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Gastkommentar

Sind die Fiaker in Wien noch zeitgemäß?

(c) Peter Kufner
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Wien ohne Fiaker, so heißt es, wäre wie Venedig ohne Gondeln. Argumente im Streit zwischen Tierschutz und Tourismus.

DER AUTOR

Prof. DDr. Antal Festetics (geb. 1937) studierte Zoologie in Wien und lehrt Wildbiologie an der Universität Göttingen. Er war Begründer des WWF-Österreich, Initiator des Nationalparks Neusiedler See und „Hainburg-Kämpfer“ für den Nationalpark Donauauen. Einem Millionenpublikum wurde er durch seine TV-Serie „Wildtiere und wir“ bekannt.

Hunde und Katzen reagieren lautstark oder gar „handgreiflich“, wenn ihnen Schmerzen zugefügt werden. Sie beißen, bellen, kratzen oder fauchen. Pferde hingegen leiden stumm. Ihre genetisch vorgegebene Reaktion ist das Ausschlagen und Abhauen als Ergebnis der im Laufe der Koevolution entstandenen sogenannten „Räuber-Beute-Beziehung“. Besser gesagt Jäger-Gejagte, weil „Räuber“ vermenschlichend ist und Tiere keineswegs kriminell sein können. Fluchttiere reagieren auf Angreifer durch Davonlaufen, wie Rösser vor Wölfen zum Beispiel. Weil also Pferde nicht lautstark leiden, hält sich unser Mitleid in Grenzen.

Das Fluchttier Pferd zeichnet sich durch ein beinahe sphärisches Gesamtgesichtsfeld aus. Wie in einem Weitwinkelobjektiv überblickt es rundum fast alles gleichzeitig, allerdings relativ unscharf. Wenn wir nun den Panoramablick dieses vor allem nach hinten wachsamen Steppentieres durch Scheuklappen gewaltsam zum engen, frontalem Sehfeld umfunktionieren, wird sich das Pferd für den Straßenverkehr zwar scheinbar besser eignen, allerdings nur noch in Gestalt eines Halbblinden. Denn der Verlust an Raumausschnitt wird nicht durch Gewinn an Tiefenschärfe kompensiert. Bei Menschen ist es umgekehrt. Wir erweitern unser von Haus aus enges, aber scharfes Blickfeld im Auto mit Hilfe von Rückspiegeln als optischen Prothesen künstlich zum Rundumblick und können dadurch im Straßenverkehr nach hinten blicken, ohne den Kopf zu drehen.