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Zölibat: "Ich glaube, dass ich das leben kann"

Zoelibat glaube dass leben
Stefan Jahns(c) Michaela Bruckberger
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Manchmal ist es die Suche nach einem tieferen Sinn, manchmal einfach ein logischer nächster Schritt: Immer wieder entschließen sich Männer, als "Spätberufene" Priester zu werden. Der Jurist Stefan Jahns gehört auch dazu.

Es war ein Buch, das das Leben des Wiener Rechtsanwalts Stefan Jahns maßgeblich beeinflussen sollte. Zufällig fiel es ihm in die Hände und regte ihn zu einer tieferen Auseinandersetzung mit seinem Glauben an. Am Ende dieser Auseinandersetzung stand ein Entschluss: Vor einem Jahr, mit 35, beschloss er, seine Anwaltskanzlei aufzugeben und sich auf den Priesterberuf vorzubereiten.

Mit diesem Entschluss ist Stefan Jahns nicht alleine. Immer mehr – nicht mehr ganz so junge – Männer, die bereits im Berufsleben stehen und deren Weg vorgezeichnet scheint, entscheiden sich, Priester zu werden – als „Spätberufene“. Oft haben sie eine Karriere und Beziehungen hinter sich, kehren ihrem „alten“ Leben aber freiwillig den Rücken. Auslöser können Lebenskrisen sein, die Suche nach einem höheren Sinn oder die Sehnsucht nach Einfachheit und Tiefgang in einer zunehmend komplexen Welt. Die katholische Kirche hat nichts dagegen: In Zeiten eklatanten Priestermangels steht sie diesen Neuzugängen aufgeschlossen gegenüber.

Ein Buch als Denkanstoß. Vor 15 Jahren wäre Jahns nicht auf die Idee gekommen, dass auch er zu diesen „Spätberufenen“ zählen könnte. Als er auf das Buch „Das bittere Leiden unseres Herrn Jesu Christi“, geschrieben von der Nonne und Mystikerin Anna Katharina Emmerich, stieß, lebte er das Leben eines Sohns aus gutbürgerlichem Haus. Er ließ es sich in der Hietzinger Wohnung seiner Eltern gut gehen, genoss das Leben in vollen Zügen und studierte gemütlich vor sich hin. „Jus“, sagt er. „Seit ich 14 Jahre alt war, wusste ich, dass ich Rechtsanwalt werden wollte.“ Der Glaube stand für ihn damals nicht im Vordergrund.

Wobei es nicht am Wissen um Inhalte mangelte. Jahns wuchs in einem gläubigen Elternhaus auf. „Ich befand mich damals – vielleicht ohne mir dessen bewusst zu sein – auf der Suche. Der Glaube, wie ich ihn damals verstand, blieb aber oberflächlich.“ In dieser Phase las er Emmerichs Buch.

„Was mich bei der Lektüre des Buches damals so erschüttert hat, war die klare Einsicht, dass Gott Mensch geworden ist, auf Erden gelebt und sich aus Liebe zu uns Menschen hingegeben hat. Ich hatte auf einmal Jesus als unumstößliche Realität kennengelernt“, sagt Jahns. Aus seinem Mund klingt das weder naiv noch theatralisch oder überspannt, sondern einfach wie eine Überzeugung, die der 36-Jährige lange geprüft und dann akzeptiert hat.

Seine erste Reaktion, so Jahns, sei zunächst gewesen, sich intensiver mit religiösen Fragen zu beschäftigen und zu sehen, ob und wie er ein besserer Mensch sein könnte, ein möglichst guter Anwalt. Doch irgendwie habe ihm das nicht gereicht. Dazu kam eine Herausforderung: „Immer wieder wird gesagt, dass es zu wenige Priester gibt, dass sich niemand mehr findet und dass die Priester, die es gibt, oft weltfremd seien.“

Nicht aus Jux und Tollerei. Mit der Entscheidung ließ sich Stefan Jahns lange Zeit. „So einen Entschluss fasst man nicht aus Jux und Tollerei. Immerhin bedeutet das, den Beruf aufzugeben und auf Frau und Kinder zu verzichten.“ Jahns kommt aus einer kinderreichen Familie, liebt seine Nichten und Neffen, wollte auch eine eigene Familie gründen – allein die „Richtige“ fand sich nicht: „vielleicht auch deshalb, weil für jeden Menschen etwas anderes vorgesehen ist“.

„Anfangs dachte ich noch, ich sei nicht würdig genug, andere seien geeigneter. Ich schob meine Entscheidung lange vor mir her. Zwei Tage vor meinem Geburtstag rang ich wieder mit mir – und als ich nach intensivem Gebet die Evangelienstelle des Tages aufschlug, handelte diese von der Nachfolge – wie diejenigen, die alles aufgeben und Jesus nachfolgen, das Hundertfache erhalten werden. Da stand mein Entschluss auf einmal fest.“

Trotz des Zölibats. Die Eltern waren betroffen von der Entscheidung ihres Sohnes, „zumindest an diesem Tag“, erinnert sich Stefan Jahns. Genauso wie seine Geschwister. Die Mitglieder der religiösen Familie, die ihre Wurzeln in der katholischen Tradition der burgenländischen Kroaten haben, freuten sich zwar für Stefan, waren sich aber auch der Dinge bewusst, auf die er damit verzichtet. Jahns hat Verständnis für seine Familie. „Schließlich wird man ja nicht wegen des Zölibats Priester“, sagt er, „sondern trotzdem. Ich glaube aber schon, dass ich das leben kann. Sonst würde ich es nicht machen.“

Um sicherzugehen, dass die Anwärter auf das Priesteramt wissen, was auf sie zukommt, geht der Ausbildung ein Propädeutikum voran. Das ist ein Jahr, in dem unter anderem Kurse über Persönlichkeitsbildung und Psychologie anstehen, aber auch noch einmal klargemacht wird, was es heißt, zölibatär zu leben. Erst danach tritt man ins Seminar ein, absolviert fünf Jahre Theologiestudium und ein Jahr Praktikum. Es folgt die Weihe zum Diakon, später zum Priester. Jahns hat sich für die Diözese Eisenstadt entschieden – auch, um seiner Heimatgemeinde Kroatisch Minihof nahe zu sein. Im Dorf habe man überwiegend erfreut reagiert, als sein Entschluss, Priester zu werden, verlautbart wurde.

Und das schlechte Image der Kirche im Allgemeinen und der Priester im Speziellen – schreckt ihn das nicht ab? „Bei mir war da ein gewisses ,Jetzt erst recht‘-Element vorhanden. Natürlich erntet man als erste Reaktion auch Unverständnis, wenn man sagt, dass man Priester werden will. Aber keine Sorge: Ich bin ein durchaus streitbarer Mensch.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.12.2010)