Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Arbeitsmarkt

Kündigungen trotz steigender Lebenshaltungskosten

Die Unternehmenskultur sei vielen wichtiger als die Jobsicherheit
Die Unternehmenskultur sei vielen wichtiger als die JobsicherheitPexels
  • Drucken

Knapp die Hälfte der heimischen Arbeitskräfte denkt darüber nach, den Job zu wechseln. Eine Entwicklung, die bei steigenden Kosten und hoher Inflation erstaunlich scheint.

Knapp die Hälfte der Österreicher sei derzeit offen für einen neuen Job oder habe bereits Schritte in die Wege geleitet, um eine neue Tätigkeit zu finden, zeigt die aktuelle New Hiring-Studie von Xing. Trotz Preissteigerungen und hoher Inflation sei das darauf zurückzuführen, dass „die Arbeitskräfte während der Pandemie zu spüren bekommen haben, wie schnell sich die vermeintliche Jobsicherheit umkehren kann“, sagt Silvia Hofbauer, Leiterin für Arbeitsmarkt und Integration der AK Wien. Es habe sich gezeigt, dass selbst in vermeintlich sicheren Branchen - wie Handel oder Tourismus - „eben nichts in Stein gemeißelt ist“.

Dazu käme, dass suchende Arbeitnehmende aktuell von der guten Lage am Arbeitsmarkt profitieren: Fehlendes Personal und das Ringen um Fachkräfte macht es jenen leicht, die bereit sind zu wechseln. „Für viele Arbeitskräfte war diese Pandemie einfach anstrengend“, sagt Hofbauer, „Angestellte im Bildungsbereich und der Pflege sind erschöpft.“ Besonders in diesen Branchen sei es nachzuvollziehen, dass Arbeitnehmende bessere Arbeitsbedingungen und mehr Lohn fordern, um zu bleiben.

Als weiteren Grund für die Wechselbereitschaft nennt sie die günstige Lage für Jobeinsteigende am Arbeitsmarkt. Zwei Drittel der Unternehmen hätten aktuell große Schwierigkeiten damit, qualifizierte Bewerbende zu finden. Es sei eine gute Ausgangslage, um sich etwas zu trauen. „Der Arbeitsmarkt bietet Chancen“, sagt sie. Auch dafür, sich im Job wohler zu fühlen: Eine wertschätzende Unternehmenskultur vorzufinden sei mittlerweile genauso wichtig wie die Bezahlung, ist Hofbauer überzeugt, zumindest „wenn man es sich als Arbeitskraft leisten kann, zwischen Unternehmen zu wählen“.

Branchenflucht wirkt nach

Die Arbeitsmarktsituation biete zwar gute Möglichkeiten für den Jobeinstieg, bestätigt auch Christian Havranek, Partner bei Deloitte Österreich, doch er warnt vor den langfristigen Folgen: „Bei einem Jobwechsel bekommt man diverse Zahlungen - wie den KV-Abschluss - zwar früher ausbezahlt, aber durch die steigende Inflation können es sich die Unternehmen nicht leisten, das Budget für Personal erheblich aufzustocken. Wer also ausschließlich mit dem Lohn unzufrieden ist, sollte sich Alternativen zu einem Umstieg überlegen.“

Außerdem sei es während der Pandemie zu einer „Branchenflucht“ gekommen, sagt der Experte, die Arbeitgeber nun zu spüren bekommen. Als Beispiele nennt er das fehlende Trinkgeld in der Gastronomie sowie den Personalabbau in der Luftfahrtbranche. Diese Kurzschlussreaktionen würden sich jetzt in der weiterhin hohen Wechselbereitschaft spiegeln.

Umso jünger, desto höher die Ansprüche

Insgesamt zeige sich ein „all-time-high“ am Arbeitsmarkt, sagt er, und meint damit die hohe Nachfrage an Fachkräften, Wechselbereiten und Erwartungen der Arbeitnehmenden. Die Jungen würden nur mehr flexible Arbeitszeiten akzeptieren, Teilzeit-Modelle bevorzugen und bereits im Bewerbungsgespräch nach Optionen für eine Bildungskarenz fragen.

Es handle sich dabei um ein multikausales Geschehen, sagt er, denn es gäbe nicht nur einen ausschlaggebenden Faktor für die steigenden Anforderungen, aber sie würden für Unternehmen schon „einiges erschweren“, sagt er: „Von der Ausschreibung über den Bewerbungsprozess bis zum Onboarding müsse mittlerweile alles möglichst praktisch für den Interessenten sein. Das hätte es vor ein paar Jahren in dieser Form noch nicht gegeben.“

Ferialpraktikanten bleiben aus

Es zeigt sich, dass die „Jungen lieber den Sommer genießen und sich zurücklehnen, als zu arbeiten“, betont Havranek, so hätte sich auch die Anzahl an Bewerbungen - die noch vor ein paar Jahren deutlich über den offenen Stellen lag - auf null reduziert.

Hinzu käme, dass der gesamte Bewerbungsprozess deutlich kürzer sei als noch vor wenigen Jahren. Unternehmen müssten sich nicht nur auf vielfältigen Kanälen präsentieren, sondern auch in Rekordzeit antworten und einladen. „Jungtalente sind schwer zu finden. Sie stellen hohe Anforderungen und Arbeitgeber sind gefordert, auf alle einzugehen. Wer seinen digitalen Auftritt nicht anpasst, keine flexiblen Arbeitsmodelle anbietet oder zu spät antwortet, hat bereits verloren.“