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"Presse"-Urgestein

Lore Fessler, die Erfinderin der Kulturbeilage "Schaufenster", feiert ihren 90. Geburtstag.

Das "Schaufenster" ist und bleibt eine der beliebtesten Farbbeilagen in der österreichischen Zeitungswelt. Erfunden wurde es in den Siebzigerjahren: Man übernahm die bis dahin im "Spectrum" gesammelten Kultur-Tipps in ein neues Magazin, das jeweils am Freitag der damals wirklich großformatigen "Presse" beigelegt wurde. Was damals in vordigitalen Zeiten mühevoll an Daten über Theater, Konzert, Ausstellungen und Sonderveranstaltungen gesammelt wurde, kommentiert durch entsprechende Artikel der Kultur-Redaktion, bildete im Verbund mit dem TV-Programm - zwei Kanäle des ORF, mehr konnte man ja nicht empfangen - die qualitativ hochwertigeste Sammlung an Informationen für Kulturinteressierte.

Lore Fessler hatte die Oberaufsicht über das Projekt und brachte es Woche für Woche fertig, ihre Zuträger zu rechtzeitiger Textabgabe zu animieren. Eine herkulische Aufgabe, das weiß, wer die Beteiligten kannte. Aber für die enge Mitarbeiterin des damaligen "Presse"-Herausgebers Otto Schulmeister war das eine mühelos zu bewältigende Nebenbeschäftigung. Sie war es ja gewohnt, noch aus Schulmeisters Chefredakteurs-Jahren, Unmögliches sofort zu erledigen und auch Wunder zu wirken, was des Öfteren nötig war: Dass die hoch philosophischen Leitartikel des schon damals legendenumwobenen "Presse"-Chefs fehlerfrei aus dem 15. Stockwerk des Pressehauses in die Setzerei im Souterrain gelangten, war ihr eine Selbstverständlichkeit. Die Korrektoren mussten nicht einmal Hölderlin-Zitate und Sophokles-Fragmente im Brockhaus nachschlagen. Lore Fessler war, das wussten alle, ein wandelndes Wikipedia; ohne dessen Fehlleistungen, versteht sich.

Sie ist es bis heute geblieben. Internet braucht die "Fessi" keins. Sie hört umso aufmerksamer Ö1 und meldet sich zwischendurch schon auch mit Kritik, wenn sich ein Moderator einmal nicht genügend vorbereitet war. Über die Salzburger Festspiele oder die Staatsoper nach 1945 kann man ihr nichts erzählen. Sie war dabei. Und sie kann sich gut erinnern. Sehr gut.

Von Lore Fessler nahm und nimmt man daher auch als Kulturredakteur  gern Kritik entgegen, sanft und liebevoll vorgetragen übrigens; ein bissl zu verwirrend fallen die Formulierungen ja manchmal wirklich aus. Da hat sie recht wie immer.

Alles Gute zum Geburtstag - das schreibt sich immerhin in einem graden Satz, ganz ohne Bei- oder Gedankenstriche oder sonstwelche Verschachtelungen, aber mit vielen sympathischen Nebengedanken. Die schwingen ganz von selber mit.