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Zeitreise

Heute vor 100 Jahren: Die Mode der weißen Haare

Es sind wirkliche, echte Haare, die im Silberglanze strahlen und dem jungen süßen Gesichtchen einen unnachahmlichen Reiz verleihen.

Neue Freie Presse am 28. Jänner 1923

Aus Paris wird uns geschrieben: In der großen Welt von Paris trifft man heute auffallend viele junge Damen, deren in voller Frische prangendes Gesicht von weißen Haaren umrahmt ist, und diese neue reizvolle Methode wirkt um so hübscher, als es sich nicht um künstliche Haartrachten handelt, wie sie zur Zeit der Pompadour getragen wurden, oder wie man sie heute noch auf dem Theater trifft. Es sind wirkliche, echte Haare, die im Silberglanze strahlen und dem jungen süßen Gesichtchen einen unnachahmlichen Reiz verleihen.

Nicht Puderwölkchen sind es, welche die Silberfarbe vortäuschen, es sind raffiniert entfärbte Haare, die durch die Kunst des Modefriseurs ihren Farbstoff vollkommen verloren haben und sich in einer eigenartigen Weise von dem dunklen oder blonden Grunde der übrigen Haare abheben. Es gelingt bisnun nur einzelnen Haarkünstlern von Paris, dieses eigenartige Silberweiß hervorzubringen und den schönen Uebergang, der das Gesicht umgebenden weißen in die jugendliche Farbe der anderen Haare hervorzurufen. Es ist offenbar viel leichter, alle Haare des Kopfes gleichmäßig zu entfärben als nach der Forderung der neuen Mode nur den vorderen Teil weiß zu bleichen, die übrigen aber in ihrer natürlichen Farbe zu belassen oder ihnen einen angenehm wirkenden neuen Farbenton zu geben.

Jedenfalls wirkt die neue Mode sehr pikant, wenn auch etwas fremdartig. Man erkennt die Kunst und fühlt sich doch wie von einem natürlichen Zauber angezogen. Nicht mit Unrecht blicken die Pariser Haarkünstler von heute mit Stolz auf ihre Vorgänger zurück, welche die Schönheit der weißen Haare bei jungem Antlitz wohl empfanden, aber kein Mittel kannten, um diese interessante Modeschöpfung auf natürlichem Wege erstehen zu lassen. Die Aerzte behaupten zwar, daß durch die starke Bleichung die Haare sehr stark geschädigt werden und bald ausfallen, die Mode kümmert sich aber nicht um diese Warnung. Sie begnügt sich damit, eine bisher ungekannte Wirkung zu erzielen.

Heute vor 100 Jahren: Holzvergasung statt Benzin für Automobile?

Die Erfindung soll eine beträchtliche Ersparnis bringen.

Neue Freie Presse am 27. Jänner 1923

Aus Paris wird uns gemeldet: Nach Berichten des französischen Ackerbauministeriums hat ein französischer Ingenieur ein Verfahren erfunden, um Holz zu vergasen und dieses Vergasungsprodukt als Brennstoff für Explosionsmotoren zu verwenden. Vorderhand kommt dieses Verfahren nur für landwirtschaftliche Automobile in Betracht.

Die bisnun angestellten Versuche haben ergeben, daß zur Bearbeitung von einem Hektar Land neunzig Kilogramm Holz verbraucht wurden, die einen Kostenwert von zehn Francs halten, während bei der Verwendung von Benzin dreißig Liter mit einem Kostenaufwand von fünfundfünfzig Francs verbraucht wurden. Es handelt sich also bei der neuen Erfindung um eine ganz beträchtliche Ersparnis. Voraussichtlich wird es bald gelingen, den neuen Brennstoff auch für Personenautomobile benützbar zu machen.

Die Versuche, neue Brennstoffe für Explosionsmotoren im allgemeinen und Automobilmotoren im besonderen zu gewinnen, reichen schon auf lange zurück. Der Hauptgrund ist der, daß das Benzin, das derzeit als Betriebsstoff in erster Linie verwendet wird, beziehungsweise das Rohöl, aus dem es durch Raffinade gewonnen wird, in den kulturell und industriell am höchsten stehenden Staaten Europas, wie England, Deutschland, Frankreich, Italien, der Schweiz, Oesterreich und anderen, nicht erzeugt werden kann, sondern aus dem Auslande eingeführt werden muß. Auch unterliegt das Benzin erfahrungsgemäß starken Preisschwankungen, die zu Zeiten zu enormer Teuerung geführt haben. Man hat versucht, an Stelle von Benzin unter anderem Spiritus, Karbidgas, Benzol zu verwenden, wobei das letztere, das meistens als Nebenprodukt bei der Leuchtgaserzeugung gewonnen wird, noch die meisten Anhänger gefunden hat. Aber das Benzin steht doch noch immer weitaus an erster Stelle.

Wenn es nun tatsächlich gelungen ist, aus Holz ein Vergasungsprodukt zu erhalten, das als Betriebsstoff für Explosionsmotoren gut entspricht und weit billiger als Benzin kommt, so wäre das für die ganze Verbrennungsmaschinenindustrie einschließlich der Automobilerzeugung von ungeheuer, gar nicht absehbarer Bedeutung. Besonders wir in Oesterreich müßten diese Erfindung auf das freudigste begrüßen, da wir bekanntlich außerordentlich reiche und gute Holzbestände besitzen, für deren Ausnützung sich eine weitere gewaltige Möglichkeit ergäbe. Ein ganz neuer Zweig der Industrie könnte sich da entwickeln, dessen Ausdehnungsfähigkeit die weitesten Perspektiven eröffnet. Aber auch für unsere heimische Automobil- und Motorenindustrie, die bekanntlich sehr hoch entwickelt ist und in unserer Exportliste an hervorragender Stelle figuriert, ebenso für unseren Automobilverkehr wäre es von sehr großem Nutzen, wenn sie über einen im Inland hergestellten, dem Benzin gleichwertigen und dabei billigsten Betriebsstoff verfügen könnten. Wir könnten uns da auf einem weiteren Gebiete von der Einfuhr aus dem Auslande unabhängig machen. Daß der als Holzvergasungsprodukt gewonnene Brennstoff, wenn er vorerst auch nur für landwirtschaftliche Motoren und Automobile zu gebrauchen sein sollte, sehr bald auch für Personenautomobile aller Art verwendbar gemacht werden könnte, ist nach allen bisher gemachten Erfahrungen mit Sicherheit anzunehmen.

 

"Wilhelm Tell" verboten

Die Besetzung des Rheinlands durch Frankreich stößt auch bei dessen Verbündeten auf wenig Gegenliebe und treibt auch kulturelle Blüten.

Neue Freie Presse am 26. Jänner 1923, Abendblatt

Das neue Barbarentum treibt die schönsten Blüten. Es ist so weit gekommen, daß nicht einmal mehr ein Werk Friedrich Schillers vor einem Verbot sicher ist und daß die Rheinlandkommission sich den unerhörten Spaß leistet, die Aufführung von "Wilhelm Tell" in Koblenz zu verbieten. Offenbar will sie nicht hören, daß Tyrannenmacht eine Grenze hat und daß es Recht gibt, die unveräußerlich und unverlierbar sind wie die Sterne am Himmel. Diese Tollheiten müssen das Gefühl der Erbitterung im deutschen Volke noch maßlos steigern und die Möglichkeit der Verständigung in diesem Volkskriege wesentlich verringern. Ein solches Verbot trifft den Verbieter selbst und die Geschichte als unbarmherzige Richterin wird diese Vorgänge brandmarken.

Zwei wichtige Meldungen sind heute vorhanden, welche die Stellungnahme Amerikas und Englands bezüglich der Ruhrbesetzung betreffen. In London hat ein Kabinettsrat stattgefunden, der sich mit der Frage der Zurückziehung der englischen Truppen vom Rheinland beschäftigt. Wir glauben nicht, daß diese Maßregel jetzt schon stattfinden werde, aber es ist bedeutsam genug, daß man überhaupt in London derartige Möglichkeiten ins Auge faßt, und es wird sicher in Paris den Eindruck nicht verfehlen, daß England erwägt, ob es das letzte äußerliche Band, das die Ententemächte in ihrer Politik gegenüber Deutschland zusammenhält, zersprngen soll.

Es hat in England sehr viel böses Blut gemacht, daß man britische Offiziere zwingen wollte, an Verhaftungen und Sanktionen teilzunehmen, und das Resultat war eine Unterhaltung zwischen dem englischen Botschafter Lord Crewe und Herrn Poincaré, wodurch ein für allemal diese Möglichkeit ausgeschaltet wurde. Wenn England die Rheinbesetzung aufgäbe, so wäre das sicher ein schwerer Schlag für Frankreich, das damit auch äußerlich der Isolierung verfallen würde.

Die zweite Nachricht, die von besonderer Bedeutung ist, kommt aus Amerika. Im Weißen Hause wird eine Anregung seitens des Parlaments erwartet, monatlich 2000 Tonnen Lebensmittel nach Deutschland zu schicken, um die ärgsten Wirkungen der Ruhrbesetzung und des Valutazusammenbruches zu mildern. Das wäre das erste Zeichen werktätiger Sympathie der amerikanischen Regierung für Deutschland, der Ausdruck des Mitleides für die Bedrückten, die hungern und frieren, und zugleich indirekt eine Verurteilung der Politik der Absperrung und des Versuches, Deutschland zugrunde zu richten.

 

Frauen in männlichen Berufen

Overalls, Schmieröl und schwere manuelle Arbeit sind heute kein Abschreckungsmittel mehr für die Frauen.

Neue Freie Presse am 25. Jänner 1923

Immer unaufhaltsamer zeigt sich das Vordringen der Frauen in das Arbeitsgebiet des Mannes, immer weiter zieht sich der Kreis, mag es sich um schwere manuelle oder geistige Arbeit handeln, in dem sie mit dem Mann in Wettbewerb treten. Interessante aufklärende Daten darüber enthält das kürzlich in Newyork erschienene Jahrbuch "Women of 1923", das wie unser dortiger Korrespondent meldet, ersichtlich macht, daß Chauffieren, Straßenreinigung und Röhrenlegen während des Krieges und nachher "im gleichen Grade weibliche Beschäftigungen geworden sind, wie es Klavierspielen und Kunstschneiderei seit Generationen sind".

Ein Ueberblick über die weiblichen Berufe in der Welt zeigt, daß Overalls, Schmieröl und schwere manuelle Arbeit heute kein Abschreckungsmittel mehr für die Frauen sind und man sie auch schon als Dock- und Schiffsarbeiter und Matrosen sehen kann. Immer häufiger werden auch die Vertreterinnen des schwachen Geschlechtes im Arbeitsgebiet der Schmiede, Maschinisten, Tischler, Ziegelarbeiter, Blechschmiede, Holzfäller und Magazinarbeiter, nicht minder auf dem Lenksitz der Lastautos, in Mietwagenunternehmungen, bei der Herstellung von Schuhen und beim Reinigen von Fabrikskesseln.

Neben dieser wachsenden Betätigung auf dem Gebiet physischer Arbeit geht Hand in Hand die weibliche Invasion in die geistigen Berufe. Es gibt jetzt 1788 weibliche Advokaten, Richter und Polizeirichter, 1787 Pastorinnen, 14.617 Artistinnen, 7219 Aerztinnen, 1829 weibliche Dentisten, 1117 Architekten, 41 Ingenieure. In den Vereinigten Staaten sind nicht weniger als 8 1/2 Millionen Frauen in Anstellungen und von 678 angeführten Berufen gibt es bloß 33, also eine fürstliche kleine Zahl, die noch keine weiblichen Anwärter aufweisen.

 

Heiter auch in ernster Zeit

Der ehemalige Burgtheaterdirektor meint, dass er lustig sei - wir müssen ihn enttäuschen.

Neue Freie Presse am 24. Jänner 1923

Gelegentlich der antisemitischen Heerschau, die am Sonntag in und vor dem Wiener Rathause abgehalten wurde, sind verschieden abgetakelte Größen und Kleinheiten aus der Versenkung aufgetaucht und haben sich der begeisterten Zuhörerschar als Volks- und Gesellschaftsretter präsentiert. Zu ihnen zählte auch der ehemalige Burgtheaterdirektor Hofrat Millenkovich, der sich seit jeher ge­wohnheitsmäßig präsentiert, gleichviel ob es gilt, das Bundestheater oder aber den Bundesstaat einzurenken. Der Herr Hofrat hat an der von alters her ungemein beliebten Volks­belustigung, die Juden als Watschenmann zu benützen, hervor­ragenden Anteil genommen.

Bei diesem Anlass erfuhren Leute, die sich für die Biographie des Herrn Millenkovich interessieren, daß diesem augenscheinlich in aller Stille ein Berufswechsel als angemessen und wohltätig erschienen ist. Seit­ dem er als Burgtheaterdirektor so gründlich abgewirtschaftet hat, gründlicher als irgendeiner seiner Vorgänger, seitdem er als Ästhetiker mit dem vor ihm patentierten „christlich-germanischen Schönheitsideal" Konkurs angesagt hat, ist er unter die Ethnographen gegangen. Er debütierte in der Volkshalle des Rathauses mit einer Vorlesung über die Kulturverhältnisse der verschiedenen Völker. Besonders scharf hatte es der Herr Hofrat auf die Fidschiinsulaner abgesehen.

Ihnen galt ein wohl gezielter Pfitschipfeilschuß, an dem jeder Wiener Gassen­junge seine herzliche Freude haben mußte. Die Fidschiinsulaner, verkündete Herr Millenkovich als Ergebnis seiner einschlägigen, tiefgründigen Studien, stünden den Juden viel näher als die Deutschen. Der Gelehrte beabsichtigte damit sicherlich den Fidschiinsulanern keine Freundlichkeit zu sagen, da er, wie aus seinen sonstigen Ausführungen mit voller Deutlichkeit hervorging, für die Juden desgleichen nicht allzu herzliche Gefühle übrig hat.

Von den Fidschiinsulanern weiß nämlich das Konversations­lexikon zu erzählen, daß sie die blutgierigsten Kannibalen seien. Menschenfresser aus reiner Genußsucht. Hingegen geht das zitierte Quellenwerk keineswegs so weit, sie etwa der argen Geschmacklosigkeit zu bezeichnen, daß ihre fidschiinsularen Mäzen auch etwa jenem unverdaulichen Opernlibretto gewachsen seien, das wir Herrn Millenkovich vor der jämmer­lichen Burgtheaterdirektionsepisode seines Lebens verdankten.

Nach seinem tropischen Ausflug kehrte aber Herr Millenkovich wieder in die heimatlichen Gefilde zurück und setzte sich mit den Juden und deren Moralbegriffen auseinander. Dem Herrn Hofrat bangt es für seine Sitten, seine Moral und seine Bildung. Um sie ungeschmälert zu erhalten, weiß er nur ein einziges Mittel, nämlich den Numerus Clausus, der aus olle Gebiete des öffentlichen Lebens unseres Bundesstaates ausgedehnt werden müsse. Herr Millenkovich hat unter andern ein Operntextbuch versaßt, das den Titel der „Bundschuh" führt. Neben diesem Bundschuh steht in seiner weitläufigen Gesinnungsauslage der großmächtige Bundesstiefel, den am vergangenen Sonntag zusammengeredet hat.

 

Unfall des Kammersängers Leo Slezak bei einer Opernvorstellung

Kammersänger Leo Slezak trug zum Glück einen Helm. Ohne diesen hätte er sich zweifellos eine schwere Kopfverletzung zugezogen.

Neue Freie Presse am 23. Jänner 1923

Aus Graz meldet unser Korrespondent: Kammersänger Leo Slezak ist heute bei seinem Auftreten als Rhadames in "Alba" ein Unfall passiert, der, so bedenklich er aussah, mit einer verhältnismäßig geringfügigen Verletzung des Künstlers am Schienbein endete.

Im Finale des vierten Bildes (zweiter Akt) erscheint der Feldherr Rhadames mit dem Siegeszeichen im Prunkwagen auf der Bühne. Plötzlich ein Ruck. Der Wagen neigt sich und der Gewaltige stürzt nach vorn, ein unerwarteter Anblick für die Kenner der Oper, die in Sorge um den Künstler beunruhigt sind. Der Vorhang fällt. Theaterdirektor Grafenberg erscheint nach einer kurzen Pause an der Rampe und teilt dem Publikum mit, daß der gefeierte Gast durch das Versagen des Wagens einen Unfall erlitten hat, glücklicherweise aber so glimpflich, daß er seine Rolle weitersingen könne.

Die allgemeine Beklemmung, die zuerst geherrscht hatte, weicht stürmischem Beifall. Wie man später erfuhr, wurde der Unfall dadurch veranlaßt, daß der vordere Teil des Wagens sich losgelöst hatte. Die Lenkstange, die von zwei Personen gezogen wurde, fiel heraus, der Wagen mit dem siegreichen Feldherren neigte sich zur Seite, Rhadames-Slezak trug zum Glück einen Helm.

Der Künstler stieß, von der Brüstung des Wagens fallend, mit dem Schnabel des Helms auf die Lenkstange. So ward der Helm seine Rettung. Ohne diesen hätte er sich zweifellos eine schwere Kopfverletzung zugezogen. Kammersänger Slezak wurde lebhaft beglückwünscht. Außer einer leichten Schienbeinverletzung ist er heil davongekommen. 

 

Eine moderne Entführungsgeschichte

Eine Bedauernswerte saß zwischen zwei Stühlen. Einem Wiener Stuhl und einem türkischen.

Neue Freie Presse am 22. Jänner 1933

Es war bei einem Tanztee in einem vornehmen Wiener Hotel. Die Geigen jauchzten, das Schlagwerk schmetterte, das Banjo winselte, Danny Gürtler, der selige König der Bohème, hätte es nicht nötig gehabt, sein "Stimmung! Stimmung!" in den Saal zu rufen. Stimmung war entschieden vorhanden. Die Paare drehten sich im Tanz. So hätte man wenigstens in der entschwundenen Walzerzeit gesagt. In der Gegenwart treten sie einander hingebungsvoll auf die Füße. In diesem Milieu hat Leo Hilde kennen gelernt. Leo war ein waschechter Türke, der Geschäfte halber in unsere Stadt gekommen war. Hut ab vor ihm! Die Fremdenverkehrskommission sehnt sich nach Männern seines Schlages und verzeichnet sie in ihren Statistiken mit einem Respekt, der früher einmal höchstens reißenden Souveränen gezollt wurde. Aber Geschäfte machen allein den Menschen nicht glücklich. Das sah Leo ein und suchte etwas anderes. Da fand er Hilde.

Hilde war das, was man im vergangenen Jahrhundert eine unverstandene Frau genannt hätte. Trost- und anlehnungsbedürftig, dankbar einem jeden, der sie hinausführen wollte aus dem öden Einerlei ihrer Ehe. Und das hat Leo getan. Hildens Gatte scheint aber eine Philosoph zu sein, kein Anhänger des höchst unmodernen "tue-la!" Auch kein Prozeßhandel. Er bemühte nicht den Strafrichter, sondern wollte nur, daß seine Ehe getrennt werde. Ueber die Ehescheidungsklage ist noch nicht entschieden. Ihr Ausgang ist freilich leicht zu prophezeien. Hilde verlebte unterdessen neue Flitterwochen. Zuerst in Ostende und dann am Bosporus. Schade, jammerschade, daß Leo ein wenig wankelmütig zu sein scheint! Er kaufte eine Fahrkarte, brachte Hilde auch zur Bahn und versah sie mit Reisegeld und Abschiedswinken. Jetzt saß die Bedauernswerte zwischen zwei Stühlen. Einem Wiener Stuhl und einem türkischen.

Aber Hilde zählt nicht zu den Sentimentalen. Unter ihrer legitimen Ehe hat sie einen Strich gemacht. Nicht so über das Ehesurrogat mit Leo. Den klagte sie auf Schadenersatz. Aber nicht etwa wegen Verführung unter Zusage der Ehe, wie dies landläufig ist. Leo scheint nämlich ein vorsichtiger Mann zu sein. Das Wort Ehe hat er wohlweislich nicht in den Mund genommen. Aber wozu kennt unser betagtes Strafgesetz so etwas wie einen Entführungsparagraphen? "Wer eine verheiratete Frauenperson, obgleich mit ihrem Willen, dem Ehegatten entführt..." Hoch der Paragraph 96! Und Hilde sagte: "So eine Frauenperson bin ich!" Und verlangte Schadenersatz wegen Entführung.

Sie hat bei Gericht unrecht behalten. Sowohl beim Strafrichter wie beim Zivilgericht. Wahrscheinlich haben die österreichischen Richter ganz allgemein ihre eigene Ansicht über das Zeitgemäße des Entführungsparagraphen. Wir denken über Rechte und Pflichten von verheirateten Frauenspersonen ein wenig anders, als dies vor hundert Jahren und mehr der Fall gewesen ist. Hilde speziell aber wurde darüber belehrt, daß sich höchstens ihr Gatte durch diese merkwürdige Entführung geschädigt erachten könne. Nicht aber sie selbst, bei der ja keine Gewalt nötig gewesen war, sondern die höchst willig mit Leo gegangen ist.

 

Zigarrenrauchen als Scheidungsgrund

Die Frau war der Forderung ihres Mannes, “diesen exzentrischen Sport einzustellen”, in keiner Weise nachgekommen.

Neue Freie Presse am 21. Jänner 1933

Aus Paris wird uns geschrieben: Ein Pariser Ehegatte hatte seiner Frau mancherlei vorzuwerfen und war entschlossen, um Scheidung anzusuchen. Er übergab seinem Anwalt eine ganze Liste von Uebergriffen, die sich seine Gemahlin erlaubt hatte, und stellte in dieser Anklageschrift unter anderm auch fest, daß seine Gattin Zigarrenraucherin sei und seiner Forderung, diesen exzentrischen Sport einzustellen, in keiner Weise nachkommen wolle.

Sie rauche nicht nur zu Hause, sondern auch in Gesellschaft, und da seine Freunde und Bekannten genau wußten, daß er ihr das Rauchen unzählige Male verboten habe, bilde diese offene Auflehnung zweifellos eine Herabsetzung seiner Autorität. Bei der Scheidungsverhandlung vor dem Zivilgericht an der Seine spielte sich zwischen den beiden Anwälten ein erbitterter Kampf ab. "Wenn eine Dame Zigarren raucht, zieht sie ihre Frauenehre in den Schmutz!" rief der Klagevertreter.

"Millionen Frauen rauchen Zigaretten und die ganze Welt findet dies selbstverständlich. Man kann über das Rauchen im Prinzip entscheiden, nicht aber über die Bagatelle, ob es eine Zigarre oder eine Zigarette ist, die geraucht wird..." Das Zivilgericht an der Seine sprach die Scheidung der Ehegatten aus, indem er die Frau als den schuldigen Teil erklärte. Dies zur Warnung für alle Zigarrenraucherinnen ...

 

Der Missbrauch des Sieges

David Lloyd-George, der frühere Premierminister von Großbritannien, schreibt über die französische Aktion gegen Deutschland.

Neue Freie Presse am 20. Jänner 1923

Frankreich ist wieder einmal auf den niedergebrochenen Körper Deutschlands losgesprungen und hat mit einem Stoß seine Absätze in ihm getreten, was zu beiden Seiten des Atlantischen Ozeans Tausende Herzen mit Abscheu erfüllen wird, deren Freundschaft für Frankreich die Verluste und Prüfungen eines vierjährigen Krieges überdauert hat. Da Deutschland durch die äußerste Anspannung der vereinten Kräfte Amerikas, Italiens, des ganzen britischen Reiches und Frankreichs nach einem gewaltigen Ringen überwunden und entwaffnet wurde und da ihm die arme durch die Ketten eines harten Vertrages gebunden sind, kann der Spaß, auf ihm herumzustampfen, jetzt immer wieder von jeder einzelnen Macht ungestraft ausgeführt werden.

Dieses Schauspiel, so oft es auch wiederholt wird, bereitet denen große Befriedigung, die den billigen Genuß lieben, sich für vergangene Unbill zu rächen. Ohne Zweifel ist es ein Vergnügen für unsportmännische Gemüter, einen hilflosen Riesen zu treten, der sie einmal mißhandelt hat und dies ohne Hilfe mächtiger Nachbarn wiederum getan hätte. Aber was soll dabei für Frankreich und seine überlasteten Alliierten herauskommen? Die Kohlen und das Holz, die den Deutschen nun noch über das bisherige Maß abgepreßt werden sollen, dürften kaum die Kosten der Einbringung decken. Wenn auch Deutschland vorderhand die Mehrkosten trägt, so müssen die Auslagen dieser Strafmaßnahmen am Ende die Reperationssumme vermindern, also doch auf die Sieger selbst fallen. (...)

Als die französischen Truppen gegen Essen auszogen, begannen sie damit ein in seinen Wirkungen wahrscheinlich höchst unheilvolles Unternehmen, eines der unheilvollsten das Europa seit vielen Jahrhunderten gesehen hat. Und dabei ist das dasselbe Volk, das nach 50 Jahren geduldigen Wartens im Jahre 1918 der Welt klar gemacht hat, wie töricht es war, den Sieg von 1870 zu mißbrauchen. Wenn der Lehrer seine eigenen Lehrsätze so schnell vergißt, wird der Schüler sich ihrer schwerlich erinnern, wenn die rasende Wut einst die Kräfte der Gewalt zu überwinden vermag.

Heute vor 100 Jahren: Der weibliche Mohr, der gehen kann

Es droht eine Falltür geöffnet zu werden, durch die man das unerwünschte Frauenelement in den Staatsämtern sachte und unauffällig verschwinden lassen will.

Neue Freie Presse am 19. Jänner 1923

Der Gesetzgeber greift mit rauher Hand in die Idylle zarter Beziehungen, die sich etwa zwischen Amtskollegen verschiedenen Geschlechts anknüpfen könnten. Eine weibliche Bundesangestellte wird es sich künftighin zweimal und dreimal überlegen, ob sie einem Staatsbeamten zum Traualtar folgen soll. Dazu gehört nämlich ein gehöriges Stück Hintansetzung materieller Interessen. Die Betreffende muß sich darüber im klaren sein, daß sie als Witwe vor die Wahl gestellt sein wird; entweder Witwenpension oder Austritt aus dem Staatsdienst.

Wenn sie einen Privatbeamten heiratet, dann hat niemand etwas dagegen, falls sie nach dessen Tod weiter ins Amt geht und ihre Witwenbezüge durch das ergänzt, was sie eigener Arbeit verdankt. Ein Doppelbezug aus der Staatskasse soll jedoch vermieden werden, und darum scheut das neue Abbaugesetz vor dem naheliegenden Vorwurf nicht zurück, daß höchstes Recht gelegentlich höchste Ungerechtigkeit in sich schließt, und belegt die weiblichen Bundesangestellten mit einem wenigstens teilweisen Eheverbot. Denn auf das Verbot von Ehen zwischen Staatsbeamten läuft praktisch in letzter Linie jene strenge Bestimmung hinaus, und der Verdacht läßt sich nicht gänzlich von der Hand weisen, daß auch hier eine Falltür geöffnet wird, durch die man das unerwünschte Frauenelement in den Staatsämtern sachte und unauffällig verschwinden lassen will.

Die Frau in öffentlichen Diensten kann das Fiasko zitieren: Die Mohrin hat ihre Schuldigkeit getan. Sie kann gehen. Die Zeiten, in denen dem weiblichen Heroismus nicht genug duftige Lorbeerkränze gewunden werden konnten, und die Frau, die sich allüberall resolut zur Verfügung stellte und mit bewunderungswürdiger Anpassungsfähigkeit den Dienst des einberufenen Mannes versah, in allen Tonarten gepriesen wurde, sind gründlich vorüber. Dafür ist sie zur unbequemen und lästigen Konkurrentin des Heimkehrers geworden, und allgemach ist sie wieder verdrängt. Es ist eine raschlebige Zeit. Wir brauchen im Kalender wirklich nicht allzuweit zurückzublättern, um zu Tagen zu gelangen, in denen ein männlicher Schaffner auf der Straßenbahn, ein Markör im Kaffeehaus geradezu Seltenheitswert besaßen. Aber seither hat wieder allüberall die Vermännlichung Platz gegriffen. Auch die Aemter und Bureaux der staatlichen Verwaltung sind durchaus kein sicheres Asyl für das weibliche Element.

Die erwähnte Bestimmung des neuen Abbaugesetzes wird das ihre dazu beitragen, um den Gegnern der Frau im Amt zu Hilfe zu kommen und ihren zähen Kampf zu erleichtern. Ein Kampf übrigens, der allerorten ausgetragen wird. In Frankreich desgleichen, wo "La petite fonctionnaire" sich der frauenfeindlichen und höchst ungalanten Beschlüsse des Senates kaum zu erwehren vermag, und in Italien, wo südländischer Temperamentsüberschuß gelegentlich ganz einfach die Schreibtische mißliebiger weiblicher Amtskolleginnen demoliert und den Inhalt der Tintenfässer auf sie ausgegossen hat.

 

Im Automobil durch die Sahara

Ein triumphaler Einzug der Franzosen in Timbuktu.

Neue Freie Presse am 18. Jänner 1923

Die Durch­querung der Sahara, die Franzosen in fünf Autos unternahmen, und, wie wir kürzlich meldeten, durch die Ankunft in Timonktu zu Ende geführt hatten, hat in der ganzen Welt großes Aufsehen erregt.

Von Algier nach Tuggurt, nach Inisel, dann über Insalah, nach Burem am Niger und schließlich nach Timbuktu war die Reise gegangen, nach Timbuktu, das vor 29 Jahren zum ersten­mal eine kleine französische Militärabteilung betrat. Bis dahin war die Stadt von den feindseligen Tuaregs beherrscht.

 Nach einem scharfen Marsch von Segu hatte der Marinefähnrich Aube im Dezember 1893 dieses Gebiet erreicht. Die Gefahr dieser Heldentat beweist die Tatsache, daß ihm der Großteil seiner kleinen Abteilung kurz nachher getötet worden ist, während Oberst Bonnier, der den Kameraden zu Hilfe eilte, von den Tuaregs überrascht und mit dem größten Teil seiner Gefolgschaft niedergemacht wurde. Die Hilfe brachte den in der Stadt eingeschlossenen Franzosen eine von Joffre geführte Truppe. Joffre, der heute Marschall von Frankreich ist, hatte Timbuktu am 12. Februar 1894 erreicht, ohne den Verlust auch nur eines einzigen Mannes.

 Auch die heutige Expedition, berichtet der Pariser „Times"-Korrespondent, hatte es zuwege gebracht, das weite „Land des Durstes" ohne nennenswerte Schwierigkeiten zu durchqueren und dank einer glänzenden Organisation gesund und frisch an ihrem Endziel anzukommen. M. Eastelnau war in

seinem Automobil der Kolonne vorausgefahren, um sie im kleinen Fort von Burem zu erwarten. Der Staub, den sein Wagen aufgewirbelt hatte, hatte sich schon längst verzogen und doch war weit und breit von den übrigen kein Zeichen bemerkbar. Die Nacht brach ein, er fühlte sich auf diesem verlassenen Flecken, der einige hundert Meilen von Timbuktu entfernt liegt, recht ver­einsamt. Mit großer Sorge wartete er auf die anderen Mitglieder der Expedition. Plötzlich zuckte ein weißes Licht weit am Horizont auf. Es wurde größer, leuchtete wie ein Stern aus der großen Sandwüste auf.

Ein zweiter Stern, ein dritter und dann noch ein anderer tauchte aus dem Dunkel auf. Eastelnau verließ seinen Beobachtungsplatz, und so rasch waren die Automobile, daß sie mit ihm zu gleicher Zeit an den Eingang des Forts kamen. Die Herren waren in bester Laune. Sie hatten sich mit der Jagd auf Antilopen amüsiert, die sie aufgestöbert. Das erklärte die Ver­zögerung. Aber im Behälter führten sie noch etwas von dem Wasser mit, das sie in Tuggurt ausgenommen – vor zwanzig Tagen und zwanzig Nächten.

Triumphal gestaltete sich der Einzug in Timbuktu. Und diese Szene erinnert an den Einzug auch eines Franzosen, der etwa ein Jahrhundert zurückliegt und sich so ganz anders gestaltet hat.

 

Werden Burg und Oper verpachtet?

Die Verfassung der Bundestheater steht an Kompliziertheit jener des Bundes­staates nicht im Geringsten nach.

Neue Freie Presse am 17. Jänner 1923

Ob wir die beiden Staatstheater erhalten werden, ist keineswegs über alle Zweifel erhaben. Dementis sind billig wie die Brombeeren, pflegte man früher einmal zu sagen. Zu einer Zeit, als die Obstpreise um ein Bedeutendes weniger respekteinflößend waren. Es wird natürlich mit sympathischer Entschiedenheit dementiert, daß Burg und Oper verpachtet werden sollen, daß ausländische oder einheimische Kunstspekulanten um ein Linsengericht das Recht der Erstgeburt in österreichischen Kunstdingen erschachern werden.

Gut und schön! Rüsten wir uns also mit der gehörigen Portion Mißtrauen, aber lassen wir die Hoffnung nicht im Vorhinein fahren, daß bis aus weiteres wenigstens Burg und Oper un­geschmälert im Besitz der Gesamtheit bleiben. Viel zweifelloser als das Schicksal der beiden Staatstheater ist aber jedenfalls jenes der Staatstheaterverwaltung. Die wird bekanntlich abgebaut; aber vorderhand besteht der Abbau darin, daß ein Hofrat endgültig mit der Geschäfts­führung der Staatstheaterintendanz betraut wird.

Endgültige Etablierung eines Provisoriums, das darauf abzielt, die Staatstheaterverwaltung zum ausführenden Organ eines Studienkomitees zu machen. Dunkel ist der Rede Sinn! Das Studien­komitee soll nachdenken. Das Studienkomitee soll sich den Kopf darüber zerbrechen, wie dem Burgtheater und der Oper künst­lerisch und materiell geholfen werden kann. Naivlinge haben allerdings geglaubt, daß zu solcher Anstrengung, wenigstens was den ersten Punkt anlangt, die Bestellung zum Direktor ver­pflichtet. Aber augenscheinlich will man diele Herren nicht über­mäßig in Anspruch nehmen. Auch soll es vorkommen, daß der eine oder der andere von ihnen längere Zeit fern von Madrid weilt, was eine unliebsame Unterbrechung seiner Gedanken­arbeit zum Nutz und Frommen des ihm anvertrauten Instituts bedeutet. Dazu hat man dann das Studienkomitee, das sich aber selbstverständlich keinerlei Einbruch in die Machtsphäre der Direktoren zu Schulden kommen lassen darf.

An der Spitze dieses Komitees steht aber der bisherige Bundestheaterpräsident, der ja in der letzten Zeit reichlich Gelegenheit hatte, sich im Umgang mit Direktoren zu üben. Ganz selbständig davon werden wir uns des ferneren in Hinkunft eines „endgültig provisorischen" Geschäftsführers der Intendanz erfreuen, und dann wird es noch einen Bundestheater­beirat geben, der den bisherigen Präsidenten zu beraten hat und vielleicht mit dem Studien- und Saniernngskomitee identisch ist. Wie man sieht, steht die Verfassung der Bundestheater an Ver­worrenheit, an Kompliziertheit, in reichlicher Gelegenheit zu Kompetenzkonflikten aller Art der Verfassung des Bundes­staates nicht im Geringsten nach.

Das eine steht jedoch fest: die Großmachts- und Großmannsallüren können wir uns einmal trotz aller guten Vorsätze, trotz aller Sanierungsprogramme nicht abgewöhnen. Was sollte man auch mit den herrlichen Salons in dem Intendanzgebäude in der Bräunerstraße anfangen und was mit den nicht abgebauten Hofräten, wenn wir uns die schöne Gelegenheit entgehen ließen, statt einer Behörde, die im Orkus des Abbaues verschwindet, womöglich ihrer zwei aus dem Boden zu stampfen.

 

Der Einmarsch der Franzosen in Bochum

Ein schwerer Zusammenstoß mit französischem Militär.

Neue Freie Presse am 16. Jänner 1923

Bochum ist um 12 Uhr durch starke Kavallerieabteilungen mit zahlreichen Panzerautos besetzt worden, nachdem zuvor der Hauptbahnhof von französischen Truppen gesperrt worden war. Während die Truppen einmarschierten, fand im Rathause eine außerordentliche Sitzung der städtischen Körperschaften statt, in der feierlich Protest gegen die Besetzung durch die französischen Truppen eingelegt und die Franzosen für alle Schäden, die die Bevölkerung erleidet, verantwortlich gemacht wurden.

Später erschien der kommandierende General Le France mit seinem Stab im Rathause. Er erklärte, daß die Stadt Bochum von französischen Truppen auf Befehl des kommandierenden Generals der Rheinarmee besetzt sei und daß einige Gebäude der Stadt, vor allem der Hauptbahnhof, das Hauptpost- und Telegraphenamt, das Gebäude des Benzolverbandes und das Eisenbahnbetriebsamt, mit Truppen belegt werden. Ein Regiment werde in Bochum bleiben. Der Oberbürgermeister protestierte gegen die Besetzung und erklärte, daß er nur der Gewalt weiche.

Die Besetzung der Bahnhöfe und der übrigen Gebäude ist ohne Zwischenfall erfolgt. An den Hauptpunkten der Stadt sind Wachen aufgestellt, doch ist der Verkehr unbehindert und die Straßen zeigen im allgemeinen das gewohnte Bild. Gegen 8 Uhr abends kam es auf dem Bahnhof zu einem Zusammenstoß einer demonstrierenden Menge mit französischem Militär, das scharf schoß. Ein Mann wurde getötet, mehrere verwundet.

Zur selben Zeit wie Bochum ist die Stadt Witten an der Ruhr von französischen Truppen besetzt worden. Von hier aus marschiert eine Kavallerieabteilung in der Richtung nach Wetter an der Ruhr weiter. Für morgen früh wird mit der Besetzung von Dortmund gerechnet. Die französischen Truppen gehen in drei Staffeln vor. Die südliche Staffel, die das Ruhrtal durchzog, besetzte Witten, die mittlere Bochum und die nördliche Staffel marschiert den Dortmund-Kanal entlang.

 

Was Astronomen zu sagen haben

Wien ist die erste und einzige Stadt der ganzen Welt, in der sich jeden Sommer viele Tausende von Himmelsfreunden aller Stände und jeden Alters draußen unter dem nächtlichen Sternenhimmel lernbegierig versammeln.

Neue Freie Presse am 15. Jänner 1923

Vor einigen Tagen hielten unter dem Vorsitz des Hofrates Dr. Ludwig Altmann die Wiener Astronomen eine Sitzung ab. Sie fand im Rahmen des hiesigen Astronomischen Vereines statt. Es ist dies der von den Wiener Berufsastronomen geleitete Sammelpunkt der Liebhaberastronomen.

Veranlassung dazu bot die durch den Rücktritt des Professors Thomas von der Leistung der „Urania"-Sternwarte geschaffene Lage. Nach der von Hofrat Palisa und Professor Oppenheim eingeleiteten Aussprache faßten die versammelten Liebhaber- und Berufsastronomen, unter ihnen acht Mitglieder der großen Internationalen Astronomischen Gesellschaft, wie Dr. Rheden, Präsident König, Ingenieur Salori, Dr. Bernheimer usw., dann Mitglieder der vom Gründer der Berliner „Urania" Geheimrat Förster ins Leben gerufenen deutschen Vereinigung von Freunden der Astronomie und kosmischen Physik, einstimmig die Resolution, die die weitere Fortführung der „Urania"-Sternwarte und deren volksbildnerischen Aufgaben wieder unter der Leitung von Professor Thomas fordert, der das Institut fast acht Jahre lang mit wachsendem Erfolg geleitet hat.

Die Resolution erfolgte nach einem eingehenden Referate des Schiffsbauinspektors Ingenieurs Kolbow, an den sich zahlreiche Freunde der „Urania"-Sternwarte mit dem Ersuchen um Intervention wandten. Wien ist die erste und einzige Stadt der ganzen Welt, in der sich jeden Sommer viele Tausende von Himmelsfreunden aller Stände und jeden Alters draußen unter dem nächtlichen Sternenhimmel lernbegierig versammeln.

Die „Urania“-Sternwarte ist nicht nur eine Angelegenheit der „Urania"-Direktion, sie ist eine wichtige Angelegenheit der gesamten Wiener Volksbildung überhaupt. Alle ihre Besucher haben Interesse an der Belastung der Leitung in den Händen ihres bisherigen Lehrers und es begegnen sich gewiß die Wünsche vieler Freunde unserer einzigen österreichischen Volkssternwarte mit denen der Wiener Fachastronomen.

 

Die Wiederkehr der Hausbälle

Zwei Zimmer werden leergeräumt und der Ballsaal ist fertig.

Neue Freie Presse am 14. Jänner 1923

In den idyllischen Zeiten, als der Großvater die Großmutter nahm, spielten die Hausbälle im Wiener Fasching eine wichtige Rolle. Bevor die kaum flügge gewordenen jungen Mäderln aus den Bürgersfamilien die großen öffentlichen Bälle besuchen durften, mußten sie sich als Ballnovizen einen oder zwei Winter lang mit Hausbällen begnügen und die jungen Herren und galanten Tänzer, die gerne die Blasierten spielten, rümpften die Nase über das häusliche "Lämmerhüpfen", tanzten aber dennoch in seligen Rhythmen mit der Mizzerl und der Annerl einen Walzer und eine Polka und labten sich an den Herrlichkeiten des Büfetts, die hauptsächlich aus Butterbrot und Würsteln bestanden.

Wenn auch diese idyllischen Zeiten nicht wiederkommen, so ist dennoch den Hausbällen im heurigen Fasching eine fröhliche Auferstehung beschieden. Die Kosten der großen Veranstaltungen sind so ungeheuerlich und die Unterhaltung ist bei diesen für ein Massenpublikum berechneten Bällen so problematisch geworden, daß man der intimen Gemütlichkeit eines Hausballes vielfach den Vorzug gibt. Auch ist die Toilettenfrage für eine kleine improvisierte Tanzunterhaltung leichter zu lösen, als für einen offiziellen Ball.

Zwei Zimmer werden leergeräumt und der Ballsaal ist fertig. Das Büfett ist meistens das gemeinsame Werk aller Ballteilnehmer, da sich die liebenswürdige Sitte des Picknicks eingebürgert hat, zu dem jeder etwas beisteuert: der eine die Würstel, die andere den Wein, der Dritte den Käse, die Vierte die Bäckerei. Nur die Blumen, die es auf den Hausbällen des alten Wien in Hülle und Fülle gab, sind heuer meistens ein unerschwinglicher Luxus.

 

Schach dem Geburtenrückgang

Ein internationales Problem scheut auch nicht vor Österreich zurück.

Neue Freie Presse am 13. Jänner 1923

Ein internationales Problem, das mit ehernem, unheilverkündendem Knöchel an alle Pforten pocht, scheut natürlich auch nicht vor der niedrigen österreichischen Tür zurück. Das ist der Geburtenrückgang, beinahe der Punkt, von dem uns alles Ach und Weh der gepeinigten Gegenwartsmenschen oder wenigstens dessen größter Teil von Grund aus zu kurieren wäre. Weil der Geburtenrückgang in Frankreich ein noch viel krasserer und unaufhaltsamerer ist als in Deutschland, verwahrt sich der Chauvinismus entrüstet gegen die Zumutung, an den ehrlichen Friedenswillen des deutschen Volkes für eine ferne Zukunft zu glauben.

Aber auch in Deutschland selbst und ebensowenig in Oesterreich können die einschlägigen Verhältnisse als gesund und normal bezeichnet werden. Der Nachwuchs an Personen im Kindesalter entspricht durchaus nicht den statistischen Gesetzen. Der Bundespräsident hat in dankenswerter Weise den Anstoß dazu gegeben, daß diese Frage zunächst wenigstens theoretisch in ernste Erwägung gezogen werde. Dr. Hainisch ist mitten im Krieg für eine gesunde und zielbewußte Bevölkerungspolitik in Rede und Schrift energisch eingetreten. Als in der parlamentarischen Zeit in Wien ein Kulturparlament zusammentrat, die deutsch-österreichische Tagung für Volkswohlfahrt, war unser gegenwärtiges Staatsoberhaupt der Referent über die Frage des Geburtenrückganges. Mit einer gewissen bitteren Selbstironie liest man heute nach, daß auch Dr. Hainisch damals der kompakten Mehrheit jener Idealisten zuzählte, die von dem Kriege eine Umwertung aller Werte erhofften und der Ueberzeugung waren, daß das Eingreifen sittlicher Mächte dem Ueberwuchern egoistischer Lebensauffassungen ein Ziel setzen würde.

In der Aussprache, die heute beim Bundespräsidenten stattgefunden hatte, mußte jedoch leider konstatiert werden, daß sich die Verhältnisse nicht wesentlich gebessert haben. Nur vereinzelt sind die Anzeichen der wiederkehrenden Besinnung, die Vorboten der Wiederaufrichtung. Als solche nannte der Referent die Geburtenvermehrung und die zunehmende Heiratslust auf dem flachen Lande. Soll damit die Stadt als das unbußfertige Sodom, als das unbekehrte Gomorrha gebrandmarkt werden, so liegt darin ein bitteres Unrecht. Wenn uns der große Heimstättenerbauer, der Wiener Baumeister Solneß erstünde, so wäre damit wahrscheinlich für die Hebung des Familiensinnes mehr getan, als etwa durch die Junggesellenabenteuer, die schon damals nicht recht zum Ziele führte, als die "Lex Pappia Popea" hieß, und den römischen Cäsaren als der Weisheit letzter Schluß erschien. Der Vortragende fand sich im übrigen mit den Forderungen zusammen, die kürzlich die Proponenten eines neugegründeten Vereines, des "Bundes der Kinderreichen", aufgestellt hatten. In der letzten Zeit ist die französische Gesetzgebung vor allem bemüht, den Vätern und Erhaltern kinderreicher Familien gesteigerte Berücksichtigung ihrer materiellen Interessen zu gewährleisten.

In der Konferenz bei Dr. Hainisch wurde des weiteren angedeutet, daß einem mehrfachen Vater auch eine Art Pluralitätswahlrecht zugestanden werden soll. Ob dadurch die Geburtenscheu wirksam bekämpft werden kann, bleibe zunächst dahingestellt. Jedenfalls ist die Wortbildung "Geburtenscheu" durchaus verfehlt und nichts weniger als deutsch. Geburtenscheu ist höchstens die Scheu, geboren zu werden, aber nicht jene zu gebären und Kinder zu bekommen. Das Neuerstarken merkantilistischer Gedanken ist eine typische Nachkriegserscheinung, eine begreifliche Reaktion gegen die Kriegsutopie etwa, lebensunfähigen Individuen und solchen, die ein gewisses Alter überschritten hatten, die Türen ins Jenseits aufzustoßen. Nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges hat ein fränkischer Kreisrat den Beschluß gefaßt: "jedem Mannßpersonen solle erlaubt sein, zwei Weiber zu heyrathen", und einige Dezennien später hat der französische Finanzminister Colbert jedem Hausvater, der aus rechtmäßiger Ehe zehn lebende Kinder habe, die lebenslängliche Steuerfreiheit garantiert. Den Einfluß der Seele, des Gemüts und der Sitte zugegeben, in erster Linie werden es doch die wirtschaftlichen Verhältnisse sein, von deren gründlichen Besserung sich der Menschenfreund auch in diesem Punkte eine Regenerierung der Menschheit erhoffen darf.

 

Die Besetzung von Essen

Ein britisches Blatt schreibt von einem "Verbrechen am Frieden".

Neue Freie Presse am 12. Jänner 1923

Die Besetzung von Essen ist heute im Laufe des Nachmittags erfolgt und die Vorrückung der Franzosen ins Ruhrgebiet geschieht in vollkommen kriegerischer Art und in einer Ausrüstung mit Artillerie und mit Tanks, als würde es sich um einen wirklichen Feldzug und nicht um einen Zug gegen waffenlose Industriestädte handeln. Schon wird auch davon gesprochen, daß die Aktion noch weiter ausgedehnt werden soll, und durch die Besetzung des ganzen Ruhrlandes Deutschland dafür zu strafen, daß das Kohlensyndikat rechtzeitig seinen Sitz in das Innere Deutschlands verlegt hat und daß dadurch die Arbeit der französischen Kontrollkommission wesentlich erschwert und verzögert wird.

Die erste Folge des Einmarsches zeigt jedenfalls wie wenig stichhältig die Pariser Erklärungen sind, daß nur eine wirtschaftliche Aktion vorgenommen werde, denn diese ersten Folgen bedeuten bereits eine schwere Belastung der Bevölkerung, die mit der wirtschaftlichen Kontrolle gewiß nichts zu tun hat. Die erste Folge ist nämlich die Schließung einer großen Anzahl von Schulen, die von den Franzosen zur Unterbringung ihrer Soldaten beschlagnahmt worden sind. Es gibt wohl keine Maßnahme, die geeigneter wäre, in Deutschland die Erbitterung zu steigern und die Demütigung aufs deutlichste fühlen zu lassen, als dieses Hinausstoßen der Kinder aus den Schulgebäuden und die Besitzergreifung durch die feindlichen Soldaten.

Die Reichsregierung, die gestern durch den Mund des Kanzlers noch einmal ihren Standpunkt dargelegt und erklärt hatte, wie sehr sie bereit gewesen war, das weiteste Entgegenkommen zu beweisen, hat heute einen Aufruf an das deutsche Volk erlassen, der in einem Appell an die Ruhrdeutschen ausklingt und ganz Deutschland für den nächsten Sonntag zu einer stillen Demonstration gegen die neue Gewalttat aufruft.

Die Rede, die Poincaré heute in der Kammer gehalten hat, besteht zum großen Teil in einem polemischen Vergleich der auf der Pariser Konferenz vorgelegten Reparationspläne. Der englische Plan, erklärt der Ministerpräsident, wäre gleichbedeutend mit der Aufhebung des Versailler Vertrages. Die Sonderaktion bedeute jedoch nicht ein Abgehen von der Entente, die dadurch nicht berührt werde, daß jeder Teil in gewissen Fällen volle Handlungsfreiheit erhält. In London hat heute die angekündigte Sitzung des Kabinetts stattgefunden und es wurde der Beschluß gefaßt, angesichts des französischen Vormarsches ins Ruhrgebiet nichts zu unternehmen. Die englischen Truppen am Rhein werden nicht zurückgezogen und gegen die französische Aktion wird kein Protest erhoben, obwohl ein Teil der englischen Presse sich lebhaft für die Befolgung des amerikanischen Beispiels und die Abberufung der englischen Besetzungstruppen eintritt. "Daily Chronicle", das Blatt von Llody-George, aus dessen Hand wir heute an leitender Stelle eine neue Kritik des französischen Vorgehens veröffentlichen, nennt den französischen Vormarsch ein Verbrechen am Frieden, das nur zurückzuführen sei auf militärische und annexionistische Erwägungen.

 

Unsitten im Fremdenverkehr

Der Fremdenverkehr wirkt unerträglich verteuernd auf die Lebensführung der Einheimischen! Schluß mit der Saison!

Neue Freie Presse am 11. Jänner 1923

England interessiert sich für die kommende österreichische Sommersaison. Unsere diplo­matische Vertretung in London hat jüngst Tirol und jetzt Salz­burg wissen lassen, daß im englischen Publikum gewisse Zweifel laut geworden seien, ob die österreichischen Fremdenverkehrsorte heuer für den Besuch wieder in Betracht kämen. Diese Anfrage kann im Grunde genommen nicht sehr überraschen. Man hat sich im Gegensätze zur Uebung früherer Jahre, in der sich unsere Alpenvillegiaturen gern mit der Schweiz vergleichen hörten, eine merkwürdige Fremdenverkehrspolitik zurecht gelegt.

Waren Ski- und Bobsleigh in den Winkel geräumt und begann es zu grünen und zu knospen, dann wurde emsig die Werbetrommel gerührt und - allerdings bei freibleibenden Preisen - die Schönheit der Natur, die Güte und Bequemlichkeit der Unterkunft, die Für­sorge der öffentlichen Verwaltung und privater Organisationen um den sehr geehrten Herrn Sommergast gerühmt und ins beste Licht gerückt. Nach Tische las man allerdings anders. Begannen die Tage kürzer zu werden, strich der Wind zum erstenmal kühl über die kahlen Stoppelfelder, dann Hub im schärfsten Diskant an: Der Fremdenverkehr wirkt unerträglich verteuernd auf die Lebensführung der Einheimischen! Schluß mit der Saison! Hinaus mit den Fremden!

Ueber die nationalökonomische Zweckmäßigkeit des Fremdenverkehres, besonders in Zeiten ärgster Noteninflation gibt es schon ganze Bibliotheken. Freund und Feind vermögen manch triftigen Grund für ihre Anschauung geltend zu machen und die Schuld an dem beschämenden Ausgang manch österreichischen Sommerfrischenidylls aus der Nachkriegs­ zeit lag oft genug an den Gästen selbst, die nicht genügend Rück­sicht darauf genommen hatten, daß mit und neben ihnen in dem Ferienaufenthalt auch Arbeitsmenschen Hausen, die neidvoll, oft auch entrüstet, auf den Luxus des Städters blickten, besonders dort, wo er zur Prasserei wurde.

Ein solcher Szenenwechsel, wie er zwischen Mai und September nun fast überall zur Regel ge­worden ist, schädigt aber unter allen Umständen nicht nur den Fremdenverkehr, sondern auch das Urteil des Auslandes über österreichische Sitten und Gewohnheiten, über hierländische Auf­fassung von Treu und Glauben, der uns jetzt weniger denn je gleichgültig sein kann. Deshalb muß an die Salzburger Inter­essenten, die sich für die Abhaltung einer Fremdensaison auch in diesem Sommer ausgesprochen haben, rechtzeitig die Mahnung ge­rietet werden, schon zu Beginn auch an das Ende zu denken.

 

Der Abbaumillionär als Zechpreller

Ein Beamter wird über Nacht zu einem reichen Mann. Doch die Sache hat einen Haken.

Neue Freie Presse am 10. Jänner 1923

Es ist wieder Geld unter den Leuten. Die Abbaumillionen schwirren durch die Luft. So mancher der Abgebauten ist felsenfest davon überzeugt, daß er ein reicher Mann sei. Der Millionenrausch hat ihn nämlich übermannt. Er will, er kann nicht umrechnen. Er hat die Friedenswährung gründlich vergessen. Jetzt ist er ein mehrfacher Millionär. Das hätte er sich niemals träumen lassen.

Da ist er Tag für Tag, Jahr um Jahr in der dumpfen Amts­stube gesessen, hat Aktenstaub geschluckt, hat mechanisch und ge­dankenlos an dem winzigen Rädchen der großen Staatsmaschine gedreht, das ihm überantwortet war. Und er hat am Leben vorbeigelebt. Unbewußt oder bewußt war die alte, die grausame Wahrheit zu seiner Lebensdevise geworden: Der kleine Beamte hat nichts, aber das ist ihm sicher! Ueber Nacht ist es eben anders geworden. Gründlich anders.

Zuerst war es um die Sicherheit geschehen. Da wurde geraunt und gezischelt: Dieser steht auf der schwarzen Liste und jener wird pardoniert. Die Dienstjahre wurden berechnet und die Taufscheine überprüft. Und dann waren eines schönen Tages die Würfel gefallen. Eine mehr oder weniger stimmungsvolle Abschiedsfeier und soundsoviele Millionen bar auf die Hand. Das schützende Dach war plötzlich verschwunden. Eine Tür hatte sich aufgetan und war wieder ins Schloß gefallen, die sich nicht mehr auftut. Und der Abgebaute stand draußen und blinzelte verwirrt mit den geblendeten Augen, die des hellen Sonnenlichtes entwöhnt waren. Ein banges Gefühl des Schwindels droht ihn zu übermannen.

Da fühlt er nach der Brieftasche. Die ist hoch aufgeschwollen, so dick und inhaltsreich wie nie zuvor. Dort knistern die ganz großen Noten mit der schier unübersehbaren Nullenreihe. So, jetzt wird das Leben erst richtig angefangen. Was bisher war, hat sich solche Bezeichnung nur fälschlich und widerrechtlich angemaßt. Zwei­unddreißig Millionen, die Hunderttausender und die Zehn­tausender zählen natürlich gar nicht mit! Das ist doch schließlich kein Pappenstiel. Das garantiert eine neue Existenz. Die kann aber natürlich nicht von heute auf morgen frisch aufgebaut werden. Nur nichts übereilen! Erst ein wenig aufatmen! O Königin, o Republik, das Leben ist doch schön.

Heute wird im Polizeibericht eine Geschichte erzählt, wie der Abbaumillionär zum Zechpreller wurde, wie seine Millionen in wenigen Tagen dahinschmolzen gleich dem Märzenschnee, und wie der arme Postoffizial nach einem Dasein der strengen Pflichterfüllung, des braven, langweiligen Frondienstes im Amt als Betrüger ins Landesgericht muß. Diese Abbaumillionen werden noch manche verhängnisvolle Verwirrung anrichten. Sie werden den letzten, zugleich aber den traurigsten Katzenjammer nach dem allgemeinen Millionenrausch im Gefolge haben. Es ist leider unmöglich, wenigstens bei diesem Anlaß, die Maske der großen Ziffern fallen zu lassen, die auf der großen Redoute, genannt Wiener Leben, so viel Unheil stiftet und leider nur allzuoft aus dieser Maskenredoute einen Lumpenball macht.

 

Das neue Jahr bringt „ernste Mädchen“

In englischen Blättern ist eine Diskussion über das sich verändernde Bild der jungen Frau - den aktuellen “Girltypus” - entbrannt.

Neue Freie Presse am 9. Jänner 1923

Neben den wenig erbaulichen Prophe­zeiungen, Mutmaßungen, Kombinationen über die werdende, in Vorbereitung befindliche künftige politische Konstellation der Welt finden wir in englischen Blättern einen interessanten Ver­such, das Bild der jungen englischen Dame zu skizzieren, wie es im neuen Jahr der Gesellschaft sich zeigen dürfte. Wie das Girl von 1923 beschaffen sein wird? Schon äußerlich ganz anders als die Schwestern im verflossenen Jahr.

Ihre Röcke wird sie etwas länger tragen, die Taille anderswo, ihre Frisur wird sich ändern, ebenso die Fasson ihrer Hüte und Schuhe. Nicht un­wahrscheinlich, daß auch die Art des Ganges und sicherlich das Tempo der Bewegungen, Gestikulationen usw. merkbare Ver­änderungen erfahren werden. Natürlich wird „Miß 1923" neue Schlag- und Lieblingswörter und einen neuen Slang kultivieren; alle diese Ausdrücke höchstens Entzückens und grenzenloser Be­wunderung find ja bekanntlich der Mode unterworfen und werden wie der Armeejargon abgegriffene Münze.

Allein diese modischen Neu- und Umbildungen sind lange nicht das Wesentliche. Das Wichtigste wird die Wandlung des Charakters sein. Wir hatten das ästhetische, das athletische, das kätzchenhaft schmiegsame, das gelehrte Mädchen, die Frauenrechtlerin, das „Jazz-Girl". Das neue Jahr wird uns das ernste Mädchen bringen.

Nicht zu ernst allerdings, nicht die Schwerdenkerin, die nur in Okkultismus, Theosophie, Psychoanalyse sich ergeht, die nur Bücher, Bilder und Musik liebt, an denen gewöhnliche Sterbliche respektvoll vorübergehen. Nein, die junge Dame von 'morgen wird das Leben genießen wollen, wird Sinn haben für als die schönen Truge, die es bietet, sie wird aber gleichzeitig verstehen, daß das Dasein etwas mehr bedeutet als eine gefüllte Bonbonniere mit Rojabändern. Wir hatten zu viel von jenen Hohlen, die sich das Antlitz pudern, die Lippen färben und an einem Spiegel nicht vorübergehen können, ohne ihn eindringlich um seine Meinung zu befragen.

Die junge Dame von 1923 wird das Leben ernster nehmen, der Kreis ihrer Interessen, ihrer Ambitionen wird einen größeren Radius haben. Freilich wird sie auch tanzen, aber ohne Uebertreibung, wie sie auch weniger rauchen wird. Sie wird zweifelsohne in jedem Sport zu Hause sein, aber keinen Fetisch daraus machen. Verständiges Interesse an den großen Erschei­nungen der Welt wird sie auszeichnen und die lobenswerte Fähigkeit, über Fragen zu sprechen, die über den enggezogenen Rahmen ihres Kreises hinausgehen. Dabei wird man keines­wegs der Befürchtung Raum geben dürfen, daß Einbildung, überheblicher Dünkel ihr hervorstechender Zug würden; sie wird im Gegenteil, ein nicht weniger „lieber Kerl" sein als ihre Vor­gängerinnen, mir nicht geringerer naiver Freude, und Stolz ihre äußere Erscheinung pflegen.

Die Lösung der großen Unbekannten,die der Charakter der Frau im allgemeinen, des „jungen Mädels" im besonderen bedeutet, ist gewiß nicht leicht, aber, so meint der Verfasser schließlich, sicher wird 1923, wie die Jahre vorher, seinen eigenen Girltypus haben, der ebenso anziehend wie er­ frischend sein dürfte.

 

Hamlet, der Aristokrat

Ein Leser hat etwas in seinem Notizheft entdeckt - und berichtet der “Neuen Freien Presse” davon

Neue Freie Presse am 8. Jänner 1923

Von hochgeschätzter Seite wird uns geschrieben: In der ungemein geistreichen Auseinandersetzung „lieber die Krise des Dramas" von Franz Werfel wird die Behauptung ausgestellt, Shakespeare habe in seinen Helden eine überindividuelle Macht, den Adel, vertreten. Diese Aeußerung veranlaßt mich, aus meinem Notizbuche eine Bemerkung hervorzuziehen, die durch eine Lektüre des „Hamlet" hervorgerufen wurde.

„Shakespeare hat den Prinzen in Hamlet sehr betont, das Aristokratische scheint mir in seinem Wesen entscheidend. Er ist ein edelgesinnter, philosophisch angelegter, mehr dem Denken, als der Wirklichkeit zugewendeter Aristokrat; wäre er ein Bürgerlicher oder hätte er nicht den fürstlichen Zug seines Vaters geerbt - dem der thronräuberische Oheim in jeder Hinsicht unähnlich war - so wäre er mit all seinen besonderen Anlagen nicht Hamlet. Am Leben von Menschen, die er gering schätzt, liegt ihm gar nichts. Es erschüttert ihn nicht, daß er den Polonius getötet hat, und ohne Skrupel schickt er Rosenkrantz und Gyldenstern durch Fälschung eines Briefes ins Verderben.

So handelt nur ein Gefühlloser oder einer, der sich als über den Menschen stehend fühlt. Daß er mit dem niedrigen Volke leutselig und darum beliebt ist, spricht nicht dagegen, der wahre Prinz kann ruhig mit jedem in seiner Sprache reden, er vergibt sich nichts. Die Zuschauer würde es befriedigen, wenn er seine Beliebtheit benützte; um mit dem König schnell fertig zu werden, aber dann wäre er nicht Hamlet; ein Lacrtes rächt sich anders - sogar mit vergiftetem Degen. Hamlet ist freilich eine besonders feine Spezies des Aristokraten, er ist ans Handeln nicht gewöhnt und daher zu langsam oder zu rasch darin; bei all seiner Intelligenz ist er abhängig vom Augenblick.

Er ist nicht zum König geboren, der auch mit Geschäften zu tun hat, sondern "zum Prinzen, der es sich erlauben darf, beobachtend, nachdenklich, ironisch durch die Welt zu gehen. Ein junger Lord, der ein Aristokrat des Geistes ist und aus seiner Wanderung durchs Leben von einer furchtbaren Aufgabe, die ihm das Schicksal stellt, überrascht wird.

Vielleicht ist all dies in der unübersehbaren „Hamlet"-Literatur schon öfter gesagt worden; mögen dann Unkenntnis und Wiederholung verziehen werden dem Verfasser dieser Zuschrift.

 

Kämpfe im Schatten der chinesischen Mauer

Ein Augenzeugenbericht von der „großen weißen Mauer".

Neue Freie Presse am 7. Jänner 1933

Der Schauplatz der neuentfachten chinesisch-japanischen Scharmützel ist das östliche Küstenland des Golfes von Liaotung mit dem Zentrum Schanhaikwan an der Eisenbahnlinie Chinchow-Tientsin. Diese von fünf modernen Forts beschützte chinesische Grenzstadt ist der Punkt, bei dem die große chinesische Mauer am Meeresufer endet. Dieses mächtigste Bauwerk der Erde, 2450 Kilometer lang, ist in drei Zeitabschnitten erbaut worden; zuerst zur Zeit der Punischen Kriege, dann zur Zeit Karle des Großen als „äußere Mauer“ von Schanhaikwan nördlich durch die Mandschuerei als Pallisadenwall.

Wenn ein Kaiser der Chinesen den Wunsch hatte, seine Größe und Macht zu betonen, so baute er große Mauern und Stadttore. Durch ein solches, das „Tor der siegreichen Tugend“, verläßt der Weltreisende die Mandschustadt in Peking, um den von hier aus bequemsten Ausflug zur großen chinesischen Mauer zu machen, um „die weiße Wand“ zu bewundern.

Im Grand Hotel des Wagons Lit in Peking werden die chinesischen Kulis beigestellt, die, bepackt mit Decken und Mundvorrat, die Globetrotter begleiten. Wie alle gutgeschulten einheimischen Diener in Ostasien, versäumen sie während der Eisenbahnfahrt mit der Kalganbahn niemals, auf die Umgebung aufmerksam zu machen, auf den von einer Marmorbrücke überspannten Sandfluß, auf die vorbeiziehenden mongolischen Kamelkarawanen hinzuweisen. Geräuschlos und appetitlich bereiten sie im Coupé den Lunch und bei der Ankunft in Nankou sorgen sie für Pferde und Führer.

Nankou selbst hat Mauern, die das Tal vollständig sperren, so daß man glauben könnte, die große Mauer schon erreicht zu haben. Welche Täuschung! In Pelze gehüllt, die Köpfe in Pelzmützen steckend, reitet oder steigt man in brausendem Orkan durch einen engen steinigen Gebirgspfad zwei Stunden bergauf. Der Weg führt durch einen Tortur mit eingegrabenen Hindureliefs, Buddhafiguren und siebenköpfigen Schlangen, durch eine Festung an den ersten Trümmerresten der großen Mauer vorbei zur Paßhöhe, dem Nankoupaß – Pataling oder „die großen Berggipfel“ genannt. Die Großartigkeit des Eindruckes ist überwältigend.

Man steht auf einem unendlichen Gebirgsplateau, ringsumher am Horizont zerklüftete, prachtvoll konturierte Berge, dazwischen, verschwindend und immer wiederkehrend, die große Mauer. In malerischen Zickzacklinien steigt sie über die Kämme der Hügelketten, über Abgründe und durch Täler hinan. In der Ferne werden Basteien, Wachtürme und Zinnen sichtbar, Teile der breiten Plattform und ganz verfallenen Bruchstücke. Am blauen Himmel strahlende Sonne und durch die graue, trostlose Felsenlandschaft rast der Sturm. M.Y.S.

 

Was wird aus Österreich?

Gedanken anlässlich der neuesten Wendung in der Weltkrise.

Neue Freie Presse am 6. Jänner 1923

Ein Orkan fegt über die Erde. Die Gewaltigen stehen wider einander auf, die Hiebe sausen durch die Luft und niemand weiß, wann des Schreckens ein Ende wird. So brennend auch das Interesse an diesem ungeheuren Geschehen ist, wir schulden es uns selber, die Gedanken nicht blindlings Mischweisen zu lassen, sondern das Problem unserer eigenen Existenz in dieser Zeit des Elends und der Verwirrung mit Nüchternheit und geistigem Mute zu prüfen.

Der tiefe Gram über das Leiden des deutschen Volkes kann nicht ganz die Frage übertönen, die Sorge nicht ver­stummen machen: Wie ist es mit unserem Fort­kommen, welche Möglichkeiten der Erneuerung hat dieses Land im Herzen eines Kontinents, dessen Boden brüchig geworden ist und wo, wie sich jetzt in Prag zeigt, selbst bei den Siegerstaaten vulkanische Kräfte tätig sind, mit plötzlichen Ausbrüchen, die verheeren und erschrecken? Wie sauer wird uns Oester­reichern der Optimismus gemacht und wieviel Leid verfolgt diesen Staat, der, immer wieder emporgehoben, doch stets von neuem die Hand des grausamsten Geschickes fühlt, sei es in der Gestalt der wirtschaftlichen Krise, sei es in der Form eines Weltkonflikts, dessen Dauer nicht abzusehen ist.