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Russland

Elite-Historiker will Indizien für Machtverlust Putins erkennen

Russian President Vladimir Putin is seen inside a research bathyscaphe while submerging into the waters of the Black Sea near Sevastopol
Geht es mit ihm nach unten? Putin anno 2015 in einem Tauchboot vor Sewastopol.REUTERS
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Vermehrte Aussagen russischer Politiker zum Ukraine-Krieg und Drohungen von diesen an den Westen seien düstere Vorzeichen für den Kremlchef, meint der renommierte Yale-Historiker Timothy Snyder. Er ortet auch Vorbereitungen für einen Kampf um die Nachfolge.

Viel wurde in den vergangenen Monaten von externen Beobachtern schon über Wladimir Putin und seinen Kriegszug in der Ukraine, die Gesundheit des Präsidenten (Krebs?) und die Vorgänge an der Spitze des Machtapparates gerätselt, gemutmaßt, geleitartikelt und sonst wie behauptet. Schon zu Sowjetzeiten war das auch unter dem Begriff „Kreml-Astrologie" bekannt gewesen. Mangels Zugangs zu den Machtstrukturen sowie deren weitgehender Abschottung glichen die meisten Versuche, die Befindlichkeiten der sowjetischen bzw. russischen Nomenklatura und ihrer einzelnen Mitspieler festzustellen, tatsächlich Sterndeutung, Kaffesudlesen und Kartenlegen im magischen Politologenzirkel.

Nunmehr will der renommierte US-Historiker Timothy Snyder (Universität Yale, Connecticut) neue Indizien entdeckt haben, wonach Putin die Kontrolle verliere. Wie die Onlineplattform des deutschen Magazins Focus berichtet, leitet der 52-Jährige, der auch am Wiener Institut für die Wissenschaften vom Menschen (IWM) lehrt, die These aus den vermehrten öffentlichen Äußerungen russischer Politiker und anderer Funktionäre zum Ukraine-Krieg ab, während zugleich der Feldzug seit Monaten stockt: Auch im Donbass ist die Frontlage seit dem Fall der Zwillingsstädte Lyssytschansk und Sewerodonezk Ende Juni/Anfang Juli nur mäßig verändert.

Snyder ortet überdies sogar Vorbereitungen für einen Machtkampf um die Nachfolge. Was ihm etwa seltsam vorkommt, ist, dass ehemalige hohe russische Beamte wie Dmitri Medwedew - er war immerhin von 2008 bis 2012 Präsident und zweimal Ministerpräsident - den Westen verstärkt vor möglichen Konsequenzen warnen und sogar drohen. Bisher, so Snyder, habe Russland derlei Erklärungen ans Ausland ausschließlich über den Präsidenten kommuniziert.

„Normalerweise konzentriert sich die Berichterstattung über derartige Äußerungen auf deren Inhalt", schreibt Snyder auf Twitter. „Es ist verlockend, sich von der russischen Angstpropaganda einfangen zu lassen. Die wahre Geschichte ist jedoch, dass sich neben Putin nun auch andere Personen berechtigt fühlen, solche Erklärungen abzugeben. Vor dem Krieg war das weniger der Fall."

Ich glaube, dass wichtige Russen glauben, dass Russland verliert.

Timothy Snyder

So eine „Untergangspropaganda" und ein Festhalten am Waffengang zeige zwar einerseits Loyalität zu Putin. Sie bereite aber andererseits möglicherweise auch besagten „Machtkampf nach Putins Sturz" vor.

Eine Falle für Putin?

Die Argumentation: Jetzt, da Russland nicht eben auf der Siegerstraße ist, könne man trotzdem noch auf eine etwaige Wirkung solcher Drohungen im Ausland und auf Schäden durch ausbleibende Gaslieferungen hoffen. Wenn der Krieg aber verloren geht, haben sich diese Leute bis dahin quasi durch ihr Mitlaufen nach innen hin abgesichert und können danach Putin als enttäuschte Mitstreiter zur Rechenschaft ziehen. Die „Falle" für Putin sehe so aus: „Wir sind mit Dir alle einer Meinung, dass wir gewinnen. Und wir werden es Dir vorwerfen, wenn wir verlieren", so Snyder, der für Putin eigentlich nur einen Ausweg aus dieser Falle sieht: Nämlich, dass er einen Sieg ausruft. „Wichtige Russen" würden jetzt nämlich schon glauben, dass Russland verliere.

Victory Day Parade in Moscow
Dmitri Medwedews Pläne könnten noch überraschen.via REUTERS



Medwedew (56) ist allerdings nicht einfach ein „ehemaliger" Beamter, sondern Chef der Regierungspartei Einiges Russland und Vize des Nationalen Sicherheitsrates. Dass er dem Westen droht (auch von Atomkrieg war die Rede), ist also formal nicht ungewöhnlich. Seine antiwestlichen, antiukrainischen, antipolnischen und sogar antisemitischen Hassreden via sozialer Medien nimmt Snyder ihm allerdings nicht ganz ab: Er glaube nicht, dass Medwedew so überzeugt dahinterstehe, sondern dass er sich ein „Profil" schaffen wolle, das ihm später nützlich sein könnte. Wie die Nützlichkeit solch rabaukischer Rede aussehen soll, lässt der Historiker allerdings offen.

Tschetschenen-Warlord sichert sich ab

Auch den tschetschenischen Brutal-Machthaber Ramsan Kadyrow, dessen Truppen die Russen in der Ukraine speziell in städtischen Kampfgebieten unterstützen, nimmt Snyder als Beispiel für seine These. Es scheine, dass sich Kadyrow „auf ein Russland nach Putin vorbereiten“ wolle. So würden seine Kämpfer in der Ukraine mittlerweile versuchen, Verluste zu vermeiden - bisher werden sie als Sturmtruppen, die hohe Verluste erlitten, sowie brutale „Aufräumer" im Hinterland dargestellt.

CHECHEN REPUBLIC, RUSSIA - JUNE 23, 2022: Chechen Republic Head Ramzan Kadyrov (C) attends the Chechen Dance 2022 repub
Mit Tschetscheniens brutalem Despoten Ramsan Kadyrow (hier im Juni bei einem Tanzfest) ist nicht gut Kirschen essen.IMAGO/ITAR-TASS

Kadyrow (45) wolle seine Truppen, insbesondere die private Garde, wohl für einen Machtkampf in der Russischen Föderation schonen, meint Snyder, der überdies ergänzt, dass Kadyrow die Russen um die Stationierung von mehr Flugabwehrwaffen in Tschetschenien ersucht habe. Begründung: Die Ukraine könnte ja auch das Kaukasusland bombardieren. Das klingt allerdings etwas dünn. „Es klingt eher so, als wolle er sich auf ein Russland nach Putin vorbereiten, in dem Tschetschenien seine Unabhängigkeit beanspruchen würde."

>>> Focus-Online

(ag./wg)