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Junge Forschung

Ausgezeichnete Zwillingsbrüder

Als sie merkten, dass ihre Doktorarbeiten ungefähr zugleich fertig werden, spekulierten sie auf eine gemeinsame Promotion: Erich (l.) und Reinmar (r.) Kobler.
Als sie merkten, dass ihre Doktorarbeiten ungefähr zugleich fertig werden, spekulierten sie auf eine gemeinsame Promotion: Erich (l.) und Reinmar (r.) Kobler.Lunghammer
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Die Computerwissenschaftler Erich und Reinmar Koblerpromovierten am Donnerstag „sub auspiciis“ an der Grazer TU. Die Erkenntnisse ihrer Forschung nutzen der Medizin.

Insgesamt 32 Stunden lang war Reinmar Kobler von Japan nach Österreich unterwegs. Der gebürtige Hausruckviertler (OÖ), der seit zwei Jahren als Post-Doc an einer Forschungseinrichtung in Kyoto daran mitarbeitet, elektrische Hirnsignale mit bestimmten Krankheitsbildern zu verknüpfen, um neue Therapieansätze zu entwickeln, hatte einen besonderen Grund für den Besuch in seinem Heimatland: Vorgestern, Donnerstag, promovierte er an seiner ehemaligen Ausbildungsstätte, der TU Graz, „unter den Auspizien des Bundespräsidenten“ – gemeinsam mit seinem Zwillingsbruder Erich, der gleichfalls alle Prüfungen während des Studiums sowie das Rigorosum mit „Sehr gut“ abgelegt hat und bald ebenso im Ausland Karriere machen wird. In drei Wochen tritt er einen Job als Wissenschaftler am Universitätsklinikum Bonn in Deutschland an. „Zwillinge, die ihr Studium zeitgleich mit den bestmöglichen Leistungen abschließen, das gab es bei uns noch nie“, hebt man vonseiten der TU Graz hervor.

 

Maschinelles Lernen hilft Menschen

Der erste Weg nach seiner Ankunft in Schwechat führte Reinmar Kobler zunächst zu seinem Bruder. Mit diesem war er nicht nur gemeinsam aufgewachsen: Die beiden hatten sich in ihrer Zeit am Technikum Linz ein Zimmer im Schülerheim geteilt und während ihres Studiums zusammen eine Wohnung in Graz bezogen. Nach ein paar Semestern unternahmen die beiden eine Sprachreise nach Neuseeland. Reinmar Kobler lernte dort seine spätere Frau, eine Japanerin, kennen und folgte ihr nach Kyoto. „Meine Aufgabe beim dortigen Forschungsprojekt ist es, Maschinenlern-Modelle zu entwickeln und zu optimieren, die die Messung von Gehirnströmen mittels Elektroenzephalogramm (EEG) verbessern, indem sie Muster zuverlässig erkennen.“ Bereits in seiner Dissertation hatte sich der 33-Jährige mit der Gehirnaktivität befasst. „Da ging es um die Frage, wie man durch bloße Gehirnaktivität Roboter steuern oder Computer bedienen kann.“ Die elektrischen Impulse des Gehirns müssen dabei in Echtzeit in Signale umgewandelt werden, die den Roboterarm oder den Cursor am Computerbildschirm kontrollieren. „Das käme Menschen mit schwersten körperlichen Beeinträchtigungen zugute, es ist aber noch viel Forschungsarbeit nötig“, sagt der Telematiker und Computerwissenschaftler.

Zwillingsbruder Erich Kobler, der in Graz dasselbe Studium absolviert hatte, befasst sich gleichfalls mit maschinellem Lernen. „Ziel meiner Forschung ist es, robuste mathematische Methoden mit maschinellem Lernen zu verbinden, um bestimmte Probleme bestmöglich zu lösen. Diese Methoden finden unter anderem Anwendung in der Medizin: Zum Wohle der Patienten wird versucht, bei der Computertomografie die potenziell krebserregende Strahlung zu reduzieren, und bei der Magnetresonanztomografie, die Aufnahme zu beschleunigen. In beiden Fällen führt dies üblicherweise zu unvollständigen oder qualitativ schlechteren Messdaten. Bei der Umwandlung dieser Daten in Bilder kann jedoch der Computer die fehlenden Daten mit Erfahrungswerten, die er ,gelernt‘ hat, ergänzen und die Qualität der Bilder verbessern. Wichtig ist eine hohe Zuverlässigkeit dieser Methode.“ Das Lernen erfolgt, indem der Computer Informationen aus Bildmaterial extrahiert und Muster erkennt. „Das ist ein Interessensgebiet, das mich schon seit dem Studium begleitet“, sagt der Forscher, der an seinem Wechsel von der Uni Linz nach Bonn u. a. schätzt, dass damit die Forschungstätigkeit anstelle der Lehre wieder mehr in den Fokus rückt.

„Als wir gesehen haben, dass wir mit unseren Doktorarbeiten ungefähr zum selben Zeitpunkt fertig werden, haben wir zu spekulieren begonnen, ob sich eine gemeinsame Promotion ausgeht“, erinnert sich Reinmar Kobler. Dass es noch dazu eine Promotion in Anwesenheit des Bundespräsidenten sein würde, sei nie geplant, jedoch eine schöne Gelegenheit gewesen, einander nach Monaten des ausschließlichen Telefonkontakts wieder zu sehen und die Ehrung gemeinsam, aber für individuelle Leistungen, entgegenzunehmen – auch unter diesem Gesichtspunkt eine Feier unter ganz besonderen Auspizien.

ZU DEN PERSONEN

Erich und Reinmar Kobler (33) sind Zwillingsbrüder und haben an der TU Graz Telematik sowie Computerwissenschaften studiert. Sie bestanden alle Prüfungen mit der Note „Sehr gut“ und promovierten daher „sub auspiciis praesidentis“ – am selben Tag. Beide befassen sich nun in Forschungsprojekten mit dem Einsatz von maschinellem Lernen in der Medizin.

Alle Beiträge unter: www.diepresse.com/jungeforschung

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.07.2022)