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Gastkommentar

Ich wollte dieses Baby nie

Peter Kufner
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Beim weiblichen Bauch haben alle anderen ein Veto. Von Einzug und Rückkehr politischer Entscheidungen in unsere Gebärmutter.

Es begann als dystopischer Gesellschaftsentwurf nach Margaret Atwoods Roman: Im patriarchalisch organisierten Gottesstaat Gilead wurden Frauen zwangsverpflichtet und nach ihrem vermeintlichen Nutzen für die Gemeinschaft kategorisiert – als jene, die noch als Zuchtvieh zu gebrauchen waren (Mägde); alle Unfruchtbaren, die bloß zu Putz- und Haushaltstätigkeiten taugten (Matern); und solche, die aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder sonstiger „Verfehlungen“ als Abschaum galten und in Strafkolonien verfrachtet wurden.

DIE AUTORIN

Julia D. Krammer (* 1985) ist Juristin, freiberufliche Schriftstellerin, Sprecherin und Trainerin. Sie veröffentlichte bislang Kurzgeschichten in Literaturzeitschriften. Ihr Debütroman „Den Körper schreiben die Gedichte“ erscheint 2022 bei Matthes & Seitz Berlin. 2018 gründete sie ihr Unternehmen www.wortklang.at

Wer die monatlich zugunsten der Allgemeinheit vergewaltigten Zuchtstuten in roten Kleidern und weißen Mützchen nicht kennt und sich angesichts der Aufhebung des US-Grundsatzurteils „Roe vs. Wade“ zum Wochenende grausen möchte, dem sei die Serie „The Handmaid's Tale“ („Der Report der Magd“) empfohlen.

Die Autorin des 1985 erschienenen Romans betonte in einem Interview, dass sämtliche Ausprägungen der in Gilead vorzufindenden Gräueltaten irgendwann auf der Welt Realität gewesen seien. Erschreckend ist, dass wir 37 Jahre später dieser Dystopie, in der Frauen die Entscheidungsfreiheit über ihren eigenen Körper und damit über ihre Lebensentwürfe, Beziehungen und ihr berufliches Fortkommen abgesprochen wird, näher sind als je zuvor.

Frauen auf ihre Gebärfähigkeit zu reduzieren, ist also nichts Neues. Frauen aufgrund ihrer Gebärfähigkeit berufliche Chancen zu verwehren oder sie im gebärfähigen Alter gar nicht einzustellen, ebenso wenig. Mütter kleiner Kinder werden immer noch als „unzuverlässige Teilzeitbelastung“ empfunden. Dass die Fakten in puncto Gehaltsschere und Altersarmut ihre Wurzeln in reduzierten Arbeitszeiten aufgrund der Kindererziehung haben, wissen wir längst, und dass das alles unser Sozialsystem belastet, auch. Kann es unter diesen Umständen unser gesellschaftlich getragenes Ziel sein, diejenigen, die sich – etwa durch Abtreibung – einer Reproduktion verweigern, an den Pranger zu stellen?