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Wir schreiben das Jahr 1904. Wohl zu Schulbeginn im Herbst sind die Buben und Mädchen gemeinsam vor die Kamera getreten.
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Schulstart

78 Kinder in einer Klasse?

Dieses auf den ersten Blick unscheinbare Klassenfoto habe ich vor Jahren um wenig Geld auf dem Flohmarkt erworben. Seither liegt es in einer Schublade, von Zeit zu Zeit krame ich es hervor.

Kann man die Zukunft fotografieren? Ja, man kann! Werfen Sie mit mir einen Blick auf dieses Foto, schauen wir die kleinen Gesichter ganz genau an. Ihre Kleidung, ihre Haltung, ihre Mienen, ihre Blicke, ihre Frisuren, ihre Hände – wenn wir diesen Kindern in die Augen sehen, können wir, so bilde ich mir ein, einen Spalt der Zukunft erhaschen. Zumindest im Konjunktiv. Aber wir können auch zurückblicken in die Vergangenheit, denn obwohl die Kinder erst sieben Jahre alt sind, erzählen ihre Gesichter schon viel von dem, was sie erlebt haben.

Wir schreiben das Jahr 1904. Wohl zu Schulbeginn im Herbst sind die Buben und Mädchen gemeinsam vor die Kamera getreten. Oder besser: Sie wurden vom Fotografen in aufwendiger Regiearbeit einer neben dem anderen positioniert. Die erste Reihe sitzend, dann zwei Reihen kniend, eine weitere stehend. Dann wurden Stühle und Bänke herbeigeschafft, um die Kinder immer höher zu staffeln, damit ja die gesamte Gruppe ins Bild passte und jeder der 78 kleinen Köpfe sichtbar war. Und natürlich der Oberkörper des Herrn Lehrers in der Mitte. Fast als Einziger schaut er nicht in die Kamera, sondern leicht nach außen. Eine Hand hängt herunter, die andere hat er an seine Uhrkette gelegt.

Dieses auf den ersten Blick unscheinbare Klassenfoto habe ich vor Jahren um wenig Geld auf dem Flohmarkt erworben. Seither liegt es in einer Schublade, von Zeit zu Zeit krame ich es hervor und lasse den Blick über die Kindergesichter schweifen. Und immer passiert dasselbe: Ich bleibe hängen, vertiefe mich in einzelne Gesichter, staune, wie unterschiedlich diese in diesem zarten Alter schon sind, betrachte die Körperhaltungen, vergleiche die Kleidungsstücke: die langen Kleider der Mädchen, mit ihren Musterungen und Texturen, die viel uniformeren Jacketts der Buben, die bei genauerem Hinsehen doch sehr unterschiedlich sind. Was wohl aus diesen Gesichtern geworden ist, frage ich mich, welche Wege mögen die Kleinen eingeschlagen haben, nachdem die Volksschule hinter ihnen lag. Ich denke an Berufe und Arbeiten, an Familien und Wohnungen, an Träume, Hoffnungen und Ängste.