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Plauderstunde vor „Kap Hoorn“

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(c) APA/HERBERT NEUBAUER (HERBERT NEUBAUER)

Theater in der Josefstadt. Igor Bauersima überdehnt sein neues Stück. Die konstruierte Geschichte läuft ganz nach angeblicher Bühnenlogik ab, so glatt, dass sie glatt enttäuscht.

Das Schauspiel dauerte sehr lange. Leider. Igor Bauersimas Stück „Kap Hoorn“ ist vom Stoff her ein typischer Einakter: Zwei Personen umkreisen ein lang zurückliegendes Geheimnis. Nach zehn Minuten ahnt man, wohin die Sache führen wird. Nach dreißig Minuten weiß man es. Es könnte noch ein, zwei Verwicklungen geben, und dann sollte Schluss sein. Doch der Autor, der sich bei der Uraufführung im Theater in der Josefstadt auch als Regisseur und (raffinierter) Bühnenbildner betätigt hat, macht aus seinem Text ein gut zweieinhalb Stunden langes, aber eben nicht ganz so großes Theater.

Hut ab vor der Leistung von Ulli Maier und Alexander Pschill, die konzentriert und mit Hingabe ihren Rollen Charakter, ein wenig Tiefe und sogar Geheimnis geben, aber bis zum plakativen Ende ist der Abend um mindestens eine Stunde zu üppig bemessen.

Maier spielt mit großer Einfühlung eine alte Frau Mitte achtzig, nie fällt sie aus der Rolle. Das Gekünstelte ist kaum zu spüren. Diese Cléo Lefreyd, eine reiche Witwe in einem großen Haus mit einem verwachsenen Garten, bekommt Besuch von einem mysteriösen vierzigjährigen Mann; Martin Solman will ihr hölzernes Strandhaus kaufen. Als Kind habe er einige Urlaube hier am See verbracht. Die Dame sträubt sich, legt aber Wert auf seine Gesellschaft. Es entsteht eine Art Freundschaft, zumindest wird die Begegnung für ausführliche Beichten genutzt. Sie reden. Und reden. Bald weiß man, dass Lefreyd von einer erbschleichenden Haushaltshilfe betreut wird. Vielleicht hat die sogar den ebenfalls von ihr betreuten Mann vor fünf Jahren um die Ecke gebracht. Anscheinend ist der ganze Ort hinter dem Geld der alten Frau her. Rechtsanwälte, Ärzte, sogar der mit der Putzhilfe verheiratete Polizist sind auf Cléos Entmündigung aus.

 

Ein Adoptivkind, eine Kindesweglegung

Was aber will der Fremde? Wir erfahren, dass er Psychologe ist, dass er vor 40 Jahren adoptiert wurde. Sie reden. Zuweilen erklingt Musik, Rachmaninov, Mahler, die Bühne aus zwei drehbaren Halbzylindern und Projektionen ergibt immer wieder neue, überraschende Räume, eine Bibliothek etwa. Und sie reden. Über Lebenssinn, die Musik von Fischer-Dieskau, ihren Wunsch, einmal das Kap Hoorn zu umsegeln, aber der Gatte war ein Feigling, sie hat es eben einfach gelassen. Eine ausgenützte, verbitterte Frau ohne Lebenssinn.

Was aber hat sie so verhärmt gemacht? Das erfahren wir nach der Pause, und zu der ist es noch eine halbe Stunde hin. In der Zwischenzeit werden ein paar Effekte ausgepackt, wird mit Messern hantiert, vom Zuschauerraum aus zischt ein Blitzlicht. Die Musik verspricht Spannung, vielleicht sogar Grauen. Will der etwa gar die Dame erstechen? So viel sei verraten: nein. Schließlich werden sie ein Team, ein Paar sogar, das sich wehren will. Aber vorerst ist einmal Pause.

Und danach läuft diese konstruierte Geschichte ganz nach angeblicher Bühnenlogik ab, so glatt, dass sie glatt enttäuscht. Tod, Hochzeit, das Geständnis der Kindesweglegung und eine aberwitzige Brandstiftung steigern sich zu einem Melodram. Doch dieser Kontrapunkt kommt zu spät, um den textlastigen Abend noch zu retten.

Auf einen Blick

Regie und Bühne: Igor Bauersima (* 23. Juni 1964 in Prag, kam als Kind von Emigranten in die Schweiz; Autor, Regisseur, Architekt, Bühnenbildner und Musiker). Uraufführung in der Josefstadt mit Ulli Maier (Cléo Lefreyd) und Alexander Pschill (Martin Solman).

Termine: 11., 18., 20., 25., 30. Dezember.

WEITERE INFORMATIONEN UNTER

www.josefstadt.org

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.12.2010)