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Mein Dienstag

Innere Unruhe

SPAIN CINEMA
Ein Besessener und Meister seines Fachs: Pedro Almodóvar.EPA
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Was für den Regisseur seine Filme und den Musiker seine Songs sind, sind für den Journalisten seine Artikel.

Ob es etwas gebe, wonach er süchtig sei, wurde der spanische Regisseur Pedro Almodóvar vor Kurzem gefragt. „Nach Filmen“, sagte er. „Wenn ich nicht an einem Film arbeite, ergibt mein Leben keinen Sinn.“

Selbst wenn Almodóvar, der mich mit Streifen wie „Sprich mit ihr“, „Volver“ und „Julieta“ gewissermaßen von Neuem sozialisiert hat, nicht mein Lieblingsregisseur wäre, wüsste ich genau, was er meint. Obwohl wir einander nie begegnet sind, glaube ich zu wissen, wie er denkt, fühlt und liebt. Für Seelenverwandtschaft braucht es keine persönliche Beziehung. Seine Filme sind mehr als Unterhaltung, sie sind Quelle der Inspiration und Reflexion. Sie zerstören mich und richten mich wieder auf.

Zurück zu seiner Antwort, die nicht nur für ihn, sondern für Millionen andere gilt. Auch für mich. Wenn ich nicht gerade an einem Artikel arbeite, ergibt mein Leben keinen Sinn. In der Sekunde, in der eine Reportage, eine Analyse oder ein Kommentar fertiggeschrieben ist, melden sich neue Gedanken: „Wen könnte ich interviewen?“, „Welche These könnte ich verfolgen?“, „Welchen Standpunkt könnte ich vertreten?“, „Welchen komplexen Sachverhalt könnte ich verständlich aufbereiten?“ Momente ohne solche Fragen im Kopf gibt es nicht. Auch nicht im Schlaf. Nicht selten entsteht die Idee für einen neuen Beitrag im Traum.

So ticken manche Menschen nun einmal. Sie müssen ständig in Bewegung sein und etwas anbieten. Den Weg dorthin – von der ersten Idee bis zur finalen Umsetzung – beschreiten sie am liebsten allein. Ohne Zurufe, Anregungen, Ratschläge. Die Reaktionen auf ihr fertiges „Produkt“ sind ihr Lebenselixier, ihr wichtigster Antrieb. Viel mehr brauchen sie nicht, um gut gelaunt durchs Leben zu stolpern.

Also sprechen Sie mich lieber nicht an, wenn Sie mich das nächste Mal auf irgendeiner Parkbank sehen, wie ich gedankenverloren auf den Boden starre und etwas ausbrüte. Was es ist, erfahren Sie ein paar Stunden später ohnehin über die Push-Nachricht auf Ihrem Smartphone.

E-Mails an: koeksal.baltaci@diepresse.com