint Excellence in Science and Humanities)-Programm der ÖAW fördert rund 100 ukrainische Wissenschaftler mit zweimonatigen Forschungsaufenthalten – darunter die Strahlenbiologin Nataliia Zarubina, die Ökonomin Solomiia Tkach und die Physikerin Anna Kosogor. Das Programm wird unterstützt von der Ludwig-Boltzmann-Gesellschaft, dem WWTF, der Stadt Wien und dem Acib.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.07.2022)