Urlaub auf dem Bauernhof. Wie ein weißer Fleck auf der Landkarte kreativ gefüllt wird.
Warum nicht in Österreich bleiben? Wer einmal zwei Stunden in der Toskana auf der gesperrten A1, der "Strada del sole", oder einen halben Nachmittag bei Venedig vor einer Mautstelle gebrütet hat, wird sich bestimmt schon einmal diese Frage gestellt haben. Der Vorteil des Südens, mit größerer Wahrscheinlichkeit das bessere Wetter zu bieten, will hart erkämpft werden; Millionen Autofahrer und ihre Familien, die den regelmäßigen Reisesamstag-Wahnsinn auf den Routen in den Süden und retour mitmachen, können das bestätigen. Warum also nicht in Österreich bleiben, zumal dort, wo es für die Kinder auch einmal etwas anderes zu erleben gibt als Sonne, Wasser, Gelato und Pizza? Auf einem Bauernhof zum Beispiel?
Nächtlicher Zuwachs
"Ein Kalb, ein Kalb!" Das frühe Aufstehen der Kinder hat sich heute besonders gelohnt. Sie sind die ersten Gäste, die vom nächtlichen Zuwachs erfahren haben. Da werden die Eltern doch nichts dagegen haben, wenn sie mit der freudigen Nachricht geweckt werden?!
Die Tiere auf dem Ferienhof Haberzettl sind die größte Attraktion für Kinder: von der phlegmatisch-freundlichen Berner Sennenhündin Luna über eine ständig wachsende Katzenfamilie, ferner zwei Kaninchen, zwei Ponys und eine Schar Pferde bis zum - zurzeit alleinstehenden - Ziegenbock Romeo. Und einem knappen Dutzend Kühe. Die Fauna dieses Stückchens Kärnten wird von den jungen Gästen nicht bloß passiv wahrgenommen, die Kinder sind eingeladen, jeweils ein Tier oder eine Gruppe gleichsam in Pflege zu nehmen.
Ein Huhn sitzt auf dem Ei!
Der 13-jährige Nikolaus hat sich für den Hahn Windikus und dessen Hennen entschieden. Das bedeutet: in der Früh füttern und - Eier einsammeln. "Was soll ich machen: Ein Hendl sitzt auf einem Ei und steht nicht und nicht auf?" Gezim, der aus dem Kosovo stammende gute Geist des Bauernhofs, weiß in seinem schon fast perfekten Kärntnerisch Rat: "Nohan woatst a bissl, und nohan sind's zwa." Er sollte Recht behalten.
Der Hof liegt im Oberkärntner Metnitztal, wo sich die Gurktaler Alpen erheben, unweit von Friesach, der ältesten Stadt des südlichsten Bundeslandes. Die Gegend ist, wie die dem Fremdenverkehr aufgeschlossenen Einheimischen klagen, ein weißer Fleck auf der touristischen Landkarte. So ähnlich verhält es sich übrigens mit dem Haberzettlhof auf dem Display eines GPS-Navigationssystems: "Schnatten 18" eignet sich als Zielort für den satellitengesteuerten digitalen Führer nicht wirklich.
sBesitzerin Christa Seidl, die den Hof vor mehr als 20 Jahren relativ unvorbereitet von ihren verstorbenen Eltern übernommen hat, versteht es aber, den Anfahrtsweg zu erklären. Und zwar jedem. Wie sonst hätten die bisher weitestgereisten Gäste zu ihr gefunden, nämlich Australier, die den Hof mittels Internet ausfindig gemacht hatten, weil sie dort Schnee und europäische bäuerliche Bräuche kennenlernen wollten?
Weil Seidl auf über 800 Meter Seehöhe von der - wiewohl zeitgemäß biologisch geführten - Landwirtschaft allein immer schlechter leben konnte, sah sie sich nach zusätzlichen Möglichkeiten um, ihr Gut zu nutzen.
Nach allein reisenden Kindern als Gästen hat sie sich bald auf Familien verlegt und, weil ja nicht immer Ferien sind, auf Spezialangebote wie Fastenwochen: Unter sorgfältiger mentaler Betreuung, mit Gemüse- und Fruchtsäften sowie Suppen und Tees als Nahrung werden die Gäste seelisch und physiologisch gereinigt, während so nebenbei die Kilos von den Leibern purzeln. Die Fastengäste brauchen eher mehr Betreuung und Beschäftigung durch Fastenleiter und -begleiter als die anderen, die sich unterdessen in einer der acht gemütlichen Ferienwohnungen oder in einem nahe gelegenen Wirtshaus oder Restaurant die Bäuche vollschlagen.
Den meisten Kindern geht es allerdings weniger ums Essen als darum, die Tiere zu beobachten, zu berühren und zu betreuen. Erlaubt ist alles, was für die Kinder ungefährlich und für die Tiere gut ist. Der zehnjährige Philipp spielt mit den Katzen und folgt ihnen überall hin bis in die entlegensten Winkel der Scheune, Clara (8) hat die Ponys Gigsi und Lady adoptiert. Zusammen mit einem Erwachsenen, der sie führt, kann sie jederzeit einen kleinen Ausritt machen. Wer richtig reiten lernen will, kann Reitstunden auf einem der Haflinger nehmen.
Radfahren als Abenteuer
Die Eltern können inzwischen wandern oder Mountainbike fahren, wobei gerade für Zweiteres das in der Friesacher Touristeninformation aufliegende Kartenmaterial noch verbesserungsfähig wäre. Wer den in Grün eingezeichneten Radweg von Straßburg (nicht an der Mosel, sondern der Gurk) über Kraßnitz über Moschitz nach Friesach nehmen will, wird mit großer Wahrscheinlichkeit knapp vor dem Pirkerkogel an einem durchaus überzeugend wirkenden 60-Kilo-Bernhardiner scheitern: Sehr bestimmt hindert er einen mit lautem Bellen am Weiterfahren. Aus gutem Grund: Der Weg ist nach Aussagen eines dort droben lebenden Bauern nicht weiter befahrbar.