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Theaterkritik: Satan zu Besuch in Stalins Stadt

(c) Grazer Schauspielhaus
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Premiere von „Der Meister und Margarita“ am Sonntag im Grazer Schauspielhaus. Viktor Bodó inszeniert eine flotte Fassung von Bulgakows Roman. Die Interpretation wurde äußerst freundlich aufgenommen.

Moskau war unter Stalin ein höllischer Ort. Niemand von den Prosaschriftstellern hat das intensiver und magischer beschrieben als Michail Bulgakow (1891–1940) in seinem posthum erschienenen Roman „Der Meister und Margarita“, der in den Dreißigerjahren entstand, zur härtesten Zeit kommunistischen Terrors. Er durfte ihn damals nicht veröffentlichen. Sein autobiografisch gefärbtes Werk hätte ihn sonst wohl das Leben gekostet.

Bulgakow rechnet in seinem Buch mit dem System ab, schickt willfährige Schreiber zur Hölle, macht sich über den Staat lustig. Auffälligster Strang der komplexen Handlung: Der Teufel besucht die sowjetische Hauptstadt, er ist die Antithese zum staatlich verordneten Atheismus. Gottesbeweise mögen falsch sein, das Böse ist real. Dieser Woland kann zaubern wie Stalin; er lässt Leute verschwinden. Margaritas Faust leidet hier als Schriftsteller, der einen Roman über Pontius Pilatus geschrieben hat und im Irrenhaus gelandet ist. Auf zauberhafte Art werden dieser Meister und Margarita erlöst. Das brandgefährliche Manuskript wird gerettet.

 

Flinke Virtuosen aus der Hölle

Der ungarische Regisseur Viktor Bodó hat das Riesenwerk (Übersetzung von Thomas Reschke) fürs Schauspielhaus in fantasievolle, auf Komik bauende zweieinhalb Stunden gepackt. Dieser Hexenflug, der in einem Brand Moskaus endet, mag ein wenig verwirrend sein, doch dem Grazer Ensemble und Kollegen der Budapester Szputnyik Shipping Company sowie einer fetzigen Combo (Komposition: Klaus v. Heydenaber) ist eine erfrischende Kurzfassung des Klassikers gelungen. 15 Darsteller in gut drei Dutzend Rollen können sich richtig austoben.

Woland wird von Franz Solar nicht satanisch, sondern schalkhaft mephistophelisch angelegt. Er ist Ausländer, also an sich suspekt. Wenn dieser Spezialist für schwarze Magie aus tiefem Inneren lacht, beben seine Zuhörer. Die höllischen Begleiter Korowjew (Péter Jankovics), Behemoth (Zoltán Szabó) und die schöne Hella (Anna Hay) sind virtuos und artistisch unterwegs, zu jedem Schaukampf bereit, der musikalisch untermalt wird wie Stummfilmgags – eine gelungene Melange. Ganz ernst spielt Jan Thümer den Meister sowie den grübelnden Protagonisten seines Romans, Pilatus. Birgit Stöger ist eine herb-melancholische Margarita, wirkt wie eine verfolgte Dichterin aus den Dreißigerjahren. Zur Aufhellung tragen Claudius Körber als irrer Lyriker Iwan Heimatlos, Sebastian Reiß als Dichterfunktionär Berlioz, vor allem aber Steffi Krautz und Thomas Frank in diversen Nebenrollen bei; Saftverkäufer, Legionäre, Schaffnerinnen und korrupte Portiere der Stalin-Zeit wirbeln durch diese Revue, die nicht nur in Wolands Varieténummer kabarettreif ist. Bauz, da fliegt ein Kopf durch die Luft, ein Krautkopf, da wird das Klappern von Schreibmaschinen zur Zensur-Sonate und ein Leichenzug zum reinen Slapstick. Ausgiebig setzt die Regie die Drehbühne (von Pascal Raich gestaltet) in Bewegung, die zwischen Jerusalems Palästen vor 2000 und schäbigen Moskauer Mietskasernen vor 80 Jahren wechselt.

 

Der anonyme Flüsterton der Lüge

Richtig böse hingegen sind die Momente, in denen Genossen Genossen vernadern, im Flüsterton und anonym. Es zeigt sich dann, aber eben nur punktuell bei Bodó, der Terror, die Zersetzungskraft der Lüge. Er betont jedoch lieber das Zauberhafte an Bulgakow, die reine Satire. Sie ist hier, wörtlich, eine reichhaltige Schale, bis zum Finale wird aus dem Vollen geschöpft. Die Hexe reitet auf einem surrealen Märchenschwein, das behende über eine Treppe tänzelt, die aus Eisensteins Revolutions-Hagiografie stammen könnte. Die Walpurgisnacht mutiert hinter leichter Leinwand zum eleganten Schattenriss-Tingeltangel – sehr dezent; mehr Nacktheit war in diesem Fall nicht nötig. Die Grazer Interpretation bleierner Zeit wurde vom Publikum äußerst freundlich aufgenommen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.12.2010)