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Culture Clash

Kinder, Glück und Geld

Das mediale Stille-Post-Schicksal einer Studie zeigt, wie unbedarft Internet-Billigjournalismus ist, auch wenn er mit seinen Aussagen im Trend liegt.

Im Februar 2019 veröffentlichten die Forscher David Blanchflower und Andrew Clark eine Studie im Rahmen der Glücksforschung. Sie behandelt ein schon lang bekanntes Muster, das sich aus regelmäßigen Abfragen der momentanen Lebenszufriedenheit ergibt: Eltern sind im Schnitt weniger zufrieden als Kinderlose (allerdings nur leicht und auch nicht überall, etwa nicht in Österreich und Deutschland). Blanchflower/Clark konnten dieses Phänomen auf einen wesentlichen Parameter zurückführen: wenn durch Kinder finanzielle Schwierigkeiten auftreten. Filtert man diese Fälle heraus, sind Eltern im Schnitt doch zufriedener als Kinderlose.

Im März 2019 berichtete die „Welt am Sonntag“ darüber ganz korrekt unter dem Titel „Kinder machen glücklich – wenn Eltern ein Problem lösen“ – das finanzielle. Vielleicht hätte sie noch darauf hinweisen können, dass „Glück“ nicht ganz dasselbe ist wie das, was sich mit der Frage: „Wie zufrieden sind Sie gerade mit Ihrem Leben?“ erfassen lässt. Und dass nicht nur die Eltern das Problem lösen können, sondern auch die Gesellschaft, indem sie Familien finanziell unterstützt (was die Ausnahmefälle Deutschland und Österreich erklären könnte). Aber okay.

Die „Welt am Sonntag“ stellte ihren Artikel online. Dort entdeckte ihn im November 2021 das Frauenmagazin „Elle“ und berichtete selber unter dem Titel: „Neue Studie: Sind Menschen ohne Kinder glücklicher?“ Dabei tun sie so, als hätten Blanchard/Clark als neue Erkenntnis genau jenen alten Hut hervorgebracht, den sie in Wirklichkeit korrigiert haben: „Eine neue Studie sagt jetzt: Nachwuchs soll in häufigen Fällen unglücklich machen.“ Heuer im Juli hat die Facebook-Redaktion von „Elle“ diesen Artikel im Fundus entdeckt und mit viel Resonanz (mehr als 1000 Kommentare) gepostet. Titel: „Laut Studie sind Menschen ohne Kinder viel glücklicher“.

So funktioniert Stille Post heute. Aus der neuen Erkenntnis, dass eine etwas niedrigere Durchschnittszufriedenheit von Eltern mit einer Verschlechterung ihrer Finanzen korreliert, mutiert in 42 Monaten die Behauptung, dass Menschen ohne Kinder viel glücklicher sind. Das ist kennzeichnend für den oft schon grottenschlechten Billigjournalismus, der das Internet aufbläht und dessen Unbedarftheit viele nicht durchschauen. Auch unterstreicht es einen heimlichen Megatrend unserer Epoche: die misstrauische Geringschätzung des Prokreativen mit allem, was dazugehört wie Fruchtbarkeit, Mutter- oder Vaterschaft. Und es wirft die Frage auf, ob uns ein wenig digitale Enthaltsamkeit nicht am ehesten glücklicher machen würde.


Der Autor war stv. Chefredakteur der „Presse“ und ist nun Kommunikationschef der Erzdiözese Wien.

meinung@diepresse.com 

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.07.2022)