Hecker: "Keinen kümmerte, dass ich Ausländer war"

Hecker Keinen kuemmerte dass
Hecker Keinen kuemmerte dass(c) AP (DENNIS COOK)
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Was die Welt über Nordkorea weiß, verdankt sie in vielem Siegfried Hecker, dem ehemaligen Leiter des Los Alamos National Laboratory, wo einst das US-Atomprogramm entstanden ist. Ein "Presse"-Interview.

Nach Ihrer Inspektion in Nordkorea schlugen Sie Ende November weltweit Alarm. Wird Nordkorea zur größten atomaren Bedrohung?

Siegfried Hecker: Nordkorea ist am zweitgefährlichsten, was die Wahrscheinlichkeit betrifft, dass Terroristen zu Spaltmaterial kommen: Nordkorea hat Plutonium, die Bombe und – wie wir jetzt wissen – auch potenziell hoch angereichertes Uran. Größte Gefahr weltweit aber bleibt Pakistan, denn die haben dazu eine instabile Regierung sowie Terroristen im Land. Iran ist übrigens Nummer fünf, denn es hat anscheinend noch kein Spaltmaterial, aber die Fähigkeit zur Urananreicherung und ab 2013/14 auch zur Plutoniumproduktion.

Wer ist gefährlicher als der Iran?

Die Forschungsreaktoren weltweit, deren hoch angereichertes Uran bei mangelndem Schutz gestohlen werden kann. Auch Russland bleibt gefährlich, denn es hat zwar viel in der Sicherung des Spaltmaterials vorangebracht, besitzt aber eben auch sehr viel davon.

Stimmen die Enthüllungen bei WikiLeaks, dass die USA und die Welt eigentlich fast nichts über Nordkorea wissen?

Ich mache mir zwar nicht viel aus WikiLeaks. Aber es besteht tatsächlich überraschend wenig Verständnis in der US-Öffentlichkeit und manchmal auch in der Regierung.

Auch Sie haben viele geheime Informationen. Welche Prinzipien im Umgang mit heikler Information sollte es geben?

Angesichts der Tatsache, wie schnell Information um die Welt geht, bedarf es nicht so sehr der Kontrolle über die Information, sondern über das Spaltmaterial und die Atomtechnologie selbst. Es ist zu verhindern, dass die Leute, die Zugriff auf das Material und handwerkliche Erfahrung haben, interagieren.

Nordkorea hat ja trotzdem das Know-how vom Ausland bekommen?

Das Plutoniumprogramm wurde entwickelt, nachdem die Sowjetunion Hilfe bei der friedlichen Kernnutzung geleistet hat. Was das jetzt entdeckte Anreicherungsprogramm betrifft, so scheint es, dass A.Q.Khan, der Ex-Leiter des pakistanischen Atomprogramms, bedeutende Hilfe geleistet hat. Und von einer aufgefangenen Schiffsladung wissen wir, dass gierige europäische Geschäftsleute Material und Komponenten geliefert haben. Ich vermute, dass vor sieben bis neun Jahren groß zugekauft wurde. Danach hat Nordkorea sein Know-how selbst vervollständigt.

Sie haben viel mit dem Thema Zerstörung zu tun. Was bedeutet Tod für Sie?

Ich möchte darauf lieber nicht antworten, ich bin kein Spezialist für das Wesen des Menschen. Ich ziehe es vor, etwas davon zu verstehen, wovon ich rede. Wenn Sie mich zur Moral in Sachen Atomwaffen fragen, ist das etwas anderes.

Was ich hiermit tue: Sie leiteten in Los Alamos jenes Kernforschungszentrum, das auch die erste Atombombe entwickelt hat. Heute inspizieren Sie Nordkorea, um ein Atomprogramm zu verhindern. Kein Widerspruch?

Ich sehe ihn nicht. Schon als Kind während des Zweiten Weltkrieges war ich froh, dass die Amerikaner die Bombe hatten, bevor Hitlers Deutschland dazu kam. Und ich denke, dass sie verantwortungsvoll damit umgegangen sind. Mein Vorgänger als Chef von Los Alamos, Norris Bradbury, sagte, wir bauen keine Bomben, um Leute zu töten, sondern um Zeit zu gewinnen, damit die Verantwortlichen in der Welt die globalen Schwierigkeiten in anderer Form als mittels Krieg lösen. Nach Los Alamos hatte ich die Möglichkeit, weltweit gehört zu werden. Es ist Zeit, in Richtung einer möglichen Vernichtung der Atomwaffen zu arbeiten. Für mich heißt das: kein Zugriff für Terroristen oder Staatschefs in Ländern wie Iran oder Nordkorea. Und die USA und Russland müssen ihre Atomwaffen drastisch reduzieren.

Ist der Kalte Krieg noch in den Köpfen der russischen und der US-Elite?

Ja, manche lösen sich schwer davon. Aber schwieriger ist noch, zu verstehen, wie das neue Denken aussehen soll. Die Russen müssen dem Fortschritt der Chinesen ins Auge sehen – die Hauptherausforderung wird eine wirtschaftliche sein, keine militärische: Russland hat Schwierigkeiten, das zu verstehen.

Was war eigentlich der Grund, dass Ihre Familie aus Österreich in die USA emigriert ist?

Meine Eltern lebten bis zum Zweiten Weltkrieg in Bosnien-Herzegowina. Mein Vater war bei der Wehrmacht und kehrte nicht mehr von der russischen Front zurück. Auch die Brüder meiner Mutter kehrten nicht zurück oder trieben durch Europa und Amerika. Als ein weiteres der Geschwister meiner Mutter 1953 und dann mein Bruder nach Vollendung des 18. Lebensjahres nach Amerika gingen, sah auch meine Mutter für uns die Zeit gekommen, unsere Wahlheimat im steirischen Rottenmann zu verlassen. Mit einigen hundert Dollars und einer kleinen Gewandschachtel kamen wir an. Wir waren arm.

Was bedeutet Freiheit für Sie?

In Frieden zu leben und sagen zu können, was man denkt. Dazu kommt die Verantwortung, die Freiheit der anderen zu schützen.

Haben Sie als Immigrant in den USA Diskriminierung erlebt?

Zwar lachten die anderen Schüler in der achten Klasse, als ich ankam, über meinen Akzent. Aber in den folgenden vier Jahren wurde ich Klassenbester und Klassensprecher – niemanden kümmerte, dass ich ein Ausländer war. Noch bemerkenswerter ist, dass ich nach fünf Jahren die Staatsbürgerschaft erhielt, nach neun Jahren als Student ins Kernforschungszentrum in Los Alamos mit seinen höchsten Sicherheitskontrollen kam und nach 20 Jahren dort sogar Direktor wurde.

Wie unterscheiden sich die USA in Sachen Einwanderung etwa von Österreich?

Die USA sind weitaus mehr gewillt, Immigranten zu akzeptieren und zu integrieren. Wenn du selbst gewillt bist, hart und smart zu arbeiten, kannst du dort erfolgreich sein – und zwar unabhängig davon, wo du geboren bist und ob du einen Akzent hast wie Arnold Schwarzenegger. Leider beschränkten die USA nach dem 11. September 2001 die Immigration zum eigenen Schaden.

Raten Sie Europa, den offenen amerikanischen Weg zu übernehmen?

In den USA lebten vor 1700 nur wenige Leute. Es hing also von den Einwanderern ab, das Land mit Offenheit zu einem großen Staat zu machen. Das ist ein großer Unterschied zu Europa. Ich erinnere mich etwa an eine Feier zum tausendjährigen Bestehen eines Gebäudes in Rottenmann. Stellen Sie sich vor: 1000 Jahre! Ich denke, dass Amerikas Weg nicht unbedingt auf Europa umgemünzt werden kann und eine Kopie nicht unbedingt funktionieren muss.

Und für Immigranten selbst gibt es universellere Prinzipien?

Ohne Experte zu sein, könnte ich mir vorstellen, dass weltweit gilt, was bei meinem persönlichen Schicksal wichtig war: Man muss sich an das Land, in dem man lebt, assimilieren, d.h. sein Teil werden. Ich habe dafür sehr hart gearbeitet. Das bedeutet nicht, dass Sie Ihr Herkunftsland vergessen sollten. Ihr Herz kann ruhig dort bleiben. Aber Sie haben als Bürger Ihres neuen Platzes Ihren Beitrag zu leisten. Anders kann ich mir Integration nicht vorstellen.

Kurz zurück zu Nordkorea: War es klug von Bush, von der Achse des Bösen zu reden?

Die Geschichte hat gezeigt, dass es verheerend war.

Sollte der Westen also auf Dialog mit solchen Staaten setzen?

Dialog ist wesentlich. Bei allem freilich muss man eine Strategie haben. Für Nordkorea bedeutet das drei Nein und ein Ja: Klarzustellen, dass sie erstens keine Bombe mehr bauen, dass sie zweitens keine bessere Bombe bauen, und dass sie drittens nichts von ihrem Spaltmaterial exportieren. Im Gegenzug muss man Nordkoreas Sicherheitsbedürfnis kapieren, denn mit vielen seiner Sanktionen will Nordkorea nur darauf aufmerksam machen. Ähnlich muss man übrigens auch bezüglich des weit komplizierteren Iran nachdenken. Iran ist eine Insel der Instabilität in einem Meer von Instabilitäten, Nordkorea ist eine Insel der Instabilität in einem Meer von stabilen Nachbarländern.

Was ist in Ihren Augen das Böse in der Welt?

Langfristig beunruhigt mich, dass wir Menschen mit unseren gegenwärtigen Möglichkeiten die Erde unbewohnbar machen. Die globale Klimaveränderung beunruhigt mich. Ich persönlich würde gerne sicherstellen, dass wir die Welt nicht in die Luft jagen und eine Chance haben, sie vor uns selbst zu retten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.12.2010)

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