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Buch der Woche

Kim trägt keinen Nagellack mehr

Wer nicht sprechen kann, beginnt zu schreiben: Kim de l'Horizon.(c) Anne Morgenstern
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Wer genderfluide Menschen besser verstehen möchte, dem sei der Roman „Blutbuch“ von Kim de l'Horizon ans Herz gelegt. Wer einfach ein berührendes, kluges, fein komponiertes Buch lesen will, dem auch.

Eine Erinnerung, zuerst. An die Hände der Großmutter. An die Hände der Grossmeer, genauer gesagt, denn so wird sie genannt im Dialekt der Umgebung von Bern. Diese Hände sind rastlos und rau, sie „tasten wie Blinde, die noch nicht lange blind sind“, sie schälen Erdäpfel und packen Mokkalöffel, sie sind „so allein mit sich; die eine greift ständig nach der anderen, und dann krallt sich die andere die eine, sie suchen ununterbrochen, suchen etwas zum Halten, packen meine Kinderbeine und Kinderarme und streicheln sie unbarmherzig. Ich erinnere mich nicht an meine Kinderbeine und Kinderarme, ich erinnere mich nur an das Gefühl einer grossen Rauheit und an das Wissen, dass ich hinhalten muss, dass Grossmeer das braucht.“

Der erste, so rhythmisch und drängend geschriebene Abschnitt des autofiktionalen Romans „Blutbuch“ gehört dem Damals; dem, was verborgen bleiben soll – warum kam die unehelich schwangere Irma ins Gefängnis? – dem, was offenbar ist, aber worüber man nicht spricht – die Liebhaberin der Mutter –, und dem, was immer und immer wieder erzählt wird: von Rosmarie, der älteren, früh verstorbenen Schwester der Grossmeer. Es war so ein hübsches Kind, so ein feines Kind! So hübsch und fein, dass die Grossmeer neun Jahre nach dessen Tod auf denselben Namen getauft wurde, sie trägt den Namen der vergötterten Rosmarie und kann sie nie erreichen.