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Morgenglosse

So geht Gorbi Superstar noch posthum viral

Ein Grammy, Songs, Auftritte in Film und Werbung: Der Staatsmann war auch eine Ikone der Popkultur.

Ihr Alten, lasst das Seufzen sein! Es mag euch ja betroffen machen, wenn die Jungen das Ableben von Michail Gorbatschow mit einem gelangweilten Schulterzucken quittieren. Aber versteht doch: Sie haben die Euphorie nicht miterlebt, nach dem Ende des Kalten Krieges. Wie sollen sie ihm dankbar sein?

Zumal sich der Himmel wieder verfinstert, Putin sei Undank. Dass die Russen nicht so recht mitziehen bei der friedlichen Wiedervereinigung der Welt, ließ schon ein Pizza-Hut-Werbespot von 1998 erahnen, der nun viral geht. In eine Filiale am Roten Platz in Moskau tritt da – der leibhaftige Gorbi. Eine Familie erkennt ihn. Vater und Sohn streiten sich, ob er Russland Freiheit oder Chaos gebracht hat. Bis die Mutter das Machtwort spricht: „Seinetwegen gibt es Pizza Hut!“ – und alle ihm zuprosten.

Eine Million Dollar für seine Stiftung soll Gorbatschow der Auftritt gebracht haben, er brauchte damals das Geld. Heuer, nach dem Beginn des Angriffs auf die Ukraine, hat die US-Fastfoodkette alle Filialen in Russland geschlossen. Das ist Weltgeschichte zum Reinbeißen, mit Tomatensauce und Käse drauf!

Loblied spanischer Donkosaken

Einen ähnlich niedrigschwelligen Zugang zur geopolitischen Lichtgestalt bieten auch YouTube-Videos des Songs „Gorbachov“ der spanischen Band Locomía: Zum Ibiza-Discosound der späten Achtziger singen vier Chicos in flamboyanten Donkosaken-Kostümen ein Loblied auf den Abwickler der Sowjetunion.

Kinder mit Englischkenntnissen können ihn als Märchenerzähler erleben, auf einer Einspielung von Prokofjews „Peter und der Wolf“, für die auch Sophia Loren und Bill Clinton (als Wolf) ihre Stimmen spendeten. Gemeinsam bekamen sie dafür einen Grammy. Stilvoll setzte Starfotografin Annie Leibovitz den abgedankten Hoffnungsträger in Szene: Für eine Louis-Vuitton-Kampagne filmte sie ihn in einer Limousine, die an der Berliner Mauer vorbeifährt, ihm zur Seite eines der ikonischen Köfferchen der französischen Luxusmarke.

Auch für seine Kinopräsenz vertraute der Ex-Kommunist auf Qualität: In Wim Wenders' „In weiter Ferne, so nah“ absolvierte er einen Cameo-Auftritt, im Verein mit Lou Reed, „Columbo“ Peter Falk und Heinz Rühmann. Was für eine Besetzung – und wie hoch über den banalen B-Movies seines Kontrahenten Ronald Reagan stehend!

Im Übrigen: Videospiele, T-Shirts, Episoden der „Simpsons“ – an seinem Feuermal auf der Stirn ist er immer leicht zu erkennen. Wird auch Christoph Waltz es tragen, in der Serie über den entscheidenden Abrüstungsgipfel von Reykjavik? Ob mit oder ohne: Möge er sich seiner Rolle würdig erweisen. Wie heißt es im Refrain des Locomía-Songs? „Viva Gorbi Superstar“. Auch nach seinem Tod, gerade jetzt.


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