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New York

Salman Rushdie nach Angriff an Beatmungsgerät, erste Details zu Täter bekannt

Polizeibeamte aus New Jersey stehen Wache in Fairview, in der Nähe des Gebäudes, in dem der mutmaßliche Angreifer von Salman Rushdie lebt.
Polizeibeamte aus New Jersey stehen Wache in Fairview, in der Nähe des Gebäudes, in dem der mutmaßliche Angreifer von Salman Rushdie lebt.REUTERS
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Der Autor Salman Rushdie ist während einer Lesung im Bundesstaat New York attackiert worden. Er werde vermutlich ein Auge verlieren und könne vorerst nicht sprechen. Der Täter wurde festgenommen.

Schriftstellerikone Salman Rushdie ist bei einer Lesung in den USA von einem 24-jährigen Amerikaner angegriffen und schwer verletzt worden. Das Motiv des festgenommenen Mannes aus New Jersey sei weiterhin unklar, sagte ein Polizeisprecher am Freitag. Der Vorfall ereignete sich bei einer Lesung im Ort Chautauqua im Westen des Bundesstaates New York. Der Polizei zufolge wurde Rushdie mindestens einmal in den Hals und den Bauch gestochen. Weltweit war das Entsetzen groß. Auch Henry Reese, der Interviewer, erlitt bei dem Angriff eine Kopfverletzung.

Der 75-Jährige wurde mit einem Hubschrauber in ein örtliches Krankenhaus gebraucht. Dort wurde er operiert - und seinem Manager zufolge an ein Beatmungsgerät angeschlossen. Er könne nicht sprechen und werde wahrscheinlich ein Auge verlieren, schrieb Andrew Wylie nach Angaben der "New York Times". Nervenstränge in seinem Arm seien durchtrennt und seine Leber beschädigt worden. "Die Nachrichten sind nicht gut."

Der bei der Diskussion anwesende Politikprofessor Carl LeVan sagte AFP, der Angreifer sei auf die Bühne gerannt und habe offenbar in Tötungsabsicht "wiederholt und brutal" auf Rushdie eingestochen.

Salman Rushdie auf einem Archivbild aus dem Jahr 2015.
Salman Rushdie auf einem Archivbild aus dem Jahr 2015.REUTERS

„Fatwa" vor über 30 Jahren ausgesprochen

Zu den Hintergründen gab es in der Nacht auf Samstag nur erste Details - etwa zur Identität des Täters. US-Medien berichten, der 24-jährige Attentäter wohne im Bundesstaat New Jersey, seine Nationalität blieb offiziell vorerst unklar, er soll aber in Kalifornien geboren worden sein. Sein kolportierter Name (Hadi M.) und Aussehen auf Fotos deuten einen nahöstlichen oder südasiatischen Hintergrund an. Der Mann habe mit "schiitischen Extremismus" und den Zielen der Islamischen Revolutionsgarde Irans (IRGC) sympathisiert. Obwohl es keine direkten Verbindungen zwischen dem Mann und der IRGC gibt, fanden die Ermittler Berichten zufolge Bilder des iranischen Kommandeurs Qassem Solemani, der 2020 ermordet wurde, in einer Handy-Messaging-App von Matar.

Ob der Angriff in Zusammenhang mit der jahrzehntealten Fatwa steht, blieb zunächst offen. Rushdie war vor über 30 Jahren per Fatwa zum Tode verurteilt worden: Wegen seines Werks "Die satanischen Verse" ("Satanic Verses") aus dem Jahr 1988 hatte der damalige iranische Revolutionsführer Ajatollah Chomeini das religiöse Rechtsdokument veröffentlicht, das zur Tötung des Autors aufforderte.

Die Tat fand bei einer Vorlesung Rushdies in der sogenannten Chautauqua Institution, einem Erziehungs- und Kulturzentrum statt - im Rahmen einer Serie unter dem Titel "Mehr als Schutz" ("More than Shelter"), bei der über die Vereinigten Staaten als Zufluchtsort für Schriftsteller im Exil und über die Verfolgung von Künstlern diskutiert werden sollte.

Nach Darstellung der Polizei stürmte der junge Mann die Bühne der von Hunderten Menschen besuchten Veranstaltung gegen 11 Uhr örtlicher Zeit (17 Uhr MESZ) und stach auf Rushdie ein. "Mehrere Mitarbeiter der Veranstaltung und Zuschauer stürzten auf den Verdächtigen und brachten ihn zu Boden", sagte ein Sprecher. Ein Polizist habe den 24-Jährigen festgenommen. Unterdessen wurde Rushdie von einem Arzt aus dem Publikum behandelt bis Rettungskräfte eintrafen.

Zeugin: „Es gab nur einen Angreifer"

Die "New York Times" zitierte eine Zeugin: "Es gab nur einen Angreifer. Er war schwarz gekleidet. Er hatte ein loses schwarzes Kleidungsstück an. Er rannte blitzschnell auf ihn zu." Ein Reporter der US-Nachrichtenagentur Associated Press berichtete, der Angreifer habe zehn bis 15 Mal auf Rushdie eingeschlagen oder gestochen. Der ebenfalls angegriffene Interviewer erlitt nach Polizeiangaben eine Kopfverletzung. Er konnte das Krankenhaus aber zwischenzeitlich wieder verlassen.

Das islamische Rechtsgutachten des Ajatollahs rief damals nicht nur zur Tötung Rushdies auf, sondern auch all derer, die an der Verbreitung des Buches beteiligt waren. Ein japanischer Übersetzer wurde später tatsächlich getötet. Rushdie musste untertauchen, erhielt Polizeischutz.

Nach Angaben seines Verlags aus dem vergangenen Jahr hätte die Fatwa für Rushdie inzwischen aber längst keine Bedeutung mehr. Er sei nicht mehr eingeschränkt in seiner Bewegungsfreiheit und brauche auch keine Bodyguards mehr. Die Jahre des Versteckens gingen jedoch nicht spurlos an ihm vorüber. Er verarbeitete diese Zeit in der nach seinem Aliasnamen benannten Autobiografie "Joseph Anton" aus dem Jahr 2012.

Vor wenigen Tagen noch hatte Rushdie dem Magazin "Stern" gesagt, dass er sich in den USA sicher fühle. "Das ist lange her", sagte Rushdie im Interview mit Korrespondent Raphael Geiger Ende Juli auf die Frage, ob er noch immer um sein Leben bange. "Für einige Jahre war es ernst", sagte Rushdie weiter. "Aber seit ich in Amerika lebe, hatte ich keine Probleme mehr." Der Autor habe dabei aber auch vor dem politischen Klima und möglicher Gewalt in den USA gewarnt: Das Schlimme sei, "dass Morddrohungen alltäglich geworden sind".

Weltweites Entsetzen

Die Tat löste weltweit Entsetzen aus. Der US-Senator und Mehrheitsführer der Demokraten im Senat, Chuck Schumer, schrieb auf Twitter, die Tat sei ein "Angriff auf die Rede- und Gedankenfreiheit. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron schrieb, Rushdie sei von "Hass und Barbarei" getroffen worden. Der scheidende britische Premierminister Boris Johnson zeigte sich "entsetzt". Harry-Potter-Autorin Joanne K. Rowling und Bestseller-Autor Stephen King drückten ebenfalls ihre Bestürzung aus und schrieben, sie hofften, es gehe Rushdie gut. Der US-amerikanische Autorenverband PEN America zeigte sich schockiert über den Angriff auf seinen ehemaligen Präsidenten. Rushdie werde seit Jahrzehnten wegen seiner Worte angegriffen, aber er habe sich nie beirren lassen und nie gezögert, schrieb die Vorsitzende Suzanne Nossel in einem Statement.

Geboren wurde Rushie im Jahr der indischen Unabhängigkeit 1947 in der Metropole Mumbai (damals Bombay). Er studierte später Geschichte am King's College in Cambridge. Seinen Durchbruch als Autor hatte er mit dem Buch "Mitternachtskinder" ("Midnight's Children"), das 1981 mit dem renommierten Booker Prize ausgezeichnet wurde.

Rushdie veröffentlichte mehr als zwei Dutzend Romane, Sachbücher und andere Schriften. Sein Stil wird als Magischer Realismus bezeichnet, in dem sich realistische mit fantastischen Ereignissen verweben. Dennoch sieht er sich unbedingt der Wahrheit verpflichtet. Diese sieht er zunehmend in Gefahr, was auch im Zentrum seiner jüngst veröffentlichten Essays steht, die in Deutschland unter dem Titel "Sprachen der Wahrheit" herauskamen. Der seit vielen Jahren in New York lebende Schriftsteller stemmt sich darin gegen Trumpisten und Corona-Leugner. "Die Wahrheit ist ein Kampf, das ist keine Frage. Und vielleicht noch nie so sehr wie jetzt", sagte er in einem Interview des US-Senders PBS im vergangenen Jahr.

Van der Bellen: „Hass und Gewalt dürfen keinen Platz haben“ 

Während der Angriff weltweit Entsetzen ausgelöst hat, wird er in iranischen Medien gefeiert. Bundespräsident Alexander Van der Bellen zeigte sich tief bestürzt: "Hass und Gewalt dürfen keinen Platz in unserer freien Gesellschaft haben", schrieb das Staatsoberhaupt Samstagnachmittag auf Twitter. Van der Bellen wünsche dem "großartigen Menschen und Autor" und seiner Familie viel Kraft.

Bundeskanzler Karl Nehammer (ÖVP) verurteilte auf Twitter den "feigen Anschlag" auf Rushdie als Angriff auf die Freiheit und unsere demokratischen Grundwerte. Nehammers Gedanken seien in diesen schweren Stunden bei dem Autor und seiner Familie.

In iranischen Medien ist der Messerangriff auf den mit dem Roman "Die satanischen Verse" weltbekannt gewordenen Schriftsteller Rushdie hingegen begrüßt worden. In der regierungsnahen Zeitung "Kayhan", deren Chefredakteur vom weltlichen und geistlichen Oberhaupt des Iran, Ayatollah Ali Khamenei, ernannt wird, hieß es am Samstag: "Tausend Bravos (...) für die mutige und pflichtbewusste Person, die den abtrünnigen und bösen Salman Rushdie in New York angegriffen hat". Weiter hieß es: "Die Hand des Mannes, der dem Feind Gottes den Hals umgedreht hat, muss geküsst werden."

„Satan auf dem Weg zur Hölle“

Die Schlagzeile der Hardliner-Zeitung "Vatan Emrooz" lautete: "Messer im Nacken von Salman Rushdie". Die Zeitung "Khorasan" brachte die Schlagzeile: "Satan auf dem Weg zur Hölle". Die Nachrichtenseite Asr Iran veröffentlichte ein Zitat von Khamenei, in dem es heißt, der vom ehemaligen iranischen Revolutionsführer Ayatollah Ruhollah Khomeini abgeschossene "Pfeil" werde eines Tages das Ziel treffen. Von der Führung in Teheran lag noch keine Stellungnahme vor.

Ein 24-Jähriger hatte Rushdie am Freitag bei einer Literaturveranstaltung im US-Staat New York attackiert und schwer verletzt. Der Autor der "Satanischen Verse", zu dessen Tötung 1989 das geistliche Oberhaupt des Iran, Khomeini, wegen angeblicher Beleidigung des Propheten Mohammed aufgerufen hatte, wurde mit einem Rettungshubschrauber in eine Klinik geflogen und notoperiert. Er wurde nach Angaben seines Agenten an ein Beatmungsgerät angeschlossen und könnte ein Auge verlieren. Der Angreifer wurde von Zuschauern überwältigt und von einem anwesenden Polizisten festgenommen. Das Motiv des 24-Jährigen aus Fairfield im nahe New York gelegenen US-Staat New Jersey war zunächst unklar.

Die US-Regierung und UNO-Generalsekretär António Guterres zeigten sich erschüttert. Die USA und die Welt seien Zeugen eines "verwerflichen Angriffs" geworden, erklärte der Nationale Sicherheitsberater von US-Präsident Joe Biden, Jake Sullivan, am späten Freitagabend (Ortszeit). "Diese Gewalttat ist entsetzlich."

Die gesamte US-Regierung bete für eine schnelle Genesung des 75-Jährigen. Sullivan dankte außerdem den Bürgern und Einsatzkräften, die Rushdie "nach dem Angriff so schnell geholfen" hätten. "In keinem Fall ist Gewalt eine Antwort auf Worte, die von anderen in Ausübung ihrer Meinungs- und Ausdrucksfreiheit gesprochen oder geschrieben wurden", teilte Guterres' Sprecher Stephane Dujarric am Freitagabend (Ortszeit) mit. Der UNO-Generalsekretär wünsche Rushdie baldige Genesung.

Der US-Senator und Mehrheitsführer der Demokraten im Senat, Chuck Schumer, schrieb auf Twitter, die Tat sei ein "Angriff auf die Rede- und Gedankenfreiheit. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron schrieb, Rushdie sei von "Hass und Barbarei" getroffen worden. Der scheidende britische Premierminister Boris Johnson zeigte sich "entsetzt". Harry-Potter-Autorin Joanne K. Rowling und Bestseller-Autor Stephen King drückten ebenfalls ihre Bestürzung aus und schrieben, sie hofften, es gehe Rushdie gut. Der US-amerikanische Autorenverband PEN America zeigte sich schockiert über den Angriff auf seinen ehemaligen Präsidenten. Rushdie werde seit Jahrzehnten wegen seiner Worte angegriffen, aber er habe sich nie beirren lassen und nie gezögert, schrieb die Vorsitzende Suzanne Nossel in einem Statement.

Der deutsche Schriftsteller Günter Wallraff, der Rushdie 1993 in seinem Haus in Köln-Ehrenfeld versteckt hatte, sagte, die Nachricht sei "natürlich ein Schlag für mich" gewesen. Die Grazer Autorenversammlung (GAV) verurteilte das Attentat auf Rushdie auf das Schärfste. Es sei ein Angriff auf "unser aller Freiheit und Menschenrecht, eine Attacke auf die Literatur", hieß es am Samstag in einer Stellungnahme. "Die GAV ruft deshalb dazu auf, sich nicht der Logik des religiösen Fundamentalismus zu unterwerfen und sich nicht der Gewalt zu beugen." Rushdies Werke könnten nicht unterdrückt oder ausgelöscht werden und werden "trotz und wegen des Terrors umso wichtiger sein".

(APA/dpa)