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Mein Dienstag

Theaterfressen in Avignon

Auf dem Theaterfestival von Avignon mit seinen mehr als 1500 Stücken in drei Wochen kann man erleben, was Europas Kultur und Einzigartigkeit jenseits der Sonntagsreden ausmacht.

Die Affenhitze macht auch dem Lesegerät zu schaffen, das daran scheitert, kontaktlos meiner Kreditkarte den Preis für die Theaterbilletts zu entlocken. Mensch und Maschine leiden offenkundig gleichermaßen unter diesem solaren Angriff, was Anlass zur Hoffnung geben könnte, dass die Maschinenapokalypse doch noch ein Weilchen auf sich warten lassen dürfte. Unsere digitalen Herrscher erlahmen eben auch, wenn ihnen 40 Grad provenzalische Sonnengewalt auf die Halbleiter hämmern. Zahlen wir also bar, um „Le Choix des âmes“, die „Wahl der Seelen“, zu sehen, ein wunderbares, komisches, trauriges Stück über zwei Soldaten im Ersten Weltkrieg, einer Deutscher, der andere Franzose, die in einen Bombentrichter gepurzelt sind und einander benötigen, um da wieder herauszukommen. Eines von 14 Stücken wird das sein, die wir in diesen vier Tagen angeschaut haben werden während unseres Besuchs des Theaterfestivals von Avignon, genauer: des „Festival Off“, also des 1968 von den kleinen, unabhängigen Theatercompagnien im Protest gegen den Elitismus des großen Festivals gegründeten. Aber kann man wirklich von Elitismus sprechen, wenn man von einem Theaterfest spricht, das 1947 vom Dichter und Résistant René Char und dem Schauspieler Jean Vilar ausdrücklich als Theater für die Massen gegründet worden ist, als humanistische Hebebühne zum Aufstieg aus der Asche des Weltkriegs?

Nach zwei Jahren pandemischer Ödnis sind wir jedenfalls so hungrig nach dem Zauber des Spiels, dass man fast von einer Bühnenfresssucht sprechen muss. 14 Stücke, allesamt großartig, jedes hat den Horizont im Kopf ein bisserl erweitert: ob Kafka, Dürrenmatt, Tschechow, Zeitgenössisches. Rund 1500 Stücke werden aufgeführt (Sie haben richtig gelesen: 1500), die ganze Stadt wird während des Festivals zu einer Bühne, eine fröhliche, träumerische Atmosphäre liegt über allem, Jung und Alt treffen sich, die Preise sind moderat. Gern reden Politiker von Europas Werten, seiner Kultur, seiner Einzigartigkeit: In diesen drei Wochen in Avignon kann man spüren, was das heißt.

E-Mails an: oliver.grimm@diepresse.com