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Frequency 2022

Drei Herausforderungen am Frequency Festival

FREQUENCY 2022: KONZERT BILDERBUCH
„Wer weiß, wo wir in einem Jahr sind“, fragte sich Bilderbuch-Sänger Maurice Ernst am Samstag.(c) APA (FLORIAN WIESER)
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Zwei Headliner aus Österreich standen am letzten Tag in St. Pölten auf der Bühne: Bilderbuch erzeugten große Gefühle und Yung Hurn beschwor den Geist des Wurstelpraters. Dazwischen: Kakofonie und ein Schotte im Tanga.

Olfaktorisch ist so ein letzter Festivaltag schon eine Herausforderung. Viele Besucher haben lange nicht geduscht, große Mengen an Bier und Fast Food konsumiert. An den Rändern des Geländes erinnert der Duft daran, dass Männer kleine Blasen haben. Von Vorteil also, dass dunkelgraue Wolken über dem Frequency Festival in St. Pölten hingen. Der Wind wehte, Abends setzte Nieselregen ein und die verschwitzten Leiber hüllten sich bald in Windjacken und Regenponchos.

Energetisch ist so ein dritter oder vierter Festivaltag ebenfalls eine Herausforderung. Eine gewisse Trägheit hat sich eingestellt, man ist abgestumpft. Die Besucher werden von allen Ecken beschallt, von Essensständen, den DJs der „Cigarette Lounge“ oder der „Desperados Fortress“, und so einer beständigen Kakofonie ausgesetzt, die einen weniger empfänglich macht für ruhigere Klänge. Jene von Florence Arman etwa, britisch-österreichische Indie-Pop-Musikerin mit Wurzeln in Tirol. Sie sang Nachmittags vor spärlichem Publikum auf der Hauptbühne über Liebe und Selbstfindung. Einer der wenigen Acts, die neu wirkten.

Der Anspruch des Frequency Festivals, musikalisch Zeitgeistiges zu präsentieren, ist begrenzt. Wie schon am Donnerstag bei RAF Camora, erklang auch am Samstag der Schlachtruf „187“. Dieses Mal auf der kleineren Bühne bei LX und Maxwell, die ebenfalls zur Rap-Gruppe 187 Straßenbande gehören. Gut gelaunt teilten sie ihre Ansichten über Drogen („Ich mach' Rap für die Pusher. Weil ich selber gepusht hab, ey“) und Frauen mit, die gern als „Fotzen“ bezeichnet wurden.

Auf der Hauptbühne wunderte sich der belgische DJ Lost Frequencies derweil, dass er wieder einmal auftrat, ehe die Sonne untergegangen war. Breit lächelnd bemühte er sich, das inzwischen zahlreichere Publikum zu motivieren. Besser gelang das dem schottischen Singer-Songwriter Lewis Capaldi – mit Gitarrenmusik und Witz: Er zog sich einen auf die Bühne geworfenen Tanga an und scherzte, dass sein neues Album noch nicht fertig sei, weil er die Zeit mit Masturbation verbracht habe. Gefeiert wurde im Anschluss der melodiöse Deutschrap von Rin. „Sprachlos“ war er, „null erwartet“ habe er die Zuschauerreaktion – und durfte eine Zugabe geben. Ein zweites Mal sang er „Keine Liebe“: Beziehungsend-Schmerz mit Vorwürfen. „Du bist eine Bitch, doch ich glaub' nicht, dass du's weißt“, richtete er der Ex aus. Jetzt weiß sie's, Danke.

FREQUENCY 2022: KONZERT BILDERBUCH
So viel Gefühl: Bilder-Buch-Gitarrist Michael Krammer(c) APA (FLORIAN WIESER)

Dann, endlich: Bilderbuch. Headliner. Die beste Band Österreichs macht es einem nicht immer leicht. Im Mai verkauften sie drei Mal die Wiener Arena aus – und spielten viel Material von der neuen, ruhigen, teils sperrigen Platte „Gelb ist das Feld“. Für das Festivalpublikum gab sich die Band leichter zugänglich, begann mit dem mitsingbaren „Bungalow“, gab „Spliff“ zum Besten und „Schick Schock“. Letzteres „wollten wir nicht mehr spielen“, sagte Sänger Maurice Ernst, ein Gockel im besten Sinne, nicht übermäßig gut gelaunt. „Wir haben zwei Jahre gewartet auf diesen Auftritt“, sagte er, und „Wer weiß, was nächstes Jahr ist.“

Zwischenzeitlich entledigte er sich seines blau-weiß gestreiften Reformkleides und demonstrierte den neuen Mut zum Körperhaar. Die doppelhalsige Gitarre des genialen Michael Krammer waberte und sang und Bilderbuch gelang (nicht bei jedem) dieses seltene Kunststück: Die Musik schwappte regelrecht in die Brust, wo sie unvergleichliche Wärme erzeugte. „Du und ich nackt in Nahuel Huapi“, sang Ernst. „Nur du und ich und der Rest der Welt.“ Hach. Den Schlusspunkt setzte „Maschin'“, was sonst.

„Ich check's immer noch nicht ganz“, sagte Yung Hurn über seinen Headliner-Spot
„Ich check's immer noch nicht ganz“, sagte Yung Hurn über seinen Headliner-SpotAPA/FLORIAN WIESER

Ein Teil des Publikums war da schon zu Yung Hurn gewandert, Headliner der kleineren Bühne, der zuletzt für viel Kritik an der Wiener Festwochen-Eröffnung gesorgt hatte. Sexistisch seien seine Texte. Vergleichsweise harmlos wirkte er live. Ständig dröhnte eine Sirene wie beim Autodrom im Wiener Wurstelprater. „Na servas“, entfuhr es dem Eher-Nicht-Gangsta-Rapper. Vor fünf Jahren habe er noch auf der kleinsten Bühne des Festivals gespielt, und jetzt sei er Headliner, „ich check's immer noch nicht ganz.“

Das musikalische Niveau der Dorfdisco

Als finaler Partyact/Rausschmeißer war auf die Hauptbühne Timmy Trumpet gebucht worden. Den australischen DJ zeichnet aus, dass er nicht die geringste Scheu hat, Hits anderer Musiker mit einem Brachialbeat zu versehen und die Massen anzufeuern: „Make some fucking noise!“ Eine Dorfdisco hat mehr musikalisches Niveau. Aber so blieben die Besucher noch ein bisschen und tranken vielleicht noch eines. Finanziell ist so ein Festival auch eine Herausforderung. Selbst in Österreich, dem Land der Bargeldliebe, zahlt man am Festival „cashless“ über Chips am Armbändchen, auf die man Geld laden kann. Das erschwert den Überblick. Nächstes Jahr wird das Frequency teurer, kündigte Veranstalter Harry Jenner bereits an: Nur die früh gebuchten „Early Bird“-Tickets werden unter 200 Euro kosten.