Schnellauswahl

Sekundenschlaf als heimliche Unfallursache

(c) Www.BilderBox.com (BilderBox.com)
  • Drucken

Laut Statistik ist Sekundenschlaf für vier Prozent der Verkehrstoten verantwortlich. Die Dunkelziffer wird auf bis zu 40 Prozent geschätzt. Eine Studie von AKH und ÖAMTC will der Sache ergründen und Klarheit schaffen

Wien. Müdigkeit im Straßenverkehr ist ein stiller Killer. Betroffene übermannt der Schlaf unbemerkt, und selbst für die Unfallkommandos der Polizei ist im Nachhinein nicht immer zweifelsfrei der Grund für einen fatalen Crash festzustellen. Der ÖAMTC und Schlafforscher der Medizinischen Universität Wien wollen diesem Geheimnis nun in einer Studie auf den Grund gehen.

Im Vorjahr starben auf Österreichs Straßen 633 Personen. Nur bei 25, das sind vier Prozent, wurde im Unfallbericht Übermüdung als Ursache vermutet. Aber: Experten sind davon überzeugt, dass die Dunkelziffer irgendwo zwischen 15 und 40 Prozent liegen muss. „Der Ablauf tödlicher Unfälle gibt oft Grund zur Annahme, dass Übermüdung sowie Sekundenschlaf die Auslöser waren“, sagt Marion Seidenberger, Verkehrspsychologin des ÖAMTC. Bei den Behörden stehen solche Todesfahrten dann als „Abkommens-“ oder „Alleinunfälle“ in den Büchern.

Auch die Interpretation statistischer Daten deutet darauf hin, dass die offiziellen vier Prozent nicht der Realität entsprechen. Obwohl zwischen null und fünf Uhr früh im ganzen Land kaum Fahrzeuge unterwegs sind, stieg die Zahl der Toten während dieses Zeitraums auf zuletzt 92 jährlich. Das sind immerhin 15 Prozent aller Todesfälle. Der Autobahnbetreiber Asfinag, der das Forschungsprojekt mitfinanziert, schätzt den Anteil der Verkehrstoten, die auf Übermüdung zurückgehen, in seinem Streckennetz auf 30 Prozent.

Subjektives Gefühl täuscht oft

Wie man das steigende Risiko für Sekundenschlaf frühzeitig erkennt, was die spezifischen Indikatoren dafür sind und ob ein kurzes Nickerchen am Rastplatz die größte Gefahr bannen kann, das wollen nun Gerhard Klösch vom Schlaflabor der Med-Uni Wien und sein Team herausfinden. In den vergangen Wochen fuhren dafür 60Personen nächtens über den Kurs des ÖAMTC-Fahrtechnikzentrums in Teesdorf. Überwacht wurden sie dabei von Kameras, Technik-Instruktoren, GPS-Sensoren und Geräten, die die Gehirnströme während der Fahrt maßen. Erstmals fand ein solcher Versuch in „freier Wildbahn“ statt. Bisher verwendete man dafür aus Sicherheitsgründen Simulatoren.

Bis Ende Februar sollen die 450 Gigabyte an Daten ausgewertet sein. Eines kann Klösch jedoch jetzt schon sagen: Ein Patentrezept zur Frühwarnung gibt es nicht. „Es sieht so aus, also ob die Testpersonen sehr unterschiedlich auf Müdigkeit reagieren.“ Davon konnte sich auch der „Presse“-Autor überzeugen, der einen Teil des Versuchs selbst absolvierte. Trotz eines subjektiv sicheren Fahrgefühls deuteten die wissenschaftlich ermittelten Werte aus Gehirnströmen, Fahrverhalten und Reaktionsfähigkeit auf einen Zustand hin, den Klösch als „nicht mehr fahrtauglich“ bezeichnete.

Während ÖAMTC und Med-Uni die Ergebnisse der Studie als Leitfaden für Autofahrer einsetzen wollen, hat die Industrie bereits Systeme, die dann zum Einsatz kommen, wenn der kritische Punkt überschritten ist. Mercedes z.B. setzt in seinen Limousinen eine Technik ein, die aus einer Summe von Parametern (Lenkverhalten, Schaltverhalten etc.) ziemlich genau errechnet, wann es Zeit ist, eine Pause einzulegen. Am Display des Bordcomputers erscheint dann eine Tasse Kaffee.

Auf einen Blick

Als Sekundenschlaf bezeichnet die Wissenschaft das kurze Wegnicken am Steuer. Laut Experten ist Sekundenschlaf für 15 bis 40 Prozent aller tödlichen Unfälle verantwortlich. Ab 17 Stunden Wachphase besteht auch bei gutem Schlaf während der vorangegangenen Nacht erhöhtes Risiko. Eine Studie von ÖAMTC und Med-Uni Wien soll nun Früherkennung und die Wirkung von kurzen Nickerchen erklären.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.12.2010)