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Fokus auf
Schweigekultur

»Ich nenne sicher keine Namen«: Bleibt #MeToo in Österreich anonym?

Sexuelle Übergriffe, Sexismus und Machtmissbrauch: Mit einigen Jahren Verspätung geht die #MeToo-Welle auch durch die österreichische Filmbranche. Doch die mutmaßlichen Täter bleiben bislang namenlos – und großteils auch die Opfer. Was steckt hinter der Schweigekultur, die dafür verantwortlich gemacht wird?

von Andrey Arnold und Katrin Nussmayr

Regisseure, die Mitarbeiterinnen aus heiterem Himmel lüsterne Nachrichten schicken oder sie dazu bringen, sich ungewollt vor ihnen auszuziehen. Schauspieler, die Kolleginnen nachstellen und ein Nein nicht akzeptieren. Produzenten, die Bikinifotos von Angestellten im Internet ausfindig machen und im Firmenbüro herumzeigen. Es sind herbe, zum Teil schwerwiegende Vorwürfe, die seit Juni eine Sexismus-Debatte im österreichischen Filmwesen befeuern. Sie reichen bis zum Vorwurf der Vergewaltigung – und zeichnen das befremdliche Bild einer von patriarchalen Strukturen und Machtmissbrauch geprägten Szene.

Doch dieses Bild hängt bislang windschief in der Luft: Im Unterschied zu vergleichbaren Diskussionen, wie sie seit Beginn der #MeToo-Bewegung in vielen Ländern geführt werden, sind die Anklagen in Österreich weitgehend anonym geblieben, kursieren sie vor allem in sozialen Medien und brancheninternen Gesprächen. Mutmaßliche Täter wurden öffentlich nicht benannt; in den meisten Fällen wollen auch die Betroffenen unerkannt bleiben. Im Vergleich zu den USA oder Deutschland, wo sich der #MeToo-Diskurs an Vorwürfen gegen Harvey Weinstein und Dieter Wedel entzündet hat, findet er hierzulande in einer Art Vakuum statt.

Was Spekulationen Außenstehender befördert: Während manche systematische Vertuschung wittern, zweifeln andere den Wahrheitsgehalt der Vorhaltungen an oder halten sie für überzogen.
Unzweifelhaft im Offenen sind Zahlen der Anlaufstelle "#we_do!". Sie wurde 2019 vom Dachverband der österreichischen Filmschaffenden eingesetzt und dient der Meldung und Dokumentation von Übergriffen, Unrechtsfällen und Diskriminierungen. Laut Jahresbericht 2021 gab es seit der Gründung 81 Kontaktaufnahmen, 44 davon haben mit geschlechtlicher Diskriminierung, Übergriffen und Gewalt zu tun. Zuletzt stieg die Zahl der Meldungen stark an (siehe Interview unten).

Verzögertes Selbstvertrauen. Zuvor lief die #MeToo-Debatte im heimischen Film stotternd an. Lang wurden Äußerungen wie jene von Nina Proll, die 2017 „dieses kollektive Jammern“ hinsichtlich sexueller Belästigung monierte, hitziger diskutiert als das Thema selbst. Im Zuge von Corona schien der Diskurs eingeschlafen. Bis die Regisseurin Katharina Mückstein ihn mit Instagram-Posts im Juni neu aufkochen ließ. Sie beschrieb persönliche Erfahrungen mit sexualisierten Übergriffen – ergänzt um anonymisierte Berichte, die ihr von anderen Betroffenen zugeschickt wurden. Die Resonanz in sozialen und klassischen Medien brachte Sexismus am Set wieder ins Gespräch.

» Er drohte, allen zu erzählen, dass ich das gewollt hätte, dass ich eine Schlampe bin. «



„Vor fünf Jahren wäre ich nicht bereit gewesen, diesen Instagram-Post abzusetzen“, sagt Mückstein. Es habe gedauert, sagt sie, um einzuordnen, wie sehr sich das Erlebte auf ihre Karriere und ihr Selbstvertrauen ausgewirkt habe. Die Unsicherheit darüber, was eigentlich als Übergriff zu werten sei, ist wohl ein Grund, warum Menschen ihre Erlebnisse manchmal lieber verschweigen. Dazu kommt die psychische Belastung, sich erneut mit einer unangenehmen Erfahrung beschäftigen zu müssen – und die Angst, als Opfer gesellschaftlich stigmatisiert zu werden. „Ich werde sicher keine Namen nennen“, sagt eine Schauspielerin, die nicht namentlich genannt werden möchte und die im Lauf ihrer Karriere mehrfach Übergriffe erlebt hat – von einem Kollegen, der sie mit anzüglichen SMS stalkte, über einen anderen, der ihr beim Dreh einer Sexszene explizite sexuelle Dinge ins Ohr flüsterte, sie an nicht vereinbarten Stellen intim berührte und ihr am Ende noch einen Klaps auf den Po gab, bis hin zu „schlimmen körperlichen sexuellen Übergriffen“, die sie nicht im Detail wiedergeben will. Als junge Jobeinsteigerin drohte ein Täter, sie in der Branche zu diskreditieren, sollte sie von seinen Übergriffen berichten. „Er hat gesagt, er würde allen anderen erzählen, dass ich das gewollt hätte. Damit alle denken, ich bin eine Schlampe, die alles tut für ihren Beruf.“ Der Täter war erfolgreich, anerkannt, vernetzt: „Mir war völlig klar, dass ihm mehr geglaubt worden wäre als mir.“ Dass sie, wenn sie ihre Täter benennt, keine Jobs mehr bekommen könnte, fürchtet die Schauspielerin heute nicht mehr, sie ist etabliert und in Film wie Theater gefragt. Die Angst vor der Scham aber bleibt. Der Reflex, die Opfer anstatt der Täter für einen Vorfall verantwortlich zu machen, sei in der Gesellschaft allzu ausgeprägt, meint sie, die öffentliche Meinung würde sich sofort gegen sie wenden. „Das ist heute meine größte Angst: Was ich psychisch nicht ertragen könnte, wäre, mit Victim-Blaming durch Twitter gejagt zu werden. Und das würde passieren.“

Angst vor Ausgrenzung. „Mir wurde einfach nicht geglaubt“, sagt Luna Jordan. Die 20-jährige Berlinerin hat, als sie im Juni den Österreichischen Filmpreis gewonnen hat, in ihrer Rede verlautet, schon viermal Opfer sexuellen Missbrauchs am Arbeitsplatz geworden zu sein. Einmal habe sie das den Verantwortlichen gemeldet, erzählt sie der „Presse am Sonntag“ – und wurde nicht ernst genommen. Öffentlich will sie keine Täter nennen. „Ich fühle mich zu unwissend, welche Konsequenzen das mit sich bringt. Ich brauchte Leute an meiner Seite, die sagen, wir machen das zusammen, wir stellen zusammen als Gruppe diese Täter.“ Fälle wie ihren kenne sie zur Genüge in ihrem Bekanntenkreis. Die Ängste seien oft dieselben: Man fürchtet Unterlassungsklagen, in der Branche ausgegrenzt zu werden, keine Jobs mehr zu bekommen. „Wenn Leute über einem stehen, die einen größeren Namen haben, vielleicht noch männlich oder alt sind, ist man ganz schnell weg vom Fenster“, meint sie.

Passiert das wirklich? Erzählungen kursieren einige, konkret sind sie meist nicht – und schwer verifizierbar. „Das Perfide ist, dass man bewusste berufliche Sabotage schwer nachweisen kann“, sagt Elena Wolff. „Es ist ja nicht so, als bekäme man ein E-Mail. Oft hat man eher die dunkle Vermutung: Komisch, ich werde nicht mehr zu Castings eingeladen, werde auf einmal geschnitten.“ Die Regisseurin hat in der Instagram-Debatte deutlich gegen Übergriffe angeschrieben. „Ich habe jedes Mal, wenn ich über diese Dinge rede, Angst, auf einer Blacklist zu landen. Das ist in Österreich extremer als anderswo, weil die Szene so unfassbar klein ist. Es gibt hier nur zwei, drei öffentliche Förderstellen und wenig Geld. Man kann es sich sehr leicht mit irgendjemandem verscherzen.“

„Alle kennen Namen.“ Dass die öffentliche Debatte ohne Namen abläuft, heißt nicht, dass solche nicht kursieren würden. „Branchenintern kennen eh alle die Namen“, „Unter Schauspielerinnen spricht sich schnell herum, wer die Übergriffigen sind“ – solche Sätze sind bei den Recherchen oft zu hören. „Da, wo sich die Leute sicher fühlen, werden auch Namen genannt“, sagt Mückstein. „Ich glaube, dass viele Männer, von denen da geredet wird, das gar nicht wissen. Die haben vermutlich gar kein Unrechtsbewusstsein.“

» Eine Gerüchtebörse drei Jahre später nützt einem wenig als Produzentin. «



Männer – von ihnen ist mehrheitlich die Rede, wenngleich einzelne Vorfälle auch Täterinnen betreffen. Und auch in weiblich geleiteten Produktionen sind Übergriffe möglich. Das zeigt der Fall einer Schauspielerin, die am Set täglich von einem Tontechniker im Ausschnitt verkabelt wurde. Eines Tages knöpfte er ihr Kleid auf, fasste ihr an die Brüste und in den Schritt. Eine Kollegin meldete es der Regisseurin – die völlig schockiert und überrascht war. Der Mann wurde sofort entlassen, am Set wurden Regeln aufgestellt.

Vorgesetzte haben eine Fürsorgepflicht: Fällt ihnen eine sexuelle Belästigung auf, müssen sie für den Schutz der Betroffenen sorgen. Doch nicht immer kommen Vorfälle offenbar bei den höheren Hierarchie-Ebenen an. „Wir hatten noch nie eine Meldung“, sagt Barbara Pichler. „Das ist die Crux an der Sache für Produzentinnen: Man kann versuchen, einen Rahmen zu schaffen und zu kommunizieren, dass ein gewisses Verhalten nicht toleriert wird. Das ist unsere Verantwortung. Aber ich brauche auch entweder jemanden, der betroffen und bereit ist, mir das zu sagen, oder eine verantwortliche Person, die sagt: ,Ich habe das eindeutig beobachtet.‘ Alles andere – eine Gerüchtebörse drei Jahre später – nützt einem wenig als Produzentin.“ Pichler führt gemeinsam mit Gabriele Kranzelbinder die Produktionsfirma KGP. Ihnen beiden seien keine Namen von Übergriffigen bekannt, sagen sie. „Das ist ein bisserl unser Problem: Wir können praktisch nie auf Infos zurückgreifen, wo wir sagen: ,Okay, da müssen wir vorsichtig sein.‘“ In vielen Fällen, die nun diskutiert werden, gehe es um eine unangenehme Arbeitsatmosphäre und mangelnden Respekt – in einigen aber auch um schwerwiegende Vorfälle. „Man wird es sich kaum leisten können, mit jeder Person, die manchmal Witze macht, die als sexistisch empfunden werden, nicht mehr zusammenzuarbeiten. So viele Leute haben wir nicht“, sagt Pichler.

Umso wichtiger sei es, mit Präventivmaßnahmen Bewusstsein zu schaffen: So soll in kommenden KGP-Produktionen gleich beim ersten Teamtreffen klar angesprochen werden, dass Übergriffe nicht geduldet werden und alle gebeten sind, die Augen offen zu halten. Zudem wird auf die Beratungsstelle "#we_do!" wie auch auf Ansprechpersonen innerhalb des Teams hingewiesen. In die Verträge kommt ein Zusatz, der klarstellt, dass Mobbing und Übergriffe zur Kündigung führen können. Ein Gespräch über richtiges Verhalten vor jedem Drehstart würde auch Luna Jordan begrüßen. Sie wünscht sich zudem rechtliche Unterstützung für alle, die Übergriffe melden. Hätte sie eine Garantie, dass ihr Ruf nicht geschädigt würde, dass die Branche ihr mit Respekt und Verständnis begegnen würde, dann, sagt sie, würde sie auch Namen nennen.

Das Bedürfnis, konkrete Personen zu stellen, scheint groß. Zugleich möchte niemand von den Betroffenen das Gesicht dieser noch diffusen #MeToo-Bewegung sein. Und vielleicht braucht es das auch gar nicht. „Wichtiger ist mir, dass sich an der Kultur des Wegschauens etwas ändert“, sagt Katharina Mückstein. „Wenn die Situation jetzt nur dazu führt, dass gewisse Männer Angst haben aufzufliegen und ihr Verhalten überdenken, oder dass andere, die so ein Verhalten beobachten, das laut ablehnen, dann ist auch das ein großer Erfolg. Das führt vielleicht dazu, dass ein paar Frauen weniger ein traumatisches Erlebnis haben.“