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Literatur

Ablenken von drohenden Schrecken

Ein Spiel von Macht und Ohnmacht: Nicole Krauss beleuchtet in ihren Storys die Präsenz abwesender Männer.

Auch wenn der Titel danach klingt – die amerikanische Schriftstellerin Nicole Krauss geht in ihren Storys nicht der Frage nach, wie es für eine Frau wäre, ein Mann zu sein. Sie erzählt zehn Geschichten, in denen die Präsenz von Männern unterschiedlich stark zu spüren ist – zumeist dann am stärksten, wenn diese am unsichtbarsten, untätigsten sind. Wenn sie sich dagegen in den Vordergrund drängen, werden sie letztlich von Frauen übertrumpft, etwa in „Ich schlafe, aber mein Herz ist wach“: Die Ich-Erzählerin hat ein Apartment in Tel Aviv geerbt – doch als sie einziehen will, lebt dort ein Fremder. Das verstört die Frau erst, aber sie behauptet ihren Platz – auf skurrile Art.

Die Storys, die oft von scheinbar banalen Situationen ausgehen, sind meist in den USA und Israel angesiedelt, aber auch die Schweiz, das neutrale Land, spielt eine männlich-mächtige Rolle: Drei Internatsschülerinnen, die eine jüdisch-amerikanisch, die zweite thailändisch-amerikanisch, die dritte persisch-französisch, stehen im Mittelpunkt. Vordergründiges Thema sind die sexuellen Erlebnisse der Iranerin Soraya mit einem älteren Schweizer Geschäftsmann; sie scheinen keiner Sprache zu bedürfen. Erst Jahrzehnte später, als die namenlose Ich-Erzählerin ihre zwölfjährige Tochter im nonverbalen Umgang mit Männern beobachtet, versteht sie Soraya: „Eines Tages sah ich es: Wie sie den Blick des Mannes im Geschäftsanzug, der ihr in der Subway gegenüberstand und sie mit den Augen durchbohrte, erwiderte. Ihr Starren war eine Herausforderung. Das war der Moment, an dem ich mich an Soraya erinnerte, und seitdem fühle ich mich von ihr verfolgt.“ Diese unbenannte Gewalt – was ist heute anders?