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Doku-Serie

„Angels and Demons“ - von Mobbing und Missbrauch bei Victoria's Secret

2019 wurde die jährliche Show der Marke eingestellt.
2019 wurde die jährliche Show der Marke eingestellt.(c) Getty Images for Victoria´s Secr (Dimitrios Kambouris)
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Um die Jahrtausendwende erlebte die Dessous-Marke ihr Hoch. Nun entlarvt eine Dokumentationsreihe die dunklen Geheimnisse der Brand, in die wohl auch Jeffrey Epstein verwickelt war.

Nachdem eine Dokumentation den Aufstieg und Fall von Abercrombie & Fitch beleuchtet hat, widmet sich ein Streaming-Dienst der nächsten Y2k-Brand: Victoria's Secret. Jene Brand, die ihre „Engel“ in  „Add-2-Cups“-Bras (ein BH, der aus einem A- optisch ein C-Körbchen machen sollte) über den Laufsteg schweben ließ - riesige Flügel inklusive. 2019, nach 23 Jahren, wurde die hochtourige Laufstegshow eingestellt. Die dreiteilige Doku-Serie „Victoria's Secret: Angels and Demons“ unter der Regie von Matt Tyrnauer, der 2009 bereits in die Historie von Modehaus Valentino eingetaucht ist, gibt es seit Donnerstag auf Hulu zu sehen. Sie widmet sich der Aufarbeitung einer durch Glanz und Glamour getarnten Geschichte, die weniger mit Mode als mit Macht zu tun hat.

Mit Vorwürfen von Mobbing und Belästigung, zu. Beispiel zu Führungskräften, die sich weigerten, vielfältiger und integrativer zu casten, sieht sich der milliardenschwere Dessous-Konzern spätestens seit #MeToo und der Body-Positivity-Bewegung immer mal wieder konfrontiert. Das Ausmaß dieser Vorfälle ist nun noch deutlicher zu sehen. Die Mini-Serie gibt Einblicke in das Innenleben des Konzerns sowie dessen Auswirkungen auf das gesellschaftliche Bild von Mode und Körper. Interne Mitschnitte von Models und Angestellten zeichnen das Bild einer rückschrittlichen, beleidigenden Marketingstrategie, die in konkreten Fällen bis zum Missbrauch führte.

Gute Freunde - Wexner und Epstein

Was als Ermächtigung von Frauen inszeniert wurde, war ganz offensichtlich keine ganzheitliche Unternehmensstrategie. So betonte der langjährige Marketingchef Ed Razek wiederholt in Interviews, er wolle keine Transgender- oder Plus-Size-Models integrieren. Ihm wird außerdem von mehreren „Angels“ Belästigung und Unterdrückung vorgeworfen, etwas, das innerhalb des Megakonzerns gang und gäbe gewesen sein dürfte. Etablieren konnten sich diese Strukturen nicht zuletzt auch wegen des Victoria's Secret CEO Leslie H. Wexner. Der 84-Jährige hatte das Unternehmen 1982 gekauft, auch er wird der sexuellen Übergriffe bezichtigt.

Eines der wohl schockierendsten Gegebenheiten der Doku-Reihe manifestiert sich aus der engen Freundschaft zwischen CEO Wexner und Finanzier Jeffrey Epstein. Letzterer wurde 2019 wegen zahlreicher Sexualverbrechen an Minderjährigen angeklagt, seine Komplizin Ghislaine Maxwell wurde erst kürzlich zu zwanzig Jahren Haft verurteilt. Wexner soll seinem milliardenschweren Freund Zugang zu mehr Reichtum und Frauen ermöglicht haben.

1997 gab sich Epstein als Talentsucher für Victoria's Secret aus und lockte so ein Model in sein Hotelzimmer, wo er sie begrapscht und misshandelt haben soll. Die Beziehung zwischen den beiden Männern soll dem Vermögensverwalter sogar den Kauf seines Stadthauses begünstigt haben, jenes, in dem der inzwischen Verstorbene reihenweise Minderjährige missbrauchte, ebenso die Beschaffung seiner Privatjets, mit denen er seine Opfer beförderte. Wexner selbst lehnte die Interviewanfragen der Serie ab, bestreitet aber von Epsteins Machenschaften gewusst zu haben.

Unerreichbar sexy

Die Marke hatte aber bereits vor der zutage kommenden Beziehung der beiden vermögenden Männer, mit Kritik zu kämpfen. Denn die Ästhetik der weichgezeichneten, mit Polstern perfektionierten Körper und unverhohlenen Sexiness wirkte zunehmend aus der Zeit gefallen. Bilder, die - ähnlich wie Model-Castingshows - Mädchen und Frauen generationsübergreifend ein schlechtes Körpergefühl vermittelten. Dabei pflegte man vor den späten Neunzigern ein gänzlich anderes Image, inspiriert von einer geschmackvollen britischen Dame namens Victoria. Die Marke war in den 1980ern demnach von zarter Spitze und Seide geprägt, die erst später dem knalligen Polyester weichen musste. Man wollte so eine neue Generation von Frauen ansprechen, die ihre Sexualität zurückgewinnen wollten - während man die Models ihrer eigenen beraubte.

Propagiert wurde das Bild damals von Supermodels wie Adriana Lima, Heidi Klum und Alessandra Ambrosio, zuletzt auch von Kendall Jenner und den Hadid-Schwestern. So versuchte eine Dessous-Marke am Kuchen der großen Modehäuser mitzunaschen - zunächst mit Erfolg. Denn das Label veranstaltete die meistgesehene Modenschau aller Zeiten und das, obwohl es mit Mode in dem Sinn nichts zu tun hatte.

Aktuell versucht sich die Marke, ebenso wie Abercrombie & Fitch, neu zu erfinden. Mit diverseren Körperbildern und einem vielfältigeren Sortiment. Immer noch setzt man auf bekannte Gesichter, zuletzt etwa Hailey Bieber. Ob die Marke ihr Image tatsächlich ändern kann, bleibt fragwürdig.

(evdin)