Wie Ai Weiwei die Erfahrung der Wüste wachruft

Gedanken nach einem Galeriebesuch: Wenn sich das Leben wie Wüste anfühlt, stellt sich die Frage – wonach sehne ich mich?

„Jesus zog sich von dort in die Gegend nahe der Wüste zurück.“

Joh 11,54

Ein Meer von Sonnenblumenkernen ließ der chinesische Künstler Ai Weiwei in der enormen Turbinenhalle der Galerie Tate Modern in London aufschütten. Jeder der anthrazitfarbenen Kerne mit zarten weißen Streifen ist ein kleines Kunstwerk für sich. Auch bei längerer Betrachtung möchte man kaum glauben, dass die Kerne nicht echt, sondern von Hand aus Porzellan gefertigt und bemalt sind.

Zunächst fasziniert die schlichte Schönheit der Samen, der Kontrast zwischen der hohen Halle und der nur ihren Boden bedeckenden Installation, aber auch die Spannung zwischen Bescheidenheit und Monumentalität. Unwillkürlich fragt man sich, wie viele Kerne es wohl sind, und eine Tafel informiert: hundert Millionen.

Spätestens jetzt macht sich das Beunruhigende dieses Anblicks bemerkbar, all das Unerhörte, das im Hintergrund seiner Entstehung liegen muss. Wer hat die Samen mit feiner Fingerfertigkeit hergestellt? Wer lässt sich zu solch monotoner Handarbeit motivieren? Was mutet der Künstler seinen Landsleuten zu?

An diesem Punkt gewinnen die harmlosen Kerne die Macht, Unverständnis hervorzurufen, Ärger und Traurigkeit. Hier beginnt das Kunstwerk, Bewusstsein zu wecken für die menschliche Wüste des chinesischen Wirtschaftswachstums, für die massige Monotonie menschlicher Gesellschaft, für die im Sonnenblumenkern symbolisierte, im Porzellan erstickte Fruchtbarkeit. Indem das Werk die Erfahrung der Wüste wachruft, berührt es Religiöses, denn die Wüste steht in der Bibel für die Herkunft Gottes.

In der gebirgigen Wüste der Sinaihalbinsel begegnet Mose erstmals seinem Gott, und auf dem Berg Sinai erfährt das Volk Israel seine unmittelbarste Begegnung mit ihm. Die „Stimme eines Rufenden in der Wüste“ kündet nach dem Propheten Jesaja Gottes Kommen an. „Die Elenden und Armen suchen Wasser, doch es ist keines da; ihre Zunge vertrocknet vor Durst. Ich, der Herr, will sie erhören, ich, der Gott Israels, verlasse sie nicht. Auf den kahlen Hügeln lasse ich Ströme hervorbrechen und Quellen inmitten der Täler. Ich mache die Wüste zum Teich und das ausgetrocknete Land zur Oase“ (Jesaja 41).

Johannes der Täufer identifiziert sich mit der Stimme in der Wüste. Jesus selbst fastet vierzig Tage in der Wüste, bevor er in die Öffentlichkeit tritt, und er sucht immer wieder ihre Nähe, vielleicht, um dem Ursprung seiner Sehnsucht wieder näher zu sein. Noch einmal begibt er sich in die Wüste, bevor er zu seinem letzten Weg nach Jerusalem aufbricht.

Der Besuch in der Tate Modern war mein persönlicher Wüstentag in diesem Advent. Ernst trage ich die Wüste seither in mir, und ich beginne sie zu mögen, weil sie mir keine Ruhe lässt und ich mich fragen muss: Wonach sehne ich mich?

Bimail steht für Bibelmail, ein wöchentliches Rundschreiben des Teams um Pater Georg Sporschill, adressiert an Führungskräfte. Darin werden Lehren aus der Bibel auf das Leben von heute umgelegt.


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.12.2010)