Pop

Lennon Vater, Lennon Sohn

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John Lennon - geboren 1940, Gründung der Beatles 1960, Auflösung 1970, gestorben 1980, erschossen von einem Fan. Nun wurden seine Soloalben neu aufgelegt: Sie zeigen auch den chronischen Selbstanalytiker.

Geboren 1940. Gründung der Beatles 1960. Auflösung der Beatles 1970. Gestorben 1980. Ein rundes Leben, hätte John Lennon gesagt, als er noch jung und zynisch war. Wie lange er zynisch war, wann und ob er vom Raufer zum Hausmann, vom Ketzer zum Heiligen wurde, darüber kann man streiten, jung war er bis zuletzt. Erstens, weil man bis 40 als junger Mann durchgeht, zweitens, weil Lennon in seinem vierten Jahrzehnt wie besessen seine Kindheit und Jugend nachbearbeitete. Auf dem Cover seiner ersten Soloplatte („Plastic Ono Band“, 1970) sah man ihn als Schulbuben, auf „Rock'n'Roll“ (1975) als Teenage-Rocker in Hamburg. „We have grown“, sang er 1980 im gemütlichen „(Just Like) Starting Over“, der letzten Single, die zu seinen Lebzeiten veröffentlicht wurde.

„Mach was mit meiner Stimme!“

Pop als öffentliches Erwachsenwerden, als (möglichst für eine ganze Generation exemplarischer) Entwicklungsroman: John Lennon hat das vorgelebt. Er hat es überhöht, bis zur Koketterie, mit einer Rolle als Märtyrer: „The way things are going, they're gonna crucify me“, hieß es in der „Ballad of John and Yoko“. Und er hat es vorgesungen: Seine scharfe, selbst im Jubel schmerzliche Stimme war das ideale Organ dafür. Vielleicht hatte er darum in den frühen Jahren eine „tief sitzende Abneigung“ gegen sie, wie Beatles-Produzent George Martin erzählt: „Immer wieder hat er zu mir gesagt: ,Mach was mit meiner Stimme! Leg was drüber! Erstick sie mit Ketchup oder sonst was. Mach sie anders!‘“

Es ist erschreckend zu hören, wie ähnlich die Stimmen seiner Söhne Julian (geboren 1963) und Sean (geb. 1975) sind: Es stört den tief sitzenden Glauben, dass eine Stimme das Dokument einer seelischen Entwicklung ist, das erworbene Markenzeichen eines Individuums. Tröstlich, dass die Stimme von John Lennons Vater doch anders klingt. Wir wissen das, weil der heruntergekommene Seemann Alfred Lennon 1965 eine kurze Plattenkarriere startete, ermöglicht durch seinen erfolgreichen Sohn, dem er mit der Tür ins Haus fiel, um ihn anzubetteln. „That's My Life (My Love and My Home)“ hieß seine erste Single, im selben Jahr sang John Lennon sein programmatisches „In My Life“.

„It started in Liverpool where I was born, no father to advise me, but I carried on“: Diese Zeilen sind vom Vater, aber sie könnten auch vom Sohn sein. „Father, you left me, but I never left you“, sang dieser 1970: „I needed you but you didn't need me. So I got to tell you: Goodbye, goodbye.“ Der Song heißt „Mother“ und wird von einer Totenglocke eingeläutet. Er eröffnet das Album „Plastic Ono Band“, das mit dem kurzen Track „My Mummy's Dead“ schließt.

Auch wenn sein Vater erst 1976 sterben sollte, John Lennon fühlte sich als Vollwaise. Und dazu befreit von der Bubenbande der Beatles: Im Song „God“ auf demselben Album endet eine Aufzählung von Personen und Dingen, an die er nicht glaubt (Magie, I-Ging, Bibel, Tarot, Hitler, Jesus, Kennedy, Mantra, Gita, Yoga, Könige, Elvis, Zimmerman), im Satz „I don't believe in Beatles“. Es folgt Schweigen, dann das Bekenntnis: „I just believe in me, Yoko and me, and that's reality.“ (Das drei Jahre nach „Strawberry Fields Forever“ mit der Schlüsselzeile „Nothing is real“!) Der Traum sei vorbei, jetzt sei er wiedergeboren, gottlos, illusionslos, frei.

Bei der Urschreitherapie

Die Inspiration zu diesem naiven psychotherapeutischen Realismus kam von Arthur Janov, dessen Urschreitherapie Lennon und Yoko Ono ausprobiert hatten. „Nicht schon wieder eine neue Masche!“, kommentierte Lennons erste Frau Cynthia bitter. Doch an irgendetwas wollte oder musste Lennon offenbar glauben, das war nun eben die „Realität“, die „Wahrheit“, wie er es auf seinem nächsten, besten Soloalbum („Imagine“, 1971) in „Gimme Some Truth“ formulierte.

Dieser überzeugend angewiderte Song wirkt heute noch – im Gegensatz zu einem Gutteil des Post-Beatles-Werks John Lennons. Das betuliche „Mind Games“ etwa, die holprigen politischen Songs auf „Some Time In New York City“, das weinerliche „Nobody Loves You (When You're Down And Out)“: So präzise Lennon als Lyriker sein konnte (auch noch nach den Beatles, in „Working Class Hero“ etwa), oft war er zu platt. Und der Lust am Sprachspiel à la „I Am the Walrus“ hatte er deutlich abgeschworen: „I was the walrus. Now I am John.“ Das strenge Ich!

Er habe das Glück gehabt, mit zwei wirklichen Partnern zusammenarbeiten zu dürfen, mit Paul McCartney und Yoko Ono, sagte Lennon einmal. Im Rückblick kann man getrost sagen: Die Ergebnisse der ersten künstlerischen Partnerschaft waren besser. Vielleicht weil McCartney ihn von der chronischen Selbsttherapie abhielt, statt ihn darin zu bestärken. Wie Lennon mit seinem ehemaligen Kompagnon abrechnete, kann man in „How Do You Sleep“ nachhören: „The only thing you've done was ,Yesterday‘“, wirft er ihm u.a. vor. Das zumindest kann man John Lennon sicher nicht nachsagen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.12.2010)

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