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Interview

Stefan Hertmans: „Moralistische Literatur ist zweitklassig“

„Wir Boomer hätten uns nie erträumen lassen, dass Demokratie so zerbrechlich ist“, sagt Hertmans.
„Wir Boomer hätten uns nie erträumen lassen, dass Demokratie so zerbrechlich ist“, sagt Hertmans.Saskia Vanderstichele
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Der belgische Schriftsteller Stefan Hertmans lebte, ohne es zu wissen, zwei Jahrzehnte lang im ehemaligen Haus eines der schlimmsten flämischen Nationalsozialisten. In „Der Aufgang“, seinem Buch darüber, geht er der Frage nach, wieso manche Menschen sich bewusst für das Böse entscheiden – aber auch, wie man in schlimmen Zeiten den Anstand bewahrt.

Was für ein Mensch war dieser flämische Nazi-Kollaborateur Willem Verhulst, um den es in Ihrem neuen Buch „Der Aufgang“ geht?

Stefan Hertmans: Ein Spießbürger. Ursprünglich ein sympathischer junger Mann dazu. Ein Verführer. Ein Mann der Frauen. Ein Narzisst, unbedingt. Ein impulsiver Mensch, der gern positiven Eindruck auf die Leute machen wollte, der ehrgeizig war. Ich kann mich erinnern, wie ich vor gut 20 Jahren das Buch „Männerphantasien“ von Klaus Theweleit gelesen habe, in dem er ein sehr schönes Psychogramm des jungen Nazis beschreibt, wie man es in der nazistischen Literatur der 1930er-Jahre findet. Auch da entsteht das Bild eines jungen, ehrgeizigen Mannes, meistens sensibel, meistens aus der unteren Mittelschicht, und oft Kind von Leuten, die keine große Karriere gemacht hatten, aber für ihren Sohn das Beste wollten. So ein Mensch ist Verhulst.

Klingt relativ normal. Wie wurde er zum gefürchteten SS-Schergen von Gent?