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Sabine M. Gruber: Der Parkplatz-Reigen

Sabine Gruber ParkplatzReigen
(c) Picus Verlag
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Die österreichische Autorin Sabine M. Gruber widmet sich in ihrem Erzählband "Kurzparkzone" der Parkraumbewirtschaftung. Elegant komponiert. Piffig-raffiniert. Mit Poesie.

Hat die Behörde das Halten oder Parken auf Straßen oder Straßenstellen durch Verordnung (§ 43) zeitlich beschränkt und besondere Maßnahmen zur Überwachung der Einhaltung der Halte- oder Parkzeiten angeordnet (Kurzparkzone), so haben die Lenker von Fahrzeugen bei der Durchführung dieser Maßnahmen mitzuwirken.“ So bestimmt es die Straßenverkehrsordnung 1960, BGBl. Nr. 159, in Paragraf25, und nachfolgende Verordnungen präzisieren das zeitlich Beschränkte beim Halten und Parken, so die Kurzparkzonen-Überwachungsverordnung, BGBl. Nr. 857/1994. Kurzum: Gibt es Räume, die profaner, öder, prosaischer sein könnten als Kurzparkzonen?

Umso fantastischer der Einfall von Sabine M. Gruber, gerade sie als literarischen Ort zu entdecken. „Kurzparkzone“ heißt ihr Erzählband – ihr erster nach zwei Romanen und zwei musikpublizistischen Büchern –, und er fasziniert schon durch die Grundanlage: Parkraumbewirtschaftung als Anstoß für ein elegant komponiertes, pfiffig-raffiniertes Buch. Während bei Pirandello sechs Personen einen Autor suchen, suchen bei Sabine M. Gruber zwölf Personen einen Parkplatz. Die Personen sind alle weiblichen Geschlechts, und sie kreisen, ohne dass eine von der anderen wüsste, an einem heißen Junitag durch Wien – heiß darauf, in einer Kurzparkzone Halt zu finden.


"9 bis 10 Uhr, Helga". Zum Raum wird hier die Zeit, ganz unwagnerisch, aber sehr lebensnah. Denn wer den Raum gefunden hat, den Parkraum, muss sich entscheiden, welche Zeit er mit ihm verknüpfen will. Halbe Stunde, roter Parkschein? Oder doch Blau für eine ganze? Grün für eineinhalb? Sabine M. Gruber lässt sich die feine Spielmöglichkeit dieses Motivs nicht entgehen. Wie das Leben so spielt kann vom Parkraum-Zeit-Verhältnis abhängen. Die zwölf Personen wählen Unterschiedliches, und schon das Inhaltsverzeichnis zeigt es an: „9 bis 10 Uhr, Helga“, „10 bis 11 Uhr, Susi“, „11 bis 12 Uhr 30, Hedwig“. Zwölf Frauen, zwölf Geschichten. Ein Reigen, fast schnitzlerisch, geprägt von Paragraf 25 der Straßenverkehrsordnung.

Die zwölf, wie gesagt, begegnen einander nicht. Ihre Lebenszonen sind getrennt voneinander wie die jeweils angesteuerten Kurzparkzonen. Und doch verbindet sie vieles: neben der Suche nach dem Parkplatz die Suche, ja doch, nach dem Leben. Die Hoffnung, dem Dasein eine andere Richtung geben zu können, und die Angst davor: Angst, die Lenkradsperre der Existenz. Nur ein kleines Manöver – das spüren die Figuren, das spürt der Leser –, und alles könnte anders laufen.

„9 bis 10 Uhr, Helga“ – mit dieser Geschichte beginnt das Buch fulminant im feinen Planquadrat des Nichtplanbaren. „Sie hatte sich verspäten wollen, nur zwei oder drei Minuten verspäten“, das war ihr Plan, dargelegt im ersten Satz der Erzählung. Doch stattdessen ist Helga „zu früh, weil sich, für sie unerwartet, direkt vor dem Café ein Parkplatz gefunden hat“. Dann die quälende Wahl zwischen Rot, Blau, Grün; „die Farbe des Parkscheins könnte etwas über ihre möglichen Erwartungen aussagen; und was, wenn er gar nicht kommt?“ Er: Das ist der berühmte Sänger, den sie nach einem Konzert geknipst hat, einfach so, beim Anstellen um ein Autogramm. Er hat das Foto haben wollen, sie hat es ihm geschickt, er hat sie treffen wollen.

Und nun sitzt sie da, ungeplant zu früh, Helga, eine Unbekannte, die sich mit einer Momentaufnahme in ein berühmtes Sängerleben geblitzt hat, nun vielleicht mehr haben könnte von diesem Leben. Aber was? Und wie viel? Helga sitzt da, und bleibt sitzen, als er schließlich erscheint und suchend den Blick durchs Kaffeehaus wandern lässt. Zeichenlos und unerkannt verharrt sie auf ihrem Platz. Die erhitzte Maschinerie ihres Inneren blockiert die Räder des Lebens. Um 9 Uhr 43, der Parkschein ist noch nicht abgelaufen, sitzt Helga wieder im Auto. Als wäre nichts gewesen.


Poesie in der Kürze. Es sind diese Konjunktive, die den besonderen Reiz des Buchs ausmachen. Ein feines Wenn, Als-ob und Vielleicht durchziehen Grubers Geschichten, ob es um die verwitwete Hedwig geht, die ihren Lebenshunger mittels Kontaktanzeige stillen möchte, oder um Corinne, die Cabrio-Fahrerin aus Döbling, die ums Haar die (Park-)Lücke ihres Singledaseins hätte schließen können. Oder um Cindy, die Sekretärin, die Gesangsstunden nimmt und damit einem rosa Mädchentraum nachsingt und nachfährt.

Sabine M. Grubers „Kurzparkzone“ grenzt direkt ans weite Land der großen, mehr geahnten als gelebten Möglichkeiten. So steckt viel Poesie in den Geschichten, auch wenn sie unprätentiös und ungekünstelt erzählt werden. Und Kurzweiligkeit prägt die „Kurzparkzone“. Wo sich Kürze aber mit größtmöglicher Dichte verbindet, entsteht Dichtung vom Feinsten. Ist es ein Zufall, dass der dichteste, dichterischste Text dieser Sammlung mit einem Zehn-Minuten-Parkschein kombiniert ist? „16 Uhr 50 bis 17 Uhr, Marie“. In zehn Minuten ein ganzes Leben – mit diesem Text krönt Gruber einen höchst aparten und geglückten Erzählband. Selbst im blauen Karree des Straßenasphalts kann sie blühen, die blaue Blume der Romantik. „Kurzparkzone“ beweist es.

Sabine M. Gruber, „Kurzparkzone“, Picus Verlag, 208 Seiten, 19,90 Euro.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.12.2010)