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Zeichen der Zeit

Die Liebe der Großeltern zu Konsalik

Da warten sie, halb zufällig, halb zurückgelassen – die vergessenen Bücher in Hotels und Ferienwohnungen.

Im Briefwechsel zwischen Hugo von Hofmannsthal und Arthur Schnitzler gibt es eine Stelle, für die das Wort Taktlosigkeit erfunden zu sein scheint. Keine Ahnung, welcher Teufel Hofmannsthal ritt, als er dem verehrten Kollegen am 29. Oktober 1910 mitteilte, dass er das ihm gewidmete Exemplar von dessen Roman „Der Weg ins Freie“ in der Eisenbahn liegen gelassen habe – und zwar „halb zufällig halb absicht-lich“? Natürlich war Schnitzler erbost, und es bedurfte mancher rhetorischen Verrenkung, um die Sache aus der Welt zu schaffen.

Der Sommer ist die Zeit der verlorenen Bücher. „Halb zufällig halb absichtlich“ zurückgelassen in Hotels und Ferienwohnungen, dämmern sie eher trostlos als hoffnungsvoll ihrer Wiederentdeckung entgegen. Als dekorative Platzhalter bevölkern sie schattige Winkel, die Nachbarschaft von Topfpflanzen oder Schränke, in deren hallender Leere sich sonst nur ein paar Bügel hängenlassen. Manchmal verweist ein handgemaltes Schild mit der Aufschrift „Bibliothek“ auf ihre Existenz gleich neben der Besenkammer – was sie nicht davor bewahrt, das eine oder andere Gramm Staub anzusetzen.

In der Regel erweist sich das Ganze als ungeordneter Haufen, dessen Durchsicht kaum lohnt. So wie bei jenen von unsichtbarer Hand bestückten Bücherregalen, die man seit einigen Jahren landauf, landab in ausgedienten Telefonzellen findet. Oft scheinen sie eigens dafür geschaffen, die Konsalik-Vorliebe der Großeltern-Generation zu entsorgen – und die juristische Fachliteratur des vergangenen Jahrhunderts gleich mit. Selten springt einem ein zerknautschter Canetti oder ein vergilbter Erzählband von Marlen Haushofer ins Auge.