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Die Ich-Pleite

Anspruchslos freundlicher Gast

Carolina Frank
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Das Servierpersonal ist in diesem Sommer in Österreich rar. Wir müssen aufpassen, dass es nicht ganz ausstirbt.

Wenn man nach dem „Jedermann“ essen gehen will, sollte man besonders nett zum Servierpersonal sein. Denn das Servierpersonal ist in diesem Sommer in Österreich rar. Wir müssen aufpassen, dass es nicht ganz ausstirbt. Ich bin für einen nationalen Schulterschluss. Gäste sollten bescheiden am Eingang warten und freundlich lächeln. Ein Zurück­lächeln darf man nicht erwarten, Lächeln kostet Energie. Das Grantig-Dreinschauen darf man dem Servierpersonal also nicht krummnehmen. Auch nicht, dass es keine Zeit hat, den Tisch sauberzumachen oder die Speisekarte zu bringen. Man kann sich ja die Zeit mit Gesellschaftsspielen oder autogenem Training vertreiben. Oder es als Schule für Positiv-Denken betrachten. Irgendwann, muss man sich sagen, hat das Servierpersonal sicher Zeit für mich.

Und wirklich, es ist noch nicht einmal eine Dreiviertelstunde vergangen, überreicht es einem schon die Karten mit dem Satz: „Saibling ist aus.“ Als guter Gast schaut man nicht enttäuscht, sondern beeilt sich, ein freudiges „Macht nichts!“ zu rufen und zügig den Getränkewunsch zu äußern. Natürlich ohne Sonderwünsche à la „Apfelsaft mit warmem Wasser gespritzt“ oder „Caffè Latte, aber Milch und Kaffee getrennt“. Wenn man es trotzdem macht, darf man sich nicht wundern, wenn ein scharfes „Hammaned!“ zurückkommt. Für die Essensbestellung hat die Servierperson natürlich keine Zeit. Fragen, ob man vielleicht helfen kann, sollte man unterdrücken. Das könnte sie als Kritik auffassen. Beim nächsten freien Slot steht sie sowieso da und schenkt einem sogar ein Lächeln. Ein bedauerndes. Die Küche habe leider gerade geschlossen. Als verantwortungsvoller Gast flippt man nun nicht aus. Sonst rennt dem Wirt die eine Servierperson auch noch davon.

("Die Presse Schaufenster" vom 15.07..2022)