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Vertrieben

Rohingya fünf Jahre nach Flucht aus Burma ohne Perspektiven

Eine Mutter mit ihrem Kind im Flüchtlingslager Ukhia in Bangladesch. Vor fünf Jahren mussten Hunderttausende Rohingya vor dem Militär in Burma fliehen.
Eine Mutter mit ihrem Kind im Flüchtlingslager Ukhia in Bangladesch. Vor fünf Jahren mussten Hunderttausende Rohingya vor dem Militär in Burma fliehen.APA/AFP/MUNIR UZ ZAMAN
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Zum fünften Jahrestag der Flucht der Rohingya-Flüchtlinge aus Burma warnen Hilfsorganisationen vor einer verlorenen Generation. „Was bitte sollen wir den Menschen geben, die ihre Hoffnung für die Zukunft bereits komplett aufgegeben haben?"

Es ist Sommer 2017. Hunderttausende Menschen strömen mit allem, was sie tragen können, von Burma nach Bangladesch. Erwachsene versuchen, den Grenzfluss Naf zu überqueren und verlieren dabei ihre Kinder. Andere müssen ihre Eltern am Straßenrand liegen lassen, sie können sie nicht mehr tragen. Der Sri Lanker Arunn Jegan kennt die Protagonisten dieser herzzerreißenden Geschichten - die Rohingya-Flüchtlinge, die er seitdem im Camp Kutabalong in Bangladesch versorgt.

Vor dem weltweit größten Flüchtlingslager, das sich im südöstlich liegenden Distrikt Cox's Bazar befindet, berichtet Jegan heute. Er arbeitet für die NGO Ärzte ohne Grenzen und hat erst kürzlich die Leitung der Mission in Bangladesch abgegeben. Jegan war auch 2017 vor Ort, als das mehrheitlich buddhistische Burma eine große und gewaltsame Militäroperation gegen die muslimische Minderheit im eigenen Land startete und damit in kurzer Zeit 700.000 Rohingya aus ihrer Heimat vertrieb. Ganze Dörfer wurden in der Provinz Rakhaing-Staat abgefackelt, Menschen getötet und sexuell missbraucht. Die Operation war nach einer Reihe von Angriffen auf Polizeiposten gestartet worden, die nach Angaben des Militärs von Rohingya-Aufständischen verübt worden waren.

Jegan sah damals von Bangladesch aus den Rauch, der durch die Brände über Burma aufstieg. Vor allem sah er aber auch die schlechten Zustände, in denen viele Rohingya sich befanden, als sie Bangladesch erreichten - ein Bild, das er nie vergessen wird, wie er sagt: "Ich erinnere mich, dass wir viele Gewaltopfer behandelt haben. Manche hatten Schuss- und Messerwunden. Andere hatte man zu strangulieren versucht oder vergewaltigt."

Leben in überfüllten Lagern

Fünf Jahre später leben laut Schätzungen von NGOs etwa eine Million Rohingya-Flüchtlinge in Bangladesch, eine große Mehrheit davon in den überfüllten und einst nur provisorisch aufgestellten Bambus-Unterkünften im Lager Kutabalong. Laut Jegan sind sie nach wie vor auf Hilfe angewiesen und haben kaum Zukunftsperspektiven. Die Camp-Bewohner dürfen nicht arbeiten und erhalten nur wenige Cent pro Tag. Auch der Zugang zu Bildung ist stark limitiert. "Die Leute sitzen herum und können nichts mit ihrem Tag anfangen. Kinder spielen auf der Straße, wenn sie eigentlich in der Schule sein sollten. Es tut weh, das zu sehen", erzählt Jegan.

Er macht sich große Sorgen um die Gesundheit der Menschen. Die unhygienischen Lagerbedingungen würden immer wieder zu Krankheiten führen. Außerdem habe sich der psychische Zustand vieler Bewohner verschlechtert, so Jegan: "Oberflächlich gesehen sind die Wunden vieler Rohingya verheilt, in ihnen drin sieht es aber anders aus", sagt der Helfer. Viele leiden demnach unter Angstzuständen, Depressionen oder bipolaren Störungen. Angesichts der aktuell nicht besonders aussichtsreichen Lage damit umzugehen, sei nicht einfach: "Wir können Medikamente zur Verfügung stellen, wir können psychiatrische Betreuung anbieten. Aber was bitte sollen wir den Menschen geben, die ihre Hoffnung für die Zukunft bereits komplett aufgegeben haben?" Es gebe außerdem zu wenig Anlaufstellen bei psychischen Problemen, denn der Fokus vieler Hilfseinrichtungen liege auf den körperlichen Beschwerden der Menschen.

Hoffnung auf Rückkehr in die Heimat

Auch an anderen Problemen im Lager mangelt es laut Jegan nicht. So fehle es oft an fließendem Wasser und immer wieder käme es zu Bränden. Die kleinen Hütten, in denen manche auf engstem Raum zusammenleben, würden dem starken Regen in Bangladesch nicht immer standhalten. "Die letzten fünf Jahre haben den Bewohnern stark zu schaffen gemacht", sagt Jegan. Auch durch die Pandemie sei man mehr schlecht als recht gekommen: "Unsere Testkapazitäten waren begrenzt, aber vermutlich sind viele an Covid erkrankt."

Laut Jegan wollen die meisten Rohingya in ihre Heimat Burma zurückkehren. "Sie hoffen auf eine sichere Rückkehr", erklärt er. Das sei aber derzeit nicht möglich, weshalb manche versuchen würden, in andere Staaten zu kommen. Jegan wünscht sich eine rasche Lösung. Er verstehe nicht, warum die Verantwortung für die Rohingya-Flüchtlinge allein auf den Schultern Bangladeschs und der NGOs liege. "China, Indien, die USA, die EU - sie alle könnten ihre diplomatischen Bemühungen gegenüber Burma verdoppeln und zu einer Verbesserung der Lage beitragen", meint er.

„Große Ungerechtigkeit nicht als normal hinnehmen"

Angesichts des traurigen Jahrestags forderte Amnesty International den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen in einer Aussendung vom Mittwoch auf, eine Untersuchung aller in Burma begangenen Verbrechen durch den Internationalen Strafgerichtshof durchführen zu lassen. "Der Jahrestag erinnert uns eindringlich daran, dass kein einziger hochrangiger Militärbeamter Burmas für die ungeheuerliche Gewaltkampagne gegen die Rohingya zur Rechenschaft gezogen und strafrechtlich verfolgt wurde", wird Ming Yu Hah, stellvertretende Regionaldirektorin für Kampagnen der NGO, zitiert.

"Die Flüchtlinge in Bangladesch stehen am Rande eines erschreckenden Abgrunds. Wenn wir sie im Stich lassen - wenn wir diese große Ungerechtigkeit als normal hinnehmen - werden uns künftige Generationen danach beurteilen, was wir nicht gesagt und was wir nicht getan haben", äußerte sich der Generalsekretär des Norwegian Refugee Council, Jan Egeland, zum Fünfjahrestag. Viele junge Rohingya hätten Schulden und keine Jobs oder Perspektiven, sagte er. Sie seien müde geworden, darauf zu warten, dass die Welt handle. Werde nicht bald eine Lösung gefunden, bestehe zudem die Gefahr, dass sie vielleicht nie mehr in ihr Heimatland zurückkehren könnten. „Die Zeit zu handeln ist jetzt!“, appellierte er.

(APA/dpa)