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Iran: Makabere Show mit Todeskandidatin

Iran Makabere Show Todeskandidatin
(c) REUTERS (MARCOS BRINDICCI)
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Die zum Tod durch Steinigung verurteilte Sakineh Ashtiani musste für das Staatsfernsehen den Mord an ihrem Ehemann spielen – um ihre Schuld öffentlich zu beweisen.

Istanbul/Teheran. Es wäre nicht das erste Mal, dass die iranische Todeskandidatin Sakineh Mohammadi Ashtiani im Fernsehen ein „Geständnis“ ablegt. Doch die für den späten Freitagabend geplante, bereits vierte Folge der makabren Geständnisreihe sollte noch eines draufsetzen: Erstmals waren sogar szenische Einlagen unter der Mitwirkung Ashtianis darunter. Die Frau ist im Iran wegen Ehebruchs zum Tod durch Steinigung verurteilt worden.

Am Donnerstag verteilte der englischsprachige staatliche Sender Press TV kommentarlos Bilder von Sakineh Ashtiani und ihrem Sohn Sajjad Ghaderzadeh an ausländische Agenturen. Die Bilder zeigten die Mutter und ihren derzeit ebenfalls inhaftierten Sohn in ihrem Haus. Dies gab Gerüchten über eine bald bevorstehende Freilassung Auftrieb.

Am Freitag klärte Press TV auf seiner Webseite darüber auf, dass es in westlichen Medien eine „breite Öffentlichkeitskampagne“ gebe, in der fälschlich behauptet worden sei, „die geständige Mörderin Sakineh Ashtiani“ sei freigelassen worden. Ashtiani sei jedoch nicht freigelassen worden, sondern ein Fernsehteam habe sie zu ihrem Haus begleitet, um dort eine „visuelle Nacherzählung des Verbrechens an der Stelle des Mordes“ zu produzieren.

In mehreren „Interviews“ mit Leuten, die in den Fall verwickelt seien, sollten Hergang und Hintergründe des Mordes gezeigt werden. Genannt wird in diesem Zusammenhang Sakineh Ashtianis jetziger Anwalt Hutan Kian, der sich ebenfalls in Haft befindet.

 

Diskreditierte Kampagne

Ziel der Fernsehauftritte ist es offenbar, die weltweite Menschenrechtskampagne für Ashtiani zu diskreditieren. Diese entzündete sich an der drohenden Steinigung Ashtianis als Ehebrecherin. Als schließlich der damalige brasilianische Präsident Lula da Silva vergangenen Juli Ashtiani Asyl anbot, wurde ihm mitgeteilt, er sei nicht richtig informiert, es gehe um eine Verurteilung wegen Mordes.

 

Gerichtsurteil unauffindbar

Sakineh Ashtiani war zuerst 2006 wegen Ehebruchs, den sie als Witwe begangen haben soll, zu 99 Peitschenhieben verurteilt worden. Die Strafe wurde in Gegenwart ihres 17-jährigen Sohnes vollzogen.

Einige Monate später verurteilte sie ein anderes Gericht ebenfalls wegen Ehebruchs zum Tod durch Steinigung. Vom Mordvorwurf sei ihre Mutter jedoch freigesprochen worden, behaupten ihre Söhne. Das Urteil sei beim Gericht jedoch nicht mehr auffindbar – und die Kopie, die der Anwalt hatte, sei beschlagnahmt worden.

Anfang August wurde Ashtiani das erste Mal im Fernsehen gezeigt. Dabei gestand sie den Mord. Ihr Anwalt behauptet, die Aufnahmen seien durch Folter erzwungen worden. Kurz darauf tauchte auch ein, wie sich später herausstellte, falsches Foto von Ashtiani in der Presse auf, das sie ohne Kopftuch zeigte. Deshalb soll sie noch einmal mit 99 Peitschenhieben bestraft worden sein. Im September wurde sie dann erneut dem Publikum präsentiert, wobei sie sagte, die ersten Aufnahmen seien nicht unter Zwang erfolgt. Auch die Auspeitschung dementierte sie. Bei einem dritten Auftritt gestand sie, sie sei eine „Sünderin“, dabei war aber ihr Gesicht nicht zu erkennen, und sie redete Persisch, obwohl sie eigentlich nur Aserisch spricht. Dies wurde später mit „simultaner Übersetzung“ erklärt.

 

„Schauspieler“ auf Linie

Zwei deutsche Journalisten, die bei einem Interview mit Ashtianis Sohn festgenommen wurden, machten im Fernsehen Geständnisse, wobei auch hier nur die Übersetzung ihrer Worte zu hören war. Ihnen droht eine Anklage wegen Spionage.

Nun sollen diese makabren Auftritte offenbar fortgeführt werden. Dabei hat die Regie alle Mittel, die sich selbst bezichtigenden „Schauspieler“ auf Linie zu bringen. Notfalls dreht man eine Szene zweimal. Wer solche Methoden anwendet, kann schwerlich verlangen, dass man ihm glaubt.

Auf einen Blick

Sakineh Mohammadi Ashtiani war vor mehr als vier Jahren wegen Ehebruchs verhaftet und zum Tod durch Steinigung verurteilt worden. Das Urteil löste weltweit heftige Proteste aus, Teheran setzte die Steinigung vorläufig aus.

Beobachter in Teheran glauben, dass Ashtiani wegen des großen internationalen Drucks letztendlich mit einer Haftstrafe davonkommen könnte.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.12.2010)