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Gastkommentar

Wie Landwirte unabhängig bleiben

Wer autonomer Landwirt sein will, sollte auf Biolandbau setzen und nicht auf Produktionssteigerung.

Die Autoren:

Alfons Piatti (* 1950, Agrarökonom), Helga Bernold (* 1977, IT-Technikerin), Zeno Piatti-Fünfkirchen (* 1989, Agrarökonom) sind Landwirte im Weinviertel.
Ihre Betriebe werden seit rund 40 Jahren biologisch bewirtschaftet. Mehr: www.piatti.at; www.wagyu.at; www.stutenhof.at

Die Forderungen nach Produktionssteigerungen in der Landwirtschaft werden derzeit wieder lauter – weil viele denken, nur so könne man den durch den Ukraine-Krieg steigenden Welthunger in den Griff bekommen. Produktionssteigerung wird durch höhere Hektarerträge und/oder Flächenausweitung (Nutzung von Brachflächen) erreicht. Kurzfristig höhere Hektarerträge bedingen aber intensiveren Einsatz von chemisch-synthetischem Dünger und Pflanzenschutzmitteln, die wir selbst nicht ausreichend bereitstellen können, also importieren müssen. Produktionssteigerung gibt es nur mit einer gewissen Abhängigkeit. Auf der anderen Seite wird gerade seit dem Angriff Russlands auf die Ukraine mehr Autonomie gefordert. Also was jetzt?

Was man interessanterweise kaum hört, ist die Forderung, den Biolandbau auszuweiten.

Eine Überproduktion bei uns hat auch in der Vergangenheit den Welthunger nur gering eingedämmt, und es gibt keine Indizien, warum das in Zukunft anders sein sollte. Es darf also bezweifelt werden, dass ein Mehrertrag aus der Produktionssteigerung den Hungernden dieser Welt zugute kommen wird. Dann hätten wir zwar nichts gegen den Welthunger getan, aber sowohl die Abhängigkeiten vergrößert als auch unsere Umwelt zusätzlich durch Intensivierung der Landwirtschaft belastet.
Die konventionelle Landwirtschaft braucht Düngemittel, Pestizide und jene Energie, die sie aus Russland jetzt teuer einkaufen muss. Viel weniger der Biolandbau, denn Bio setzt auf möglichst geschlossene Kreisläufe, und chemisch synthetische Betriebsmittel (Dünger, Pestizide) sind sowieso verboten. Der Biolandbau ist somit wesentlich unabhängiger, weil die Kreislaufwirtschaft weniger Import von außen ins System benötigt.

Bio vermindert also Abhängigkeit und fördert Autonomie. Der Preis dafür ist eine um ca. 25 Prozent geringere Produktivität im Durchschnitt, je nach Kultur unterschiedlich.

Verrückt, verantwortungslos

Aus einer akuten Notsituation heraus aufs Spiel zu setzen, worauf sich eine aufgeklärte Wissenschaft im Interesse des Überlebens der Menschheit geeinigt hat, ist verrückt und verantwortungslos. Die Gefahr, dass hier viel weniger den Hungernden und viel mehr der kurzfristigen Gewinnmaximierung diverser Industrien gedient wird, ist offensichtlich. Mehr Bio bei uns bedeutet mehr Autonomie und keine Gefahr für den Welthunger. Im Gegenteil, Bio kann in den Ländern, in denen gehungert wird, die Produktivität im Vergleich zur traditionellen Landwirtschaft steigern.

Auch deshalb verwundert es, dass im neuen österreichischen Umweltprogramm gerade Bio in Relation zur konventionellen Landwirtschaft benachteiligt werden soll. Ein Beispiel dafür ist die Reduktion der Bioprämie für den Ackerbau von 230 €/ha auf 205 €/ha. Die Prämie reduziert sich sogar weiter auf 130 €/ha, wenn zusätzliche Auflagen durch verpflichtende Biodiversitätsflächen berücksichtigt werden.

Gleichzeitig beobachten wir eine Marktentwicklung, die den Preisen von konventionellen Produkten einen überverhältnismäßigen Aufschwung ermöglicht und die ökonomische Differenz zwischen bio und konventionell schrumpfen lässt. Es ist daher mit mittel- oder langfristigen Änderungen in der Landwirtschaft zu rechnen: Betriebe werden auf konventionell umsteigen, und Österreich wird sein gesetztes Ziel von 30 Prozent Biolandbau nicht erreichen.