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Zeitreise

Heute vor 100 Jahren: Die Frau als Mann

Ein ganzes Jahr lang arbeitete sie hier unter dem Namen Charles Richaroson, ohne daß ihr wahres Geschlecht entdeckt wurde.

Neue Freie Presse am 6. Februar 1923

Londoner Blätter erzählen: In einem Armenspital starb vor einigen Tagen eine Frau, der es gelungen war, bis dahin als Mann zu leben. Niemand wußte, wer sie sei und woher sie kam, als eines Nachts eine Frau in mittleren Jahren an dem Tor des Armenhauses um Einlaß bat. Man nahm sich auch nicht die Zeit, erst lange herumzufragen, denn die Fremde war in einem derart herabgekommenen Zustand, daß sie sogleich im Spital übernommen wurde, wo sie nach einer rasch vorgenommenen Operation starb. Nun erfuhr man, daß die Frau, die sich Annie Miller genannt, zu Lebzeiten eigentlich als Mann gegolten habe.

Sie war zuletzt in Hyxton in einem Geschäft tätig, das seemännische Bedarfsartikel seilhielt. Ein ganzes Jahr lang arbeitete sie hier unter dem Namen Charles Richaroson, ohne daß ihr wahres Geschlecht entdeckt wurde. Und dabei war ihr Prinzipal selber eine Frau - Mrs. Powers — die ihr geübter weiblicher Scharfblick diesmal schnöde im Stiche ließ. Niemals, erklärte sie, stieß ihr der kleinste Verdacht auf. Sie betrauerte „Charlie" sehr, den sie recht liebgewonnen. Er war ein fleißiger, geschickter Arbeiter, der sich aufs Geschäft verstand und mit dem sie glänzend auskam.

Charlies Gesundheit war immer etwas schwach, erforderte oft Schonung, und sie selber pflegte ihn, brachte die Mahlzeiten an sein Bett, ohne etwas Bedenkliches zu merken. Mit seinem blonden, natürlich kurz geschorenen Haar, der geraden Nase und den blauen Augen galt er als „hübscher Junge", war nicht nur bei den Mädchen der Nachbarschaft, sondern auch bei den Kameraden sehr beliebt. Charlie tat aber auch alles, ihre Gunst zu erhalten. Selber ein starker Raucher - hatte er nicht eine Zigarette, so sicher die kleine Tonpfeife im Mund - traktierte er die Kameraden freigebig mit Tabak, guten Zigarren und Whisky. Scherz und Gelächter waren die Atmosphäre, die er um sich schuf.

Einmal verwundete er sich sein Schienbein und mußte in Spitalsbehandlung. Auch hier merkte man nicht, wen man vor sich hatte; vielleicht lag es daran, daß er nur ambulatorisch behandelt wurde; immerhin, meinten Charlies Freunde, sollte ein Sachverständiger wohl ein weibliches Bein von einem männlichen unterscheiden können. Auch die Klippe des Raseurs wußte Charlie glücklich zu umschiffen. Freilich hatte man dort immer seinen Spaß mit ihm; denn sein Gesicht war von seltener Glätte, Kinn und Wangen deckte weicher Flaum und die Oberlippe zierten einige dünne Härchen, die den Schnurrbart vorstellen sollten.

Charlie kam nur, wenn das Haar zu schneiden war, und da bestand er darauf, auch rasiert zu werden. Man lachte und hänselte ihn zwar, da aber sein sonstiger Habitus recht männlich, legte man der Sache keine Bedeutung bei. Vor einigen Wochen wurde Charlie ernstlich krank und entschloß sich, ein Spital aufzusuchen. Er verabschiedete sich von Mrs. Powers und seinen Freunden und reiste ab. Wie sich jetzt herausstellt, begab sich Charlie in einen Bezirk, wo man ihn nicht kannte, verwandelte sich aus dem bisherigen Mann in Annie Miller und betrat als Frau den Krankensaal, der, wie erwähnt, ihr Sterbezimmer wurde.