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Friedensnobel-Boykotteure begleichen alte Rechnungen

(c) REUTERS (HO)
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Chinas Appell, der Zeremonie für den Dissidenten Liu Xiaobo am Freitag im Osloer Rathaus fernzubleiben, zeigt Wirkung. Mittlerweile haben bereits 20 Staaten ihre Teilnahme abgesagt - das ist ein Rekord.

Kopenhagen. Immer mehr Länder wollen am Freitag der Nobelpreisfeier in Oslo fernbleiben. Als 20. Staat teilte am Mittwoch Nepal mit, dass man an der Zeremonie für den inhaftierten Friedenspreisträger Liu Xiaobo nicht dabei sein werde. In der indischen Presse verlautete, dass auch Indien, trotz ursprünglicher Zusage, bei der Feier nicht vertreten sein werde. Vor dem für nächste Woche geplanten Besuch des chinesischen Ministerpräsidenten Wen Jiabo solle das Verhältnis nicht gestört werden.

 

„Eine Anti-China-Farce“

44 Länder haben hingegen ihre Teilnahme fix zugesagt. Geir Lundestad, Direktor des Nobelinstituts, weist die Behauptungen aus Peking zurück, die geringe Zahl der Teilnehmer zeige, dass „mehr als hundert Länder die chinesische Haltung gegenüber der Anti-China-Farce des Nobelkomitees“ teilten. Nur die 64 Länder, die in Oslo Botschaften unterhielten, hätten eine Einladung erhalten.

Dennoch sind 20 Absagen ein Rekord. Lundestad betont, dass man unterscheiden müsse zwischen Ländern, die offensichtlich Druck aus Peking unterliegen, und anderen, die aus anderen Gründen fernbleiben.

Thorbjörn Jagland, Vorsitzender des Nobelkomitees, konzedierte, dass viele Länder in eine schwierige Lage kämen, weil sie von China abhängig seien. Afghanistans Vertretung räumte offen ein, dass der Boykottbefehl aus Kabul auf Druck aus Peking zurückzuführen sei. Kubas Botschafter erwiderte lachend auf die Frage eines Journalisten nach den Gründe für das Fernbleiben: „Da müssen Sie bei Chinas Botschaft nachfragen.“ Diese hatte alle in Oslo akkreditierten Diplomaten vor Konsequenzen gewarnt, wenn sie ihre Länder bei der Zeremonie verträten. Auch die prowestlichen Philippinen sagten ab. Ihr Armeechef ist gerade in Peking, um einen Waffenhandel abzuschließen. Südafrika, Indonesien, Brasilien und Südkorea sind hingegen trotz starker Wirtschaftsinteressen in China im Osloer Rathaus vertreten.

Nicht alle Boykotteure tanzen nach Chinas Pfeife. Den Regimes in Iran, Saudiarabien oder Sudan ist die Menschenrechtsagenda des Nobelkomitees suspekt. Ägyptens Regierung sei immer noch über den Preis für den damaligen IAEO-Chef Mohammad El-Baradei 2005 erbost, der nun zu den wichtigsten Oppositionellen zähle, und wolle daher das Prestige des Preises schwächen, so Demokratieaktivist Hisham Kassem.

Auch andere begleichen alte Rechnungen. Belgrad kritisierte 2008 den Preis für den finnischen Präsidenten Martti Ahtisaari stark, da dieser bei der Kosovo-Friedenssuche „antiserbische Positionen“ vertreten habe. China stütze Serbiens Kosovo-Politik, und das wolle man nicht aufs Spiel setzen, heißt die offizielle Begründung Belgrads für den Boykott der Nobelfeier. Die EU kritisierte Belgrad dafür scharf.

Russland bestreitet, dass man die Zeremonie boykottiere: Der Botschafter sei auf Dienstreise.

 

China vergibt eigenen Preis

China hingegen sagte nicht ab. „Die chinesische Botschaft hat seit der Bekanntgabe des Preisträgers all unsere Post ungeöffnet retourniert“, sagt Lundestad. Peking vergibt als Protest übrigens einen eigenen Friedenspreis: Der frühere taiwanesische Vizepräsident Lien Chan erhält den „Konfuzius-Friedenspreis“ für seinen Einsatz zur Aussöhnung mit China.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.12.2010)