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Letzter Essay

Zuerst war die Flucht, dann kam die Angst

Einer der wichtigsten Schritte zur Trauma-Aufarbeitung ist, das Gefühl wiederherzustellen, in Sicherheit zu sein.
Einer der wichtigsten Schritte zur Trauma-Aufarbeitung ist, das Gefühl wiederherzustellen, in Sicherheit zu sein.(c) AFP via Getty Images (MARCO BERTORELLO)
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Ich habe damals gedacht, dass der Krieg in Syrien, meine Entführung durch die Islamisten 2013 und meine Erlebnisse auf der Flucht normal sind: Es ist so, wie es ist. Es geht weiter. Vor der Therapie war mir nicht klar, welche Spuren traumatische Ereignisse hinterlassen. Ein „Spectrum“-Essay von Jad Turjman, der am 29. Juli ums Leben gekommen ist.

Es ist Mai 2015. Ich bin seit vier Monaten in Österreich. Wir sitzen zu sechst für den freiwilligen Deutschunterricht im Gemeinschaftsraum der Asylunterkunft in Radstadt. Die Panikattacke beginnt. Ich kann der ehrenamtlichen Helferin, die uns unterrichtet, nicht mehr zuhören. Ich höre nur mehr das Rauschen des Blutes in meinen Ohren. Mir wird schwindlig, und ich habe das Bedürfnis zu erbrechen. Ich kann aber nur den Bleistift in meiner Hand anstarren. Theoretisch sitze ich in körperlicher Sicherheit in einem Raum mit anderen Menschen, aber es fühlt sich so an, als würde ich unter den Pranken eines Tigers liegen. Diesmal werde ich aber, anders als sonst, wütend. „So kann das nicht weitergehen!“, sage ich mir. Mit einem tiefen Atemzug schaffe ich es, mich aus der Erstarrung zu lösen, stehe auf und gehe hinauf in mein Zimmer. Die Lehrerin erklärte mein Verhalten für respektlos und fand, ich sei faul und desinteressiert. Das erfuhr ich später. Aber ich hatte keine Kapazitäten, mich darum zu kümmern. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich keine Ahnung, was mit mir los war.

Seit ich in Radstadt bin, plagen mich Schlafstörungen und Albträume vom Krieg, vom Folterkeller und von der Flucht, tagsüber Apathie, Unwohlsein, Taubheit in manchen Körperregionen, belastende Blitzerinnerungen und anhaltende Angstzustände. Am Abend erzähle ich meinem Zimmerkameraden von meinen Qualen. Er macht nur Witze darüber. Ich würde übertreiben, weil sich mein Asylbescheid verzögert und ich hier nur sinnlos herumsitzen müsse. Vielleicht hat er recht, denke ich mir, aber ich möchte etwas tun, ich möchte nicht unter diesen Umständen aufgeben und in diesem Loch noch tiefer versinken.

Beim nächsten Besuch der Caritas-Betreuerin berichte ich davon, und sie meint, dass ich Hilfe brauche, doch leider werde Psychotherapie für Asylwerber derzeit nicht gefördert. Sie könne für mich nur einen Termin in der Psychiatrie vereinbaren. Dort erscheine ich rechtzeitig, aber die diensthabende Ärztin kann das Gespräch nicht auf Englisch führen. Sie holt deshalb eine Ärztin in Ausbildung, die besser Englisch spricht, und verlässt den Raum. Nach einem halbstündigen Gespräch muss ich einen Fragebogen ausfüllen und bekomme die Diagnose: PTBS, Posttraumatische Belastungsstörung. Am Ende stellt sie mir ein Rezept für drei verschiedene Medikamente aus und erklärt, wann ich diese einnehmen müsse. Sie meinte, ich solle mich um einen Therapieplatz kümmern, sobald ich Asylstatus habe.