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Sprache

Ich war ein Dialektkind

Die Sprache verankert die Menschen in der Landschaft.
Die Sprache verankert die Menschen in der Landschaft.Alessandra Sanguinetti/picturedesk
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Sobald ein Laut aus meinem Mund kam, wussten die anderen Kinder, wo ich wohnte – in dem Ort, aus dem sie stammten, oder einem anderen. Je nachdem wer sprach, konnten dieselben Ausdrücke ganz konträre Bedeutungen bekommen.

Ich bin dort aufgewachsen, wo andere Urlaub machen. Wo momentan kein Zimmer mehr zu kriegen ist. Wo die Seen klar sind, sich trinken lassen, die Berge spitz, die Bäume oft beblättert mit Nadeln. Das Gras bleibt grün, obwohl es unablässig gemäht wird.

Ich war ein Dialektkind. Die Sprache verankerte mich in der Landschaft. Sobald ein Laut aus meinem Mund kam, wussten die anderen Kinder, wo ich wohnte, in dem Ort, aus dem sie stammten, oder einem, fünf oder zehn Kilometer weiter der Straße entlang, die stets am Rand eines Flusses oder Sees verlief. Hinauf oder hinunter, sagten wir. Obwohl das gar nicht stimmte; die tatsächliche Meereshöhe spiegelte sich nicht in unserer Formulierung. Was wir sagten, entsprach der Topologie unserer Empfindungen eher als geografischen Gegebenheiten. Es gab Ortschaften, die drinnen und Städte, die draußen lagen. „Hinaus“ meinte oft aus den Tälern ins Flachland, aber manchmal auch bis-zum-nächsten-Talkessel-mit-einer-größeren-Ansiedlung, wo im Grunde eigentlich ein „Drinnen“ gewesen wäre. Je nachdem wer sprach, konnten dieselben Ausdrücke ganz konträre Bedeutungen bekommen. Wo die eine „hinaus“ sagte, meinte der andere „hinein“. Die exakte Bedeutung der gesprochenen Wörter hing davon ab, wer sprach.

Von klein an stellte sich mir die politische Komponente von Sprache als etwas Naturgegebenes dar. Wie wir über etwas sprechen, beeinflusst die Wirklichkeit, trotz oder vielleicht gerade wegen der möglichen Inkohärenzen in der Interpretation.

Ich hatte zwei Muttersprachen: Die eine wurde gesprochen, die andere geschrieben. War etwas toll, sagten wir „gschmoh“. Wobei „toll“ dem Wort nicht gerecht wird. „Gschmoh“ war etwas Umfassenderes. Es bedeutete sich aufgehoben fühlen. Mit Freunden Spaß haben. Ein gutes Essen verzehren. In einem windstillen Augenblick auf dem sonnenübergossenen Gipfel eines spitzen Berges stehen. „Gschmoh“ kannten die Urlauber nie, mochten sie noch so sprachbegabt sein und im Schuhgeschäft nonchalant den Ausdruck „Klapperln“ für Sandalen verwenden, wie wir. „Gschmoh“ gab es in der Schriftlichkeit nicht. Und wenn ich es hier hinschreibe, dann im Bewusstsein, dass die üblichen Buchstaben unzulänglich sind, Tonqualität und Gefühl, das das Wort meint, wiederzugeben. Meine Liebe gehörte trotzdem dem Schriftlichen, dem, was ich las, in Romanen, Erzählungen, Gedichtbänden, übersetzt oder im Original. Ich verliebte mich in Sprachen, die anders klangen; die ich erst lernen musste, teste seither meine Muttersprachen fortwährend auf Tauglichkeit im Vergleich zu ihnen. Ich belausche das Deutsche gleichzeitig von außen und innen, habe dafür ein extra Organ entwickelt, unsichtbar aber effektiv. Es registriert die jüngste einschneidende Neuerung, das Gendern, inklusive Option zu Sternchen, Schrägstrich, Unterstrich, Binnen-I oder Binnen-Doppelpunkt – als ein Phänomen, das meinen Sprachanker ins Schlingern versetzt. Als Dichterin schwebe ich nun zwischen dem Glauben an das humanistische Potenzial differenzierten Sprechens und Schreibens und der Schwere eines wachsenden Regelwerks für „gerechte Sprache“, die mich in eine schweigende Depression ziehen könnte. Gerade das, was literarische Texte ausmacht, ihr Potenzial, uns in die Köpfe von Personen schlüpfen zu lassen, die ganz anders sind als wir, weit weg von jeglichem „gschmoh“ leben, verschwindet, wenn ich bei jedem Satz an die möglichen sexuellen Orientierungen des Publikums denke. Meine Gegenüber sind doch weitaus mehr als geschlechtliche Wesen, haben Berufe, Talente, Vorlieben, Landschaften?