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Schwache Mailänder "Walküre"

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Mit dem "Ring" glaubte das Opernhaus nichts falsch machen zu können - doch das vokale und optische Niveau des Eröffnungsabends enttäuschte. Vor allem die männlichen Darsteller konnten nicht überzeugen.

Mit Wagners „Ring des Nibelungen“ lässt sich immer punkten. So dachte man wohl in Mailand. Deshalb hat man sich mit dem Antwerpener Toneelhuis und der Staatsoper Unter den Linden zusammengetan, um eine Neudeutung dieser Tetralogie zu wagen: mit dem Berliner Opernhaus nicht zuletzt deshalb, weil dort wie an der Scala Daniel Barenboim das musikalische Sagen hat, auch wenn er offiziell nicht als Musikdirektor des italienischen Opernhauses fungiert. Der Bayreuth-erfahrene Barenboim zählt jedenfalls zu den bedeutendsten Wagner-Interpreten der Gegenwart. Was kann bei einer solchen Konstellation noch schieflaufen? Zumal Barenboim auch an diesem Saisoneröffnungsabend, bei dem heftig vor dem Opernhaus demonstriert wurde – gegen die Finanzpolitik Berlusconis, die zahlreiche Kulturinstitutionen an den Rand ihrer Existenz geführt hat –, keinen Zweifel daran ließ, dass er seinen Wagner im kleinen Finger hat, was das eine oder andere zu ausführlich genommene Tempo nicht ausschloss. So spannend, aber auch bewegend wissen nur wenige diese Partitur nachzuerzählen. Zudem mit so viel Verständnis für die Möglichkeiten des Orchesters und die Gestaltungsfähigkeit der Sänger.

Hier galt es diesmal besonders zu differenzieren: Auch wenn sie am Schluss einhelligen Jubel entgegennehmen durften, ließ nämlich neben der nur durchschnittlichen Orchesterleistung auch das vokale Niveau zu wünschen übrig. Unkonzentriert, von Textausfällen geplagt, alles andere als gesanglich souverän gab Simon O'Neill den Siegmund. Auch John Tomlisons Hunding machte schmerzlich deutlich, dass der Sänger seinen Zenit längst überschritten hat. Dass mit Vitalij Kowaljow, der einen besonders blassen Wotan gab, sprachlich sorgfältig gearbeitet worden ist, will man ebenfalls nicht glauben. Es müsste mit seltsamen Dingen zugegangen sein, wenn alle drei just bei dieser Serata inaugurale – seit jeher die Visitenkarte der Scala – indisponiert gewesen wären. Angesagt wurde es jedenfalls nicht.

 

Gubanova, Stemme überzeugen

Mehr Fortüne hatte man bei den Damen, wenngleich Ekaterina Gubanova als Fricka über weite Strecken nur den Beweis erbrachte, eine besondere Begabung zu sein. Waltraud Meiers Sieglinde zu rühmen hieße Eulen nach Athen zu tragen. Wie sie diese Partie anlegt, mit welcher Finesse und Raffinesse in Ausdruck und Gestik, ist längst ein Klassiker. Übertroffen wurde sie nur von Nina Stemme als in jeder Hinsicht packende, innerlich aufwühlende Brünnhilde.

Auf diesem Niveau hätte man sich die übrigen Protagonisten gewünscht, denn auch die Walküren ließen punkto Artikulation und Phrasierung zu viele Wünsche offen. Wie auch die Inszenierung von Guy Cassiers: Was diesen „Ring“ auszeichnet? Dass spitz in die Höhe ragende Speere sich im zweiten Aufzug zu einer Waldlandschaft verdichten? Dass die anfangs über dem Bungalow schwebende Kugellampe sich schließlich vergrößert? Oder dass man sich im Laufe des Abends überlegen darf, ob eine altmodische Reiterskulptur besser zur Botschaft des Stückes passt als ihre mit modernen technischen Mitteln projizierte visuelle Auflösung? Lässt sich die Tatsache, dass Brünnhilde von der Götter- in die Menschenwelt verstoßen wird, nicht anders zeichnen als durch eine überdimensionale Schleife an ihrem Rücken, die zu einer Schleppe wird, in die eingewickelt sie die Finaltakte dieses ersten Tages des Bühnenfestspiels ausharren muss?

Weder mit namhaften Protagonisten noch mit originell scheinenden optischen Details lässt sich dieser Wagner bewältigen: Vorrangig ist und bleibt eine in sich schlüssige, die Handlungsfäden verdeutlichende wie den Mythos des Stücks erhellende Personenführung. Darauf hat man, scheint's, vergessen. „Was gleißt dort hell?“, fragt Siegmund ziemlich zu Beginn. Ob Cassiers bei „Siegfried“ und „Götterdämmerung“, die jeweils zuerst in Berlin gezeigt werden, entsprechende Antworten finden wird? Ob man dafür eine stimmigere Besetzung engagiert?

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.12.2010)