Wir dürfen die russische Kunst und Kultur nicht dem Putin-Regime überlassen. Leserin in St. Petersburg.
Zeichen der Zeit

Wie der Hass auf Russland uns schwächt

Die Ressentiments sind so stark, dass ich mittlerweile russische Bücher, die ich in Zügen oder auf Parkbänken lese, in die Umschläge von deutschen oder englischen Büchern stecke. Das sollte nicht sein – gerade weil es bei diesem Krieg um die Verteidigung von Freiheit und Wahrheit gegen Diktatur und Lüge geht.Von Vladimir Vertlib

Als ich ein Kind war, wussten andere immer besser als ich, wer ich war. Die Eltern erklärten mir eines Tages, ich sei Jude. Dabei wollte ich Leningrader sein, weil ich in Leningrad, dem heutigen St. Petersburg, geboren wurde. Meine Eltern lachten. Man könne Jude und Leningrader sein, das sei kein Widerspruch, und zwar auch dann nicht, wenn man in Wien lebe, meinten sie. Als Österreicher oder Wiener empfand ich mich damals nicht, obwohl ich zweifellos in der Brigittenau zu Hause war. Teile dieses Wiener Bezirks sowie der angrenzenden Leopoldstadt sind bis heute wohl die einzige Gegend auf der Welt geblieben, der ich mich ohne Wenn und Aber zugehörig fühle.

Den Text kann man auch hören

In unserem Podcast „Die Presse zum Hören“ können Sie Vladimir Vertlibs Text auch in vertonter Form genießen. Es liest Julia Pollak.

Der Identitätswirrwarr war bald genauso Teil meines Selbst wie akzentfreies Deutsch sowie die falsche Aussprache meines Vornamens, die ich akzeptierte und schließlich sogar selbst übernahm. Für meine österreichischen Mitschüler und Lehrer war die Sache hingegen klar: Ich war ein typischer Russe! Warum ich „typisch“ war, verstand ich nicht, denn wann immer meine Mitschüler oder Lehrer etwas als „typisch russisch“ bezeichneten, hieß es sogleich, ich selbst sei damit „natürlich“ nicht gemeint.


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