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Literatur

Das ist kein Spiel: Vater, Vater, Kind

Erwachsen werden ist schwer genug – zumal mit zwei Vätern. Mikita Frankos liebevoller Roman „Die Lüge“: ein Plädoyer für Menschlichkeit.

Der siebenjährige Miki lebt wohlbehütet in einer russischen Kleinstadt: Wie die meisten Kinder gleichen Alters erlebt er den Schulanfang („Das mit der Schule haperte schon am ersten Tag“), Hänseleien durch andere Kinder, weil er sich gut mit einem Mädchen versteht, Rügen der Lehrerin; dazu Reibereien mit „den Eltern“, wie Miki sie als Ich-Erzähler nennt. Und die geben zu: Elternschaft ist kein Spaziergang, „das hat eher was von einem Raubüberfall“. Allerdings gibt es einen entscheidenden Unterschied zu den Familien der Schulkollegen: „Die Eltern“ bestehen aus zwei Männern, Mikis Onkel Slawa und dessen Lebenspartner Lew.

Im Russland des 21. Jahrhundert ist diese Lebensform nach wie vor riskant, und so ist Miki schon früh dazu verurteilt, mit einer „Lüge“ aufzuwachsen. Vor dem ersten Schultag wird er von Slawa gebrieft, was er sagen darf und was nicht: „Bei wem wohnst du?“ – „Bei meinem Papa.“ – „Wie heißt er?“ – „Lew.“– „Miki, nein! Konzentrier dich. Du musst ,Slawa‘ sagen. Meinen Namen. Weil ich das Sorgerecht habe, weißt du noch?“ Es verwundert daher nicht, dass Miki bald meint, für das Wohl der Eltern verantwortlich zu sein: „Es ärgerte mich, dass ich mich wie ein Erwachsener benehmen musste. Nicht einmal unter Kindern konnte ich Kind sein. Immer hatte ich das Gefühl, dass sie nur Blödsinn machten.“ Die Art und der Ton, wie Mikita Franko seinen Protagonisten über die unterschiedlichen Lebensphasen erzählen lässt, unterstreichen dieses Gefühl: Es ist kaum je das sieben-, acht- oder neunjährige Kind, das man herauszuhören meint – vielmehr schimmert die Erinnerung eines jungen Mannes durch, der auf seine Kindheit zurückblickt; das Erzähler-Ich bestätigt die Rückschau auch öfter.