Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Länger als der Vorgänger und wieder mit (hier freilich ohne) Stoffdach: AMG-Mercedes SL 63 4Matic+ mit vollem Namen.
Fahrbericht

AMG-Mercedes SL: Roadster, Versuch einer Neuerfindung

Der einstige Superstar im Modellprogramm von Mercedes hat längst an Bedeutung verloren. Kann die Neuauflage unter Regie der Performance-Abteilung AMG daran etwas ändern?

Für großartige Stückzahlen ist das Segment der luxuriösen Roadster naturgemäß nicht geschaffen. Aber gerade der Mercedes SL, der die Gattung im Wesentlichen überhaupt erst definiert hat, vermochte aus seiner schwer zugänglichen Zielgruppe stets herauszuragen und ins Populärkulturelle hineinzuspielen. Man denke an „Dallas“ und Bobby Ewings roten SL, später vielleicht an aufgebrezelte Exemplare als Must-have von Bordellbesitzern und Gangster-Rappern.


Nicht zu reden von der Heldensage, die um die Entstehung des Ur-SL Anfang der Fifties wabert – als Mercedes im ersten Kraftakt der Nachkriegszeit unter der Formel SL (für „Sport Leicht“ oder auch „Super Leicht“, beides ist zulässig) den schnellsten serienmäßigen Sportwagen der Welt hervorbrachte. Bei der ältesten durchgehend gefertigten Baureihe der Marke schwingt eine Art zweiter Gründungsmythos mit.

Exponiert

Bedauernswert oder nicht, Roadster mit ihren exponierten Sitzplätzen und ihrer mangelnden „Utility“ sind längst und bestenfalls Dekoration im SUV-dominierten Fuhrpark Besserverdienender. Die letzte SL-Generation – solide, aber in jeder Hinsicht unbedeutend – war in Europa zuletzt nur noch für dreistellige Stückzahlen gut, in den USA ein Haucherl darüber. Beim vorletzten SL (ab 2002) war zur Einführung noch mehr als das Zehnfache drin. Nun also die siebte Generation – kratzt die noch irgendjemanden?

Cockpit mit leider Mercedes-typisch komplizierter Bedienung.
Cockpit mit leider Mercedes-typisch komplizierter Bedienung.Jürgen Skarwan

Zunächst wurde ihre Entwicklung an Mercedes' Performance-Tochter AMG ausgelagert. Kurios, denn die hat eigentlich schon im Modellprogramm, was dem Geist des SL-Labels sehr gut entspricht – den allseits Köpfe verdrehenden, supersportlichen und mit nur 1665 kg auf der Waage recht leichtgewichtigen Zweisitzer AMG GT mit Roadster-Option. Für den SL hat AMG hingegen – als Premiere der Baureihe – eine zweite Sitzreihe vorgesehen, auch wenn die nur für Kinder tauglich ist und daher weitgehend als den Kofferraum ergänzende Gepäckablage dienen wird.

Insofern ist der neue SL wohl auch als Ersatz des S-Klasse Cabriolets zu sehen, das 2020 ausgelaufen ist. Mit der Leichtigkeit ist es bei seinen knapp zwei Tonnen Gewicht nicht weit her, freilich spielt das Thema in luxuriösen Gefilden keine große Rolle. Die Sportlichkeit wird zuallererst durch das Aufgebot gewaltiger Motorleistung dargestellt, mit unserem Testexemplar am obersten Rand der Möglichkeiten. Im SL 63 (die Zahl benannte in der AMG-Historie einst den Hubraum) ist unter der langen Motorhaube ein 4,0-Liter-Biturbo-V8 untergebracht, der maximal 585 PS und 800 Newtonmeter mobilisieren kann. In der Praxis - und das ist der Makel aufgeladener Hochleistungsmotoren, in deren Lastenheft längst auch das Zäumen von Emissionen aller Art steht - dauert es ein kleines Weilchen, bis der Furor der Maschine entfacht ist und bei den (in diesem Fall vier) Rädern angekommen ist.

Grenzbereich

Es sei denn, man bedient sich (zum Beispiel über Drehrädchen am Lenkrad) der mannigfaltigen Optionen zur Einstellung eines scharfen Set-ups aller Komponenten von Motor über Getriebe bis zu den Regelsystemen – dann sollte die Bahn jedoch nach Rennstrecken-Manier frei sein. Denn zweifellos beherrscht man bei AMG die Kunst, ein Fahrwerk für den Aufenthalt im fahrdynamischen Grenzbereich zu wappnen, selbst wenn dabei vier Sitzplätze mit allem nur erdenklichen Komfort bewegt werden.

Die dafür notwendige Luftströmung an der Karosserie hilft unter anderem ein automatisch ausfahrender, mehrfach verstellbarer Heckflügel zu manipulieren. Einfach nur so haarsträubend schnell zu fahren, ohne die Traktion in die Reserve zu drängen, ist ebenfalls eine Gangart, die das Fahrzeug gewährt, wenn auch nur selten die Umwelt.

Schon eine Schönheit, und am Heck fährt bei noch etwas schnellerer Fahrt ein variabler Flügel aus.
Schon eine Schönheit, und am Heck fährt bei noch etwas schnellerer Fahrt ein variabler Flügel aus.Jürgen Skarwan

Ungeachtet des im Detail eindrucksvollen technischen Aufwands, der dafür zu treiben ist – genannt sei etwa die Fünflenker-Vorderachse –, hinterließ uns diese Kombination von Anlagen zum luxuriösen Cruisen ebenso wie für astreine Supersport-Performance am Ende etwas ratlos. Den AMG GT Roadster halten wir in diesem Sinn für die schlüssigere Wahl. Oder den weniger arg hochgerüsteten SL 43 mit Vierzylinder, der auch die pönale Steuerlast des SL 63 (allein die NoVa: fast 74.000 Euro!) erheblich mindern hilft.

Letztlich ist es aber das Cockpit mit seiner vergurkten Bedienung, das einer nachhaltigen Begeisterung im Weg steht. Das muss bei Mercedes völlig neu erfunden werden. Die heillose Überfrachtung mit Funktionen aller Art und ein Wildwuchs an Displays aller Größen, alles kompliziert, vom Fahren ablenkend und um Aufmerksamkeit heischend – dass nun auch ein XXL-Tablet auf die Mittelkonsole gestellt wurde, macht die Sache leider auch nicht besser.

AMG-Mercedes SL 63 4Matic+

Maße L/B/H 4705/1915/1354 mm. Radstand 2700 mm.
Leergewicht 1904 kg (EU: 1970 kg).
Kofferraum 213 Liter.
Motor V8-Zylinder-Otto-Biturbo,
3982 ccm. Leistung max. 430 kW
(585 PS) bei 5500/Min., Drehmoment max. 800 Nm bei 2500/Min.
Allradantrieb, Neungang-Automatik. Hinterradlenkung.
0–100 km/h in 3,6 Sek. Vmax 315 km/h.
Testverbrauch 12,5 l/100 km.
Preis ab 252.695 Euro.