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Popkritik

Keine Rock'n'Roll-Show und darum die beste: Die Rolling Stones in Wien

KONZERT: THE ROLLING STONES IN WIEN
Typische Handbewegung: Mick Jagger, geboren 1943 als Sohn eines Turnlehrers, beim Konzert in Wien.(c) APA/HANS KLAUS TECHT (HANS KLAUS TECHT)
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Darf Mick Jagger leutselig über Stelze und Bier plaudern? Aber ja. Solange seine Band ihre dunkle Energie stets neu am Chaos auflädt. Das tat sie auch im vollen Praterstadion. Höhepunkte: „Out Of Time“, „Midnight Rambler“.

Man kriegt den Buben aus der Schule, aber man kriegt die Schule nicht aus dem Buben. Das gilt naturgemäß besonders für Lehrersöhne wie Mick Jagger. Dessen stets reichhaltige Gestik bei Konzerten immer häufiger in einer Pose gipfelt, der man den pädagogischen Ursprung anzusehen meint. Er deutet mit beiden Zeigefingern zugleich rhythmisch aufs Publikum. Etwa wenn er dieses in „Out Of Time“ – zurzeit einem emotionalen und ästhetischen Höhepunkt der Stones-Konzerte – den Refrain singen lässt, dadurch das Publikum ihm sagen lässt, dass ihn die Zeit überholt habe, wohlwissend, dass das nie passieren darf . . .

Und das untermalt er mit dieser manischen Geste, die anführend im zweifachen Sinn wirkt: die Massen dirigierend und zugleich Anführungszeichen setzend. Eine Geste des ironischen Ernstes und der ernsten Ironie, eine Jaggersche Geste, mehrdeutig und genau dadurch packend.

Wie diese irre Zeile in „Midnight Rambler“, das immer mehr zu einem furiosen Theater des Schreckens wird, diese Zeile, mit der er nach kurzem Show-Geblödel jäh wieder zum Ernst ruft: „Honey, this is no rock'n'roll show.“ Eine Zeile, die in sich widersprüchlich ist, wie so vieles in der Kunst Mick Jaggers und der Rolling Stones. Die keine Rock'n'Roll-Band sind und genau darum die größte Rock'n'Roll-Band ever. Wer das nicht begreifen will, soll AC/DC oder ZZ Top hochhalten, er verdient nichts Besseres.

Keith Richards als „Haberer"

Sorry. Schon gut. Geben wir zu: Auch Mick Jagger kann ziemlich peinlich sein. Wenn er servil „Servus, Wien“ ruft, wenn er Keith Richards als „Haberer“ und Ron Wood als „Picasso of the Prater“ bezeichnet. Wenn er leutselig erzählt, dass er im Schweizerhaus eine Stelze und beim Sacher eine Sachertorte sowie danach beim Würstelstand mehrere Ottakringer (Biere natürlich) genossen habe. Und das, nachdem er letztens zugenommen habe: „Meine Diät ist kaputt!“ Wobei man ihm, spindeldürr wie eh und je, das ganz und gar nicht ansieht . . .

So fischt er nach Komplimenten. Koketterie nennt man das, und das gehört zum Gesamtkunstwerk Mick Jagger. Das schon auch deshalb funktioniert, weil sein Kompagnon Keith Richards niemals eine Stelze oder einen anderen libidinösen Exzess öffentlich bereuen würde. Und weil dieser – im trauten Einvernehmen mit dem zweiten respektive ersten Gitarristen Ron Wood – jeden etwaigen Versuch Jaggers, anständig arrangiertes Rock-Illusionstheater, egal ob à la Kiss oder à la Rod Stewart, zu bieten, sogleich unterbinden würde. Zumindest mit einem akut eingestreuten Akkord, der jedem Harmonielehrer mit dem Stellwagen ins Gesicht fährt. Man kann praktizierter Blues dazu sagen.

Schreiende Intensität: „Gimme Shelter"

Manchmal erschrickt man dabei auch, diesmal in Wien etwa bei „Gimme Shelter“. Darf man einen – immerhin mit Tonnen von Erinnerungen aufgeladenen – Song so rüde interpretieren? Ja. Man soll sogar. Erst dadurch wirkte die schreiende Intensität des Duetts von Jagger mit der Sängerin (Sasha Allen) so unerhört, als erlebte man es zum ersten Mal. „My name is called disturbance“, singt Jagger in „Street Fighting Man“, das in Wien die Eröffnungsnummer war: Vielleicht darf man das als Bekenntnis zur auch musikalischen Verstörung auffassen? Solche lud auch „Paint It Black“ mit neuer dunkler Energie auf, und sogar „Start Me Up“, mit seiner schlichten Aufreißer-Attitüde der schwächste Song im aktuellen Programm (auch der einzige, wo Schlagzeuger Steve Jordan zu derb spielt), gewann durch Ron Woods anarchische Einwürfe.

Die wiederum ohne Jaggers Willen zur funktionierenden Show, zur Befriedigung der sentimentalen Bedürfnisse von drei bis vier Generationen sinnlos wären. In diesem Sinn hat er sich auch Bob Dylans „Like A Rolling Stone“ angeeignet, dem er die Mitsingqualität gönnt, die Dylan längst nicht mehr gestattet. Obwohl: „Wild Horses“ heult er mit aller erwünschten Inbrunst, und dann singt er das o wieder so kurz, das es weh tut . . . Das Kalt-warm-Spiel mit der Enttäuschung und Befriedigung von Erwartungen läuft, die Rolling Stones sind die perfekte Maschine dafür. Bis zum Schluss. Als Zugaben spielten sie diesmal, auch das eine schöne Kombination, erst „You Can't Always Get What You Want“ (mit einem ukrainischen Kinderchor) und dann „(I Can't Get No) Satisfaction“. Dessen gieriges Riff die Menge noch heulte, als die Lichter im Stadion schon aufgedreht waren. So schickt diese Band einen in die Welt hinaus. Großes Konzert.