Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Terror in Stockholm: Vom netten Schüler zum Attentäter

(c) AP (Akira Suemori)
  • Drucken

Der Bomber von Stockholm wurde im englischen Luton zum religiösen Fanatiker. Die Polizei bestätigte die Identität des Täters. Er war einsam bei der Ausführung, aber nicht in der Vorbereitung, so die Theorie.

Kopenhagen/Stockholm. Auf alten Bildern ist er ein fröhlicher junger Mann im schwarzen T-Shirt, der es gut zu haben scheint im Leben. Auf den letzten Bildern, die es von Taimur Abdulwahab gibt, liegt er mit zerfetzten Eingeweiden tot auf dem Stockholmer Pflaster.

Der Fanatiker, der sich am Samstagabend, einen Tag vor seinem 29. Geburtstag, mitten im vorweihnachtlichen Einkaufstrubel in die Luft sprengte, hatte eine Radikalisierung durchgemacht, die für in Europa aufgewachsene islamistische Selbstmordattentäter typisch ist: von einem allseits beliebten sozialen Menschen hin zum religiösen Einzelgänger, der sich von Hassbotschaften extremistischer Prediger aufstacheln lässt.

Am Montag bestätigte die Polizei die Identität des Täters. Herauszufinden, ob er alleine agierte, hat nun für die Sicherheitspolizei Säpo Priorität: „Wir müssen wissen, ob es andere gibt, die mit ähnlichen Plänen agieren“, sagte Sprecherin Malena Rembe. Er war einsam bei der Ausführung, aber nicht in der Vorbereitung, so die Theorie des mit der Leitung der Ermittlungen beauftragten Staatsanwalts Tomas Lindstrand: „Wir gehen davon aus, dass er Mithelfer hatte, zumindest im Vorfeld.“

Die Attentate waren allerdings amateurhaft durchgeführt, meint Bo Janzon, Waffenexperte an der Militärhochschule: Fehlerhafte Verbindungen zwischen Bomben und Auslösern verhinderten vermutlich eine größere Explosion. Abdulwahab trug einen Gürtel mit mehreren Rohrbomben, der außerdem mit Stahlkugeln versehen war. Doch nur eine der Bomben zündete. Statt des vom Täter wohl erhofften Massakers kam es nur zu seinem eigenen Tod.

Wie das geschehen konnte, ist Menschen, die ihn als Kind kannten, unerklärlich. Mit zehn war Taimur mit seiner Familie auf der Flucht vor dem Irak-Krieg nach Schweden gekommen. Im Gymnasium war er einer der beliebtesten Mitschüler, ging Partys mit Bier und Mädchen nicht aus dem Weg. Religiös? „Nicht mehr als alle anderen“, heißt es im südschwedischen Tranås, wo er aufwuchs.

 

Kriegsbilder statt Familienfotos

Nach der Schule übersiedelte er nach England, um sich zum Physiotherapeuten ausbilden zu lassen. In Luton, einer islamischen Hochburg, muss er in extremistische Kreise geraten sein. „Wenn er zurück nach Tranås kam, wollte er nicht mehr ausgehen“, sagen Ex-Kumpel. Er heiratete in England, wurde Vater dreier Kinder und offenbar immer fanatischer. Auf der Datingsite muslima.com suchte er eine „Zweitfrau“, die mit ihm in ein arabisches Land ziehen sollte. Er ernährte sich und die Seinen, indem er Teppiche verkaufte.

Angeblich soll Abdulwahab nach Pakistan gereist sein, um sich zum „heiligen Krieger“ ausbilden zu lassen, während er seine Familie glauben machte, er sei zum Geldverdienen im Ausland. Auf seiner Facebook-Seite hisste er die schwarze Fahne der al-Qaida. Wo er früher Witze und Familienfotos veröffentlicht hatte, schrieb er nun Gebete und legte Links zu Videos mit blutigen Bildern aus dem Irak und aus Afghanistan. Dennoch sagt Lindstrand, dass er für Polizei und Säpo „völlig unbekannt“ gewesen sei.

Als Abdulwahab vor Monaten nach Schweden zurückkehrte, registrierte er sich als unverheiratet. Frau und Kinder blieben im englischen Luton. Sein Vater, bei dem er einzog, ist verzweifelt. Als die ersten Meldungen über das Attentat kamen, versuchte er den Sohn anzurufen, doch das Handy war ausgeschaltet: „Er war mein einziger Sohn, ich weiß nicht, was mit ihm geschehen ist.“ Die letzte Botschaft in jenem Audio-File, in dem Abdulwahab den Schweden den Tod ihrer Kinder, Brüder und Schwestern androhte, war an seine Frau und Kinder gerichtet: „Küss sie von mir“, bat er seine Gattin, „und sag ihnen, dass Papa sie liebt“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.12.2010)