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Popkonzert

Live in Wien: Patti Smiths Gloria für das Leben

American singer and musician Patti Smith performs during her concert in Prague, Czech Republic, on July 19, 2022. (CTKxP
Patti Smith, hier am 19. Juli in Prag zu sehen(c) IMAGO/CTK Photo (IMAGO/Michal Kamaryt)
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Viele Konzerte gibt es derzeit für die ältere Popgeneration, und ihre Vertreter kommen zuhauf. Sie füllten auch zwei Mal die Wiener Arena, wo Patti Smith mit ihren Hymnen rührte.

Nicht nach dem Teil des christlichen Gottesdienstes heißt der Song „Gloria“, den der heute 76-jährige Van Morrison mit 18 schrieb: Es ist vielmehr ein rauer Song des Begehrens, gerichtet an ein Mädchen dieses Namens. Am Dienstag im Steinbruch von St. Margarethen verlieh ihm Morrison die Aura eines Gospels. Doch schon 1975 hat ihn Patti Smith viel radikaler verwandelt: ins Lesbische umgedeutet, vor allem aber zum Einspruch gegen ein zentrales christliches Dogma, als Unschuldserklärung: „Jesus died for somebody's sins but not mine.“

Dieser epochale Song, an dem die Popgeneration zwischen Woodstock und Punk das gloriose Aufbegehren geübt hat, fehlte nun auch nicht in der Wiener Arena, die Patti Smith – auch schon 75 Jahre alt – diesmal gleich zweimal füllte, vor allem mit Vertretern dieser Generation. Er wirkt noch immer, und er wirkt mehr denn je gläubig, wie ja oft die inspirierte Leugnung tiefer religiös wirkt als die fade Frömmigkeit. Wobei Patti Smith auch eine große Bekennerin ist, und eine Hymnikerin. So las sie mit großer Inbrunst Allen Ginsbergs „Footnote to Howl“, diesen ekstatischen Lobpreis der Heiligkeit des Lebens, in dem jeder Mensch ein Engel ist.

„Life is the most beautiful and precious thing that we have“, mit diesem Bekenntnis leitete sie den Song „Beneath the Southern Cross“ ein, der mit dem Ruf „Oh to be – not anyone“ beginnt. Manche sangen mit, und viele meinte man inwendig einstimmen zu sehen in dieses Mantra: Ich bin da. Wobei naturgemäß immer mehr der Satz „Ich bin noch da“ mitschwingt, das verleiht einem späten Konzert dieser Sängerin, die von Jugend an so viele Elegien, Epitaphe, Nachrufe gesungen hat, zusätzliche Rührung. Da mag dazu passen, dass schon der erste Song des Abends, der Reggae „Redondo Beach“, mit dem Wort „Goodbye“ endete. Und welches Leben meint denn die Zeile „We shall live again“ im mantraartigen „Ghost Dance“ aus ihrem österlichen Album?

Ein Lied für Johnny Depp

Gewiss, man hat Patti Smith schon intensiver erlebt, die schwüle Hitze machte ihr zu schaffen, wie sie auch bekannte. Cool wirkte sie trotzdem, besonders bei Bob Dylans rätselhaftem „Wicked Messenger“ und beim ziemlich dylanesken „Nine“, das Johnny Depp gewidmet ist. Das bei jeder Temperatur für Gänsehaut sorgende „Pissing In A River“ widmete sie dem 2017 gestorbenen Viennale-Direktor Hans Hurch; „Because The Night“, diese fast martialische Hymne auf die Liebe, ihrem Mann Fred „Sonic“ Smith (1948–1994), Vater auch ihres Sohns Jackson Smith, der Gitarre spielte, oft mit subtilem Groove. Im Kontrast zum herzhaft direkten Stil von Lenny Kaye, ihrem Begleiter von Beginn an, der ohne sie eine bärbeißige Kombination aus „I Wanna Be Your Dog“ und „Walk On The Wild Side“ entbot. Möge auch er noch lang auf der wilden Seite gehen.