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Nekrolog

Heimito von Doderer - das Elternhaus war ihm ein Gräuel

Kämpfte mit „nimmermüder Bewältigung der Urerlebnisse“.
Kämpfte mit „nimmermüder Bewältigung der Urerlebnisse“.Franz Hubmann/Brandstaetter/Picturedesk
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Heimito von Doderer haderte zeitlebens mit den Dämonen seiner Kindheit und Jugend. Sein Neffe, Kurt Mayer, hat bei ihm gewohnt und nach dessen Tod Erinnerungen zu Papier gebracht. Wir bringen diesen Text aus dem Nachlass.

Vorwort

Diesen Nekrolog verfaßte Dr. Kurt Mayer (1906–1981). Er war der Neffe des Dichters Heimito von Doderer und war wohl wie kein anderer dazu berufen. Er hatte mehrere Jahre gemeinsam mit Heimito von Doderer, zeitweise auch mit Albert Paris Gütersloh, in Döbling gewohnt und mit ihm jede Menge Erlebnisse geteilt, die dann, literarisch erhöht, in seinen Werken, vor allem in der „Strudelhofstiege“, Eingang gefunden haben.

Auch hat Kurt Mayer einen Teil seiner Ferien zusammen mit Heimito von Doderer auf dem Landsitz seines Großvaters Wilhelm von Doderer im Riegelhof in Prein an der Rax verlebt; in der Obhut seiner Großmutter „Mumi“, die selbst musisch-literarisch veranlagt war und etliche Bühnenstücke verfaßte, die im Familientheater aufgeführt worden sind.

Dieses Manuskript verfaßte mein Vater Kurt Mayer nach dem Tode von Heimito von Doderer 1966. Ich, Jörg Mayer, habe es im Nachlaß meines Vaters gefunden und mich nun, spät aber doch, zur Veröffentlichung und damit zur späten Würdigung des Werkes meines Großonkels begeben. Die ungekürzte Originalversion befindet sich im Familienarchiv Doderer.

Dipl.-Ing. Jörg Mayer

(Großneffe von Heimito von Doderer)

Das Lebenswerk eines der originellsten und individuellsten, sicher aber charakterfestesten Romanciers unserer Tage liegt, leider nicht abgeschlossen, vor uns in unabsehbarer Fülle. Gemeinsam mit dem Dichter durchlebte Stationen weisen den Weg der Deutung des Werkes aus der Persönlichkeit und diese aus den Verhängnissen.

Doderers erster, wenig bekanntgewordener Roman heißt „Die Bresche“ und ist das Dokument der großen Umkrempelung. Er hatte den Schritt in der sibirischen Gefangenschaft des Ersten Weltkrieges getan, er hatte das „Amt“, wie er es nannte, auf sich genommen. Nicht wenig war es, was er der Berufung zum Schriftsteller zuliebe hinter sich ließ: behäbige Vertrautheit im Kreise einer Familie; die ehrsame und leise antiquierte Biederkeit der Vorfahren; der gesammelte Stolz tüchtigen Bürgertums; die geliebte Kammermusik in kerzenflimmernden Prunkstuben des Patriziats; ordenübersäte Frackbrüste, Dragonerhelme und Fanfaren, die ganze kosmopolitisch strahlende Pracht der Donaumonarchie, schon im Untergang. Seine Haltung schien ihm nur gerechtfertigt als frommer Nachvollzug der Schöpfung, und er bezeichnete sich als possierlichen Affen, der hinter den Geschehnissen Gottes einherhüpft, um sie zu imitieren. Zum Teil erklärt sich daraus seine Satzung, ausschließlich gegebene Persönlichkeiten nachzuformen. Anders geartete Versuche aus den frühen Tagen hat er ausnahmslos vernichtet.

Die Geheimwinkel seiner Figuren tastete er ab nach Süchten, Ängsten, Phobien und Wahnbildern; fingerte in den Herzspalten, um das Potpourri der Triebe und Umtriebe hervorzukitzeln. Dabei ging er durchaus systematisch vor. Er bediente sich auch wissenschaftlicher, vor allem tiefenpsychologischer Methoden. Im Rahmen der Recherchen konnte er sich erholen vom selbstauferlegten Diktat und ein wenig gehen lassen; seine Person, die stets Mittelpunkt des Werkes blieb, überspielen und sogar mitunter vergessen. Mit Vorliebe entwich er daher in die Gefilde des Skurrilen. Bei Gelegenheit bemerkte er: „Das Amt erlaubt nicht nur Diversionen, es erzwingt sie mitunter.“ Er machte übrigens üppigen Gebrauch von dieser Indulgenz. Wer ihn kannte, ist in der Lage, sich seinen listig-untergründigen Blick vorzustellen, der jenen Anspruch begleitete. Demgemäß wiederholt sich im Werk ein Motiv: der manchmal mit einem Feldstecher ausgestattete Beobachter, heimlich die intimen Herzwinkel seiner Opfer ausspekulierend.