Die Untoten des Pop: Honneurs für Morrison und Lennon

Untoten Honneurs fuer Morrison
Untoten Honneurs fuer Morrison(c) AP
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Doors-Sänger Jim Morrison erfährt durch Begnadigung posthum Gerechtigkeit. Der „Rolling Stone“ druckt das letzte Interview John Lennons: „Ich will verdammt nochmal nicht als toter Held enden.“

Seit mehr als 39 Jahren ruht Jim Morrison, an einer Rauschgift-Überdosis in der Badewanne eines Pariser Appartements zugrunde gegangen, unter der Erde des Père-Lachaise-Friedhofs in Paris. Bis heute sorgen die Fans des Doors-Sängers allerdings dafür, dass dort kaum je Ruhe einkehrt. Memorabilia weisen den Weg zu seiner Grabstätte, und manche zweifeln überhaupt, ob der Rockstar hier begraben liege – eines der Geheimnisse, die konstituierend sind für die Legendenbildung um eine Ikone der Gegenrevolution der 1960er-Jahre.

Hartnäckigen Fans ist es auch zu verdanken, dass einem der großen Untoten der Pophistorie jetzt spät, aber doch letzte Gerechtigkeit widerfährt – eine Begnadigung von höchster bundesstaatlicher Stelle. Floridas Gouverneur Charlie Crist brachte kurz vor dem Ende seiner Amtszeit die Causa Morrison noch einmal aufs Tapet, um das letzte Wort über ein bizarres Verfahren zu sprechen. Ein Gericht in Dade County hatte den Musiker wegen obszönen Benehmens zu einer sechsmonatigen Haftstrafe und einer Summe von 500Dollar verurteilt. Morrisons Anwälte legten umgehend Berufung ein, gegen eine Kaution wurde er auf freien Fuß gesetzt.

Hat er oder hat er nicht? Diese Frage umwaberte den Sänger noch zu Lebzeiten: Hat er bei einem Konzert im Dinner Key Auditorium am 1.März 1969 in Miami die Hosen heruntergelassen, wie manche Augenzeugen beschwören? Doors-Veteran Ray Manzarek führt derlei Berichte auf den Einfluss halluzinogener Drogen zurück.

Faktum ist jedenfalls, dass ein völlig zugedröhnter Morrison, der Sohn eines Admirals, eine orgiastische Performance ablieferte. Er forderte das Publikum zum Geschlechtsverkehr auf, riss sich das T-Shirt vom Leib, peitschte mit dem Gürtel durch die Luft, simulierte Masturbation – und ließ sich ein lebendes Lamm auf die Bühne zuführen. Für Manzarek war all dies Teil eines dionysischen Auftritts, für die Sittenwächter in Florida war freilich die Grenze des guten Geschmacks längst überschritten. Die Wogen gingen hoch in einem Land, das vom Widerstand gegen den den Vietnam-Krieg zerrissen war. Die Doors waren verfemt. Drei Wochen später fand in der Orange Bowl in Los Angeles eine Gegenveranstaltung statt, die gegen die Exzesse der Hippie-Bewegung protestierte. US-Präsident Richard Nixon drückte seinen Dank aus.


Nixon und seine Regierung versuchten dann auch jahrelang vergeblich, einen unliebsamen britischen Kritiker zu expedieren, der nach der Auflösung seiner Band nach New York gezogen war: John Lennon. In der Nacht zum Donnerstag versammelten sich tausende Fans anlässlich des 30.Jahrestags seiner Ermordung am Rande des Central Parks – rund um das „Imagine“-Denkmal, unmittelbar vor dem Dakota-Building, dem Ort des Attentats.

Wie der Zufall es will, stöberte der Journalist Jonathan Cott beim Aufräumen seiner Wohnung die verloren geglaubten Tonbänder des letzten Lennon-Interviews auf. Drei Tage vor dem Mord hatte er ein neunstündiges Gespräch mit dem Ex-Beatle über Gott und die Welt geführt, das immer noch gut ist für das Cover des „Rolling-Stone“-Magazins. Prophetisch erklärte Lennon darin: „Ich will verdammt nochmal nicht als toter Held enden.“

Auf einen Blick

Floridas Gouverneur Charlie Crist sprach kurz vor Ende seiner Amtszeit eine Begnadigung für den Doors-Sänger Jim Morrison aus – 39 Jahre nach dessen Tod. Ein Gericht hatte den Popstar wegen obszönen Verhaltens zu einer Haftstrafe von sechs Monaten und 500 Dollar verurteilt. Bei einem Konzert in Miami soll Morrison 1969 angeblich seine Genitalien gezeigt haben, was Bandmitglieder bestreiten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.12.2010)

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