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Am Markusplatz, um 1975: Damals war das Schreiben von Postkarten noch ein touristisches „Must“.
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Ansichtskarten

Liebe Grüße aus dem Urlaub! Aber wie lang noch?

Ansichtskarten scheinen ausgedient zu haben, die Verkäufe gehen rasant zurück. Was sie ersetzt, was uns fehlen wird – und warum Forscher sie lieben.

Was soll ich nur schreiben? Die leere weiße Fläche starrt mich an, wartet ungeduldig darauf, mit Sätzen gefüllt zu werden. Nicht banal und abgedroschen sollen sie sein, aber auch nicht zwanghaft originell. Persönlich, aber nicht zu intim, das Ding kann ja von allen gelesen werden, wie ein Zeitungsartikel. In großen Lettern male ich los, um mit wenigen Botschaften auszukommen. Aber dann fällt mir doch manches ein, was nicht unerwähnt bleiben will, und am Ende muss ich die obligate Formel halb ums Eck gedreht dazu fuzeln: Liebe Urlaubsgrüße und bis bald zu Hause, Karl.

Neuer DIN-A6-Karton, neue mentale Blockade – denn eine identische Reproduktion kommt nicht infrage: Ich kann dem besten Freund ja nicht dasselbe schreiben wie der Tante.

Der Schaffensprozess ist nur ein Teil der Plage. Lang stehe ich vor dem Ständer mit den Ansichtskarten, um passende auszuwählen. Der Eiffelturm ist zu Nullachtfünfzehn, die Caféterrasse zu unspezifisch – das muss nicht in Paris sein, es sieht in Lyon genauso aus. Briefmarken sind in einem anderen Laden zu besorgen. Habe ich die Hausnummer für die Adresszeile richtig im Kopf? Wo gibt es hier einen Briefkasten? Wenn ich die Karten heute nicht aufgebe, kommen sie erst nach meiner Rückkehr an. Damit wäre das ganze Unterfangen sinnlos, umflort von der melancholischen Aura des Absurden.

So war es damals mit den Ansichtskarten, und es war doch schön, im Nachhinein betrachtet. Ein Ritual, gewiss. Wie jedes Ritual formelhaft, stereotyp, aber doch in seinen Wurzeln von einem edlen Ethos genährt: Man dachte an einen Menschen, der einem nahesteht, auch wenn man in der Ferne weilte, abgelenkt durch Attraktionen. Aus den Augen, aber nicht aus dem Sinn. Man opferte einen Teil der kostbaren, kurzen Urlaubszeit, um diesem Menschen zu schreiben, mühselig mit der Hand, was wir sonst schon lang nicht mehr tun. Der Mensch freute sich darüber, hob die Karte auf, gab ihr vielleicht sogar einen Ehrenplatz. Und die Freude färbte, der Empathie sei Dank, auf die lästige Pflicht ab, selber Karten zu schreiben. Was man an einer Kulturtechnik hat, erkennt man erst, wenn sie vom Aussterben bedroht ist.