Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Der ökonomische Blick

Intensivere Betreuung von Arbeitslosen verkürzt Arbeitslosigkeit

Die Presse/Clemens Fabry
  • Drucken
  • Kommentieren

Ein Pilotprojekt zeigt: Ein besseres Betreuungsverhältnis beschleunigt die Aufnahme einer Beschäftigung und spart obendrein Kosten.

Die Beratung und Vermittlung von Arbeitslosen zählt zu den Kernaufgaben des Arbeitsmarktservice (AMS). Wie erfolgreich Arbeitssuchende bei der Rückkehr in eine Beschäftigung unterstützt werden können, ist auch davon abhängig, wie viele KundInnen ein/e AMS-BeraterIn zu betreuen hat. Eine Auswertung eines Pilotprojekts zeigt, dass ein besseres Betreuungsverhältnis die Arbeitslosigkeit verkürzt, die Aufnahme einer Beschäftigung beschleunigt und obendrein Kosten spart.

Im Jahr 2015 (2019) waren durchschnittlich rund 5230 (5500) Personen (in Vollzeitäquivalenten) beim AMS beschäftigt. Sie haben mehr als eine Million (960.000) Personen und mehr als 68.000 (76.000) Unternehmen betreut (AMS, 2015; AMS, 2019). Bei rund vier Millionen Terminvorsprachen wurden im Jahr 2015 pro Arbeitstag rund 11.300 Vermittlungsvorschläge ausgegeben, etwa drei Viertel aller offenen Stellen (ohne Lehrplätze) wurden innerhalb eines Monats besetzt.

Während es bereits viele Evaluierungen spezifischer Qualifizierungs- und Beschäftigungsförderungen gibt (vgl. Eppel et al., 2022), wurde die Effektivität der Beraterinnen und Berater in der öffentlichen Arbeitsmarktvermittlung bisher wenig erforscht.

Jede Woche gestaltet die „Nationalökonomische Gesellschaft" (NOeG) in Kooperation mit der "Presse" einen Blog-Beitrag zu einem aktuellen ökonomischen Thema. Die NOeG ist ein gemeinnütziger Verein zur Förderung der Wirtschaftswissenschaften.

Beiträge von externen Autoren müssen nicht der Meinung der „Presse"-Redaktion entsprechen.

>>> Alle bisherigen Beiträge

Beraterinnen und Berater loten individuelle Problemlagen und Unterstützungsbedarf aus, sie weisen zu Maßnahmen zu, informieren Arbeitssuchende über offene Stellen und Ausbildungs- und Förderungsmöglichkeiten und schaffen Zugang zu Leistungen der Existenzsicherung. Zudem kontrollieren sie die Bemühungen bei der Arbeitssuche. Sie können damit in vieler Hinsicht die Arbeitsmarktchancen der betreuten Arbeitsuchenden beeinflussen.

Intensivierung der Beratung

Das AMS hat in den Jahren 2015 und 2016 ein Pilotprojekt mit experimentellem Design durchgeführt, um eine Intensivierung der Beratung zu untersuchen. In jeweils einer regionalen Geschäftsstelle in Linz und in Wien wurde für eine zufällig ausgewählte Gruppe von Kundinnen und Kunden vorübergehend das Personal aufgestockt, für alle anderen änderte sich der Betreuungsschlüssel nicht: In Wien betreute zum Start des Projekts in der einen Gruppe eine Person rund 100 Arbeitslose, in der Vergleichsgruppe, deren Personalstand nicht verändert wurde, betreute eine Person rund 250 Arbeitslose. In der ersten Gruppe hatten die Beraterinnen und Berater also deutlich mehr Zeit.

Unsere Auswertung (Böheim et al., 2022) dieses Pilotprojekts zeigt, dass die Verbesserung der Betreuungsrelation zunächst zu intensiveren Beratungs- und Vermittlungsaktivitäten führte. Dies wirkte sich positiv auf die Beschäftigungsaufnahmen der betreuten Arbeitslosen aus. Da die Beraterinnen und Berater mehr Zeit hatten, kam es zu häufigeren Kontakten, zu mehr Vermittlungsvorschlägen, mehr Zuweisungen zu Maßnahmen — aber auch zu häufigeren Sperren des Leistungsbezuges, wenn Termine nicht eingehalten oder Arbeitsaufnahmen verweigert wurden.

Ein Vergleich der Arbeitsmarktsituation in den zwei Jahren nach Eintritt in das Projekt zeigt, dass die Gruppe mit der intensiveren Betreuung im Schnitt zwei Monate kürzer als jene mit dem unveränderten Betreuungsschlüssel als arbeitslos vorgemerkt war. Die kürzere Arbeitslosigkeit kam zu einem Teil dadurch zustande, dass den intensiver betreuten Arbeitslosen eine raschere Aufnahme einer Beschäftigung gelang. Sie ging aber auch auf vermehrte Abmeldungen aus der Arbeitslosigkeit ohne Beschäftigungsaufnahme zurück, das heißt, die Betroffenen blieben ohne Erwerbsarbeit und bezogen auch keine Leistung zur Sicherung der Existenz, wie Arbeitslosengeld oder Notstandshilfe.

Keine Auswirkung auf Beschäftigungsdauer und Löhne

Eine intensivere Betreuung könnte theoretisch dazu führen, dass die betreuten Personen weniger attraktive Beschäftigungen aufnehmen, um sich der intensiven Betreuung und der damit verbundenen stärkeren Kontrolle zu entziehen. Das könnte zu instabileren Beschäftigungen oder vergleichsweise niedriger Entlohnung führen, denn Arbeitskräfte und aufgenommene Stellen wären weniger gut aufeinander abgestimmt. Umgekehrt könnte eine besser abgestimmte Vermittlung zu stabileren und höher entlohnten Beschäftigungsverhältnissen führen, wenn Arbeitskräfte und die Stellen besser aufeinander abgestimmt sind. Die intensivere Betreuung wirkte sich aber tatsächlich weder auf die  Einstiegslöhne, noch auf die  Beschäftigungsdauern aus. Das weist darauf hin, dass die intentensiver betreute Gruppe zwar schneller eine Beschäftigung fand, sich die Art der Beschäftigung aber nicht grundlegend unterschied.

Eine Gegenüberstellung der Kosten für die intensivere Betreuung und der Einnahmen der öffentlichen Hand ergibt, dass die Personalaufstockung nicht nur vielen Arbeitssuchenden half, rascher eine Beschäftigung zu finden, sondern auch kosteneffizient war. Die höheren Personalkosten wurden mehr als aufgewogen, weil bei kürzerer Arbeitslosigkeit weniger Leistungen für Existenzsicherung anfallen und durch raschere Beschäftigungsaufnahmen die Erträge aus Steuern und Sozialversicherungsbeiträgen steigen. In diesem Fall kann also der Staat mit Investitionen sogar sparen.

Literatur

AMS, 2015, Geschäftsbericht, https://www.ams.at/organisation/geschaeftsberichte/geschaeftsberichte-oesterreich-archiv

AMS, 2019, Geschäftsbericht, https://www.ams.at/organisation/geschaeftsberichte/geschaeftsberichte-oesterreich-archiv

Böheim, René, Rainer Eppel und Helmut Mahringer, 2022, More caseworkers shorten unemployment durations and save costs. Results from a field experiment in an Austrian Public Employment Office, WIFO Working Papers 647/2022.

Eppel, Rainer, Ulrike Huemer, Helmut Mahringer und Lukas Schmoigl, 2022, Evaluierung der Effektivität und Effizienz von Qualifizierungsförderungen des Arbeitsmarktservice Österreich, wifo.at

René Böheim ist Volkswirt am Institut für Volkswirtschaftslehre an der Johannes Kepler Universität Linz und wissenschaftlicher Konsulent am Wirtschaftsforschungsinstitut Wien. Sein Forschungsschwerpunkt ist die empirische Arbeitsmarktforschung, insbesondere die Evaluierung von Arbeitsmarktpolitik.

Rainer Eppel ist Ökonom am Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung WIFO im Forschungsbereich "Arbeitsmarkt, Einkommen und soziale Sicherheit". Der Schwerpunkt seiner Forschung liegt auf der empirischen Analyse von Arbeitsmarktentwicklungen und der Evaluierung von Arbeitsmarktpolitik.

Helmut Mahringer ist Ökonom am Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung WIFO im Forschungsbereich "Arbeitsmarkt, Einkommen und soziale Sicherheit". Der Schwerpunkt seiner Forschung liegt auf der empirischen Arbeitsmarktanalyse und -prognose sowie in der Evaluierung von Arbeitsmarktpolitik.

René Böheim,Helmut Mahringer und Rainer Eppel
René Böheim,Helmut Mahringer und Rainer Eppel

Mehr erfahren

Der ökonomische Blick

Pensionssystem: Auch die Betriebe sind gefragt

Der ökonomische Blick

Helfen Sie den Menschen in Österreich, dem Klima zu helfen

Der ökonomische Blick

Ungleichheit durch Recht

Der ökonomische Blick

Kann man durch mehr Lohntransparenz den Gender Wage Gap reduzieren?

Der ökonomische Blick

Leitwährung Dollar – heute wie vor 40 Jahren

Der ökonomische Blick

Bitcoin und Co. als Schneeballsystem

Der ökonomische Blick

EZB: Ein Hilferuf an die Regierungen der Eurozone