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Redebedarf

Zuerst Schnitzel, dann Small-Talk

100 Rätsel der Kommunikation, Folge 10. Beim Essen redet sich's leichter? Ein Missverständnis.

Beim Essen spricht man nicht. Also, beim Essen schon, wenn es sich insgesamt um jene Phase handelt, bei der man an einem Tisch sitzt zur gefälligen Nahrungsaufnahme. Gemeinsam womöglich mit anderen. Aber man spricht normalerweise nicht, so wollen es zumindest die Tischmanieren, wenn die Zunge und Zähne gerade anderes verarbeiten als das, was man sich gerade in den Mund steckt. Nämlich, wenn die Zunge und die Zähne gerade selbst angestrengt versuchen, Signale zu artikulieren. Bürdet man entgegen der Empfehlung dem Mund Multitasking auf, schickt man oft mehr als Schallwellen durch die Luft, in Richtung des Gesprächspartners. Ein paar Kleinigkeiten, die dort nicht hinsollen. Ganz im Gegensatz zur Botschaft, die man mit Zunge, Zähnen, Gaumen und Luft so schön angerichtet hat. Außerdem will man ja, dass einem der andere eher in die Augen schaut, ihn nicht ablenken mit dem eigentlichen Spektakel, dem, was im Mund gerade passiert. Aber das ist Verschlusssache. Auch, weil die Augen immer die appetitlichere Alternative sind.

Aber weil das ja alles so schwer voneinander zu trennen ist, würde mein Vorschlag lauten: Zuerst essen, stumm. Dann reden. Schön satt wirken auch die katastrophalen Neuigkeiten gleich wenig gravierend. So machen es auch die Großeltern, die sich stets nur auf das konzentrieren, was zur werten Bearbeitung vor ihnen am Teller liegt. Zuerst Schnitzel. Dann Smalltalk. Ganz einfach. Da kommt nichts durcheinander. Ratsam ist auch: Entweder komplizierte Dinge bereden beim Essen. Oder kompliziertes Essen wählen beim Reden. Nicht beides zugleich. Denn beim Reden ist nun mal ganz schön viel los. Im Mund sowieso. Aber auch im Hirn. Beim Zuhören zumindest noch im Hirn. Auch dort muss man verarbeiten, schlucken, erst einmal verdauen, was einem der andere so verbal aufgetischt hat. Und wenn es doch nur das Zuhören wäre. Gerade sitzen muss man auch, Messer und Gabel nicht verwechseln, das Beste am Teller für den Schluss aufheben, Augenbrauen hochziehen an den richtigen Stellen, nicht die ganze Zeit „Mmmmmhhh“ vor sich hinbrummeln, obwohl man möchte. Ganz schön viel zu tun.

Und was schon gar nicht passt: Interviews beim Essen. Ich erinnere mich an einen Journalistenkollegen, der mir erzählte, wie er mühsam ein dressingtriefendes Riesenblatt Salat im Mund unterbringen wollte und dabei versuchte, dem Interviewpartner, dem berühmten noch dazu, möglichst würdevoll zuzuhören. Backhendl zum selber Auseinanderklauben beim ersten Date? Auch schwierig. Alles, was nicht beim ersten Anlauf im Mund ist, lieber nicht bestellen. Oder Dinge, die leicht von der Gabel fallen, weglassen. Das lenkt vom Thema ab. Auch wenn die Zähne erst langwierig zermalmen, zerkleinern und zerkauen müssen, kann das dringend erwartete Antworten verzögern. Damit die Pausen nicht zu lang werden, schluckt man dann auch hin und wieder Dinge herunter, die noch nicht ganz fertig vorbereitet für den Magen waren.

Aber trotzdem kommen die Leut' nicht beim Reden z'samm, wie man sprichwörtlich meint, sondern eher beim Essen zum Reden. Der „Vergemeinschaftung“ wegen. Die harten Fakten, dafür ist das Besprechungszimmer der Raum der Wahl. Für das soziale Geschmiere und Gekraule, die Beziehungsebene, dafür geht man ins Restaurant. Der englische Architekturtheoretiker Christopher Alexander meinte sogar: „Ohne gemeinsames Essen kann keine Gruppe zusammenhalten“. Ok, dann halt doch ein Tischgespräch. Vielleicht so eines, wie das Immanuel Kant schon beobachtet hat: Zuerst erzählt man sich die Nachrichten, die alle am Tisch betreffen. Dann die internationalen. Und am Schluss des Tischgesprächs wird noch der Punkt „lockeres Gefallen der Frauenzimmer“ abgehandelt. Oder so ähnlich.  

100 Rätsel der Kommunikation.

Norbert Philipp bespricht in dieser Kolumne die dringendsten Fragen der digitalen und analogen Kommunikation: Muss man zu Chatbots höflich sein? Wie schreit und schweigt man eigentlich digital? Heißt „Sorry“ dasselbe wie „Es tut mir leid“?. Und warum verrät „Smoke on the Water“ als Klingelton, dass ich über 50 bin.